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„Polizeiruf“ aus Brandenburg : Tödliche Recherche

Bei der Beweisaufnahme: Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz). Bild: rbb/Degeto/Oliver Feist

Eine Journalistin wird tot aufgefunden. Sie hatte zu den illegalen Machenschaften eines Energiekonzerns recherchiert: Das Team des „Polizeirufs“ aus Brandenburg zieht mutig ein großes Thema groß auf.

          3 Min.

          Wenn Journalisten über Journalisten schreiben, kann es albern werden, selbst wenn es ernst ist. Ähnliches gilt für Fernsehfilme, in denen Journalisten tragende Rollen spielen. Warum? Weil ihr eigentliches Handwerk, anders als das von beispielsweise Piloten, Ärzten, Zirkusdompteuren oder Indiana Jones, mühsam in aufregenden Bildern zu transportieren ist und der Griff in die Klischee-Kiste naheliegt. Anwälte, Banker und Beamte kennen dieses Schicksal, Ärzte auch.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Brandenburger „Polizeiruf“ enttäuscht in der Hinsicht fast. Das heißt, er kriegt noch die Kurve. Was allerdings daran liegt, dass die Pressevertreter hier schnell dezimiert werden: Die junge Investigativjournalistin Anne Gerling (Antje Traue) stirbt gleich zu Beginn; bleibt ihr Vater Eric (Max Herbrechter) – Journalist a.D. –, um den Berufsstand zu repräsentieren. Und das darf er, in dem er hart an der Grenze zu besagten Klischees agiert.

          Er raucht, recherchiert vor halbleeren Biergläsern oder Kaffeetassen, hat einen Bauch, weiß alles besser als die Polizei, verbessert und erscheint überall ungefragt, bringt die Wahrheit lieber „ans Licht“, als sie „herauszufinden“, und pocht – mehr Fernsehkrimibinse geht kaum – auf den Schutz seiner Quellen. Seine Rolle ist die des notwendigen Wichtigtuers und damit gar nicht so weit von der Realität entfernt.

          Die „starke Frau“ muss sie nicht mehr ausstellen

          Anne Gerling musste sterben, weil „etwas Unglaubliches am Laufen“ ist (Buch Silja Clemens, Stephan Rick, Thorsten Wettcke): Der Energiekonzern Ergatome will in Polen nahe der Grenze ein Atomkraftwerk bauen – gegen den Protest von Umweltschützern und Anwohnern. Der Konzern, beraten durch die frühere Umweltaktivistin Regine Arnim (Julika Jenkins), steht im Verdacht, ein Gutachten des Geologen Johannes Schiller (Matthias Ziesing) zurückgezogen zu haben. Der zweifelte die Sicherheit des Standorts an. In einem Prozess soll Richter Lukasz Franczak (Maciej Stuhr) über die Klage der Anwohner entscheiden. Auch Gutachter Schiller soll aussagen. Sogar der polnische Staatssekretär Gurski (Janusz Cichocki) ist vor Ort. Und niemand in diesem Reigen, der nicht etwas dabei zu gewinnen respektive zu verlieren hätte.

          Was diesen „Polizeiruf“ auszeichnet, ist seine Unaufdringlichkeit. Dialoge und Aktion wirken nicht wie aus dem Degeto-Labor. Zwar werden Leuchtkörper – die obligaten Blinklampe eines Peilsenders, das rote Lämpchen einer Überwachungskamera – zwecks Anschaulichkeit mit übertriebenem Klang-Design inszeniert, „büüüp“ (Ton Ludwig Bestehorn). Das besagte Blinklicht des Peilsenders strahlt unter dem Auto der Journalistin heller als jede Unterbodenbeleuchtung eines Dreier-BMW der Zweitausender-Jahre. Auch gibt es die notorischen roten Schnüre, die in der Wohnung der Verstorbenen die von ihr gezogenen Verbindungen bei ihrer Recherche illustrieren. Doch hält dieser Versuch eines Politkrimis das dick Aufgetragene aus, weil die Darsteller mit fast aggressiver Natürlichkeit dagegen anspielen.

           Ja, Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) sieht in vielen Szenen aus, als posiere er für eine ganzseitige Uhrenwerbung. Doch selbst wenn man nicht weiß, warum der Fall ihn plötzlich so mitreißt (Überarbeitung, Trennung?), nimmt man es ihm ab. Kollegin Olga Lenski hat in ihrem lässigen Berliner-Fashion-Week-Outfit die Ruhe weg und marschiert, Hände in den Hosentaschen, stichwortgebend, lakonisch kommentierend und spannungsabbauend durch all die oft gewitzt geschnittenen (Schnitt Vessela Martschewski) Szenen – als eine, die ihre „starke Frau“ qua Drehbuch nicht mehr ausstellen muss.

          An den richtigen Stellen Gewicht

          Die Schau stiehlt ihnen nur Maciej Stuhr als Richter zwischen allen Fronten. Wir sehen ihn zu Beginn mit der unglücklichen Journalistin Anne im Bett. Derweil sitzt seine Frau Katharina (Dagmar Leesch), die für sich und ihn Karrierepläne in Warschau hat, zu Hause und spielt sich für eine Stelle als zweite Cellistin im Warschauer Symphonie-Orchester mit Bachs Cello-Suiten die Finger wund – mal mit Kim Novaks berühmter Strudel-Frisur aus Alfred Hitchcocks „Vertigo“, mal mit Dutt – in ein und derselben Szene.

          Dadurch, dass die Tragik des Privaten von diesen beiden Figuren und nicht von den Kommissaren getragen wird, bekommt der Film an den richtigen Stellen Gewicht, das die leichte Unwucht an anderer Stelle – zu viele Schattenmänner im Gegenlicht nebst mancher Vorhersehbarkeit (Kamera Florian Foest, Regie Stephan Rick) – geschickt austarieren kann. Mit diesem „Polizeiruf“ beweist das Team um die Produzentin Heike Streich den Mut, große Themen groß aufzuziehen, während es dem Ensemble gelingt, diese Last mit Lust zu stemmen. Man sieht gebannt dabei zu.

          Polizeiruf 110: Tod einer Journalistin, an diesem Sonntag, 29. Dezember, um 20.15 Uhr im Ersten.

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