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Annette (Katharina Heyer) hat nicht viel Glück mit ihren Nachbarn. Bild: MDR

Der Polizeiruf im Ersten : Auf dem Dorf herrscht Mord und Totschlag

  • -Aktualisiert am

Meditative Traktorfahrt ins finstere Zentrum der Kollektivpsyche: Der letzte „Polizeiruf“ mit Matthias Matschke spießt sein Thema mit der Mistgabel auf.

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          Am Sonntagabend wird im Ersten wieder gemordet. Acht Wochen mussten wir uns mit Wiederholungen begnügen. Der neue Anfang ist freilich gleich auch wieder ein Ende, denn der Abgang eines „Polizeiruf“-Kommissars, der sich zur Charakterfigur gemausert hat, steht an. Und doch ist der Ausstieg des vielgebuchten Matthias Matschke nachvollziehbar. Hauptkommissar Dirk Köhler, dessen stets ein wenig Behauptung gebliebene Familienaffinität vor allem die Eskapaden der bindungsgestörten Kollegin Doreen Brasch – gespielt von Claudia Michelsen, die zuvor schon von Kollege Sylvester Groth sitzengelassen wurde und künftig allein ermittelt – auszubalancieren hatte, durfte nie wirklich leuchten. Zudem stand er dem von Matschke fürs ZDF verkörperten Kriminalpsychologen „Professor T.“ im Weg, der konturschärferen Figur.

          Endlich also wird wieder gemordet – aber dann gibt es gar keine Leiche, nur einen blutverschmierten Kofferraum und einen verschwundenen Charismatiker mit russischem Akzent, der ein ganzes Dorf in seinen Bann geschlagen und zugleich zu hemmungsloser Abneigung gereizt zu haben scheint. Und noch ein Aber muss vermerkt werden: Spannung gibt es diesmal auch nicht. Die „Polizeiruf 110“-Episode, die durch rekordverdächtigen Gelbfiltereinsatz optisch nahezu monochrom wirkt (mit allen bekannten Obertönen: Hitze, Lust, Wahnsinn), gleicht einer meditativen Traktorfahrt ins finstere Zentrum der Kollektivpsyche eines Dorfes, so wie sich Städter (der Regisseur stammt aus Braunschweig, die Autorin aus Leipzig) das wölfisch-dröge Leben von Hinterwäldlern ausmalen: „Hier soll immer alles so bleiben, wie es ist.“ „Hier kennt jeder jeden.“ Viele hassen es, aber: „Man kommt hier nicht weg.“ Dagegen hilft nicht einmal ein Systemwechsel wie nach 1989: „Viel hat sich nicht verändert.“ Ungesagt bleibt auch das Offensichtlichste nicht.

          Der Einbruch des Fremden in das Bekannte

          Nach zwei beschwingten Episoden für das Magdeburger Team, die auf das Konto des Buch-Regie-Kamera-Gespanns Wolfgang Stauch, Thorsten C. Fischer und Theo Bierkens gingen, fällt „Mörderische Dorfgemeinschaft“ in der Regie von Philipp Leinemann (Buch Katrin Bühlig) trotz guter Darsteller und atmosphärischer Dichte (Kamera Jonas Schmager) deutlich ab: vorhersehbar im Erzählerischen, betulich in den Kuchen- und Landeiwitzen, einfallslos in der Symbolik (Wolf, Mistgabel, Sportwagen) und aufgesetzt im melancholischen Ton. Ihre Einsamkeits-Botschaft brüllen uns die Bilder entgegen: Frauen allein auf Schaukeln, Männer allein am Angelteich, Kinder gibt es gar nicht. Am täppischsten geht der Film mit der heiklen Leitthematik um: dem Einbruch des Fremden in das Bekannte, was von den Dörflern vor allem aus Angst vor der eigenen Faszination für dieses Fremde als bedrohlich wahrgenommen wird.

          Die Rückblicke, in denen wir sehen, wie Jurij (Tambet Tuisk), der „wie so ein Fremdkörper in diesem Dorf“ war, der „geliebt und gehasst“ wurde, wie dieser „Freigeist“ mit „Raupe Nimmersatt“-Appetit und durchaus krimineller Ader seine „Magie“ wirkt („Du gibst dich freiwillig auf“), sind erwartungsgemäß peinlich. Noch beschämender wirkt allerdings eine verzweifelte Schnaufsexszene auf dem Boden. Zu vermissen scheint den Fremden einzig die von ihm schwangere Annette Wolf (Katharina Heyer). Bei Wolfsvater Werner (Hans Uwe Bauer) sieht das ganz anders aus. Und nicht einmal Jurijs einziger Freund, Bäcker Dietmar (Christian Beermann), macht sich Sorgen. Blutlache hin oder her: „Jurij muss manchmal für sich sein.“

          Dass alle verdächtig sind, sagt bereits der Titel, muss aber noch einmal ausgesprochen werden: „Irgendwie könnte es jeder gewesen sein“. So kokettiert der Film offen mit der Möglichkeit der spätestens seit Agatha Christies „Mord im Orient Express“ beliebten Krimivariante einer kollektiven Tat, aber natürlich ergeben sich einige Überraschungen. Gelungen ist der die Geschichte ins Zeitlose verfremdende Pastiche-Look. Die fast gemäldeartige Anmutung der Innenaufnahmen in Verbindung mit den teils seltsam unbeteiligt aufgesagten Texten entrückt den Plot endgültig ins theatralisch Parabelhafte, wo sich Hass und Liebe auf die Heimat ebenso die Waage halten wie Wut und Lust auf alles Fremde. Was aber soll die Parabel uns sagen? Führt zu viel Heimat in die Hölle? Ist das Fremde eine Bedrohung, wenn man sich zu naiv öffnet? Kippt Willkommenskultur immer in Selbstverteidigung?

          Alles egal bei solcher Hitze, quaken uns die Frösche zu. So verglüht dieser immerhin schön anzusehende Feld-, Wald- und Wiesenkrimi in stiller Bedeutungslosigkeit, während sich Matthias Matschke sang- und klanglos aus dem „Polizeiruf“ davonmacht. Im lang gedehnten Nachspann ist er schon nicht mehr zu sehen, überlässt den finalen Auftritt einem berühmten Gastschauspieler. Dieser Abgang ist charmant undramatisch. Aber Matschke hätte einen knackigeren letzten Fall verdient gehabt. „Heute beißen sie irgendwie nicht“, sagt er einmal. Wie wahr.

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