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„Polizeiruf“ aus Rostock : Das Phantom des Anatomen

  • -Aktualisiert am

Was verbirgt Maler Hansen? Die Kommissare König (Anneke Kim Sarnau) und Bukow (Charly Hübner) gehen jeder Spur nach. Bild: NDR

Der „Polizeiruf“ ist wieder einmal einem Mädchenmörder auf der Spur. Doch die Schauspieler Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner machen daraus zusammen mit Regisseur Damir Lukacevic starkes Fernsehen.

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          Serienkiller sind Serienstars. Eine höhere Psychopathendichte als im Krimiprogramm von ARD und ZDF dürfte es in den dunkelsten Ecken des Landes nicht geben. Bildete man einen Querschnitt-Typus aus all den Triebmördern, die zu bester Sendezeit ihr Unwesen treiben, käme wohl jener Täter heraus, der nun in Rostock zuschlägt. Er wählt gezielt junge Frauen aus, fesselt, knebelt und erwürgt sie, um den Opfern, deren Schuhe er zwanghaft säuberlich aufstellt, Organe zu ent- oder den Kopf abzunehmen – „post mortem“, wie mehrfach versichert wird. „Die Körperteile sind seine Trophäen“, doziert die sonst kühle, von diesem Fall aber schwer mitgenommene Profilerin Katrin König (Anneke Kim Sarnau). Wissen kann sie das zwar nicht, hat aber vermutlich auch schon einige Krimis geguckt.

          Da scheint es besonders bedenklich, dass ihr ausgerechnet das Wort „Anatomie“ nicht einfällt. Vorerst unklar bleibt, ob ihre Wortfindungsstörung und hämmernden Kopfschmerzen zur Sorge Anlass geben, von Tumor bis Demenz wäre alles denkbar. Die Diagnose des Kollegen Bukow (Charly Hübner) fällt jedoch entspannt aus: „Ihre schöne große Turbine ist ein bisschen zu schnell unterwegs.“ „Dass einem die einfachsten Worte nicht einfallen“, kennt Bukow schließlich selbst: „Was meinen Sie, warum ich so wenig rede?“ Dem Pathologischen solchen Raum zu geben, hat seine Richtigkeit, denn das Rostocker „Polizeiruf“-Team ist das physischste von allen. Auch deshalb sind diese Unterhaltungen glaubhaft. Was sonst oft nach ausgedachten Witzkrankheiten klingt, um den blutigen Erzählstrang durch eine Parallelhandlung auf Ermittlerebene aufzulockern, ist hier von einem fatalistischen Ernst, dass man am liebsten die Rettung riefe.

          Die Verkörperung des Kaputtgehens an der Kaputtheit

          Und wenn dann ein schwitzender, unrasierter T-Shirt-Bukow sich in der Nacht im Revier volllaufen lässt, angewidert von den Abgründen menschlicher Bösartigkeit, dann wirkt selbst diese klischeehafteste aller Hardboiled-Krimi-Szenen echt und stark. Das führt schnurstracks zum Funktionsprinzip dieses atmosphärisch dichten Films von Damir Lukacevic (Buch und Regie). Er besitzt zwar einen auf den ersten Blick wenig originellen Plot, bindet uns jedoch frech auf die Nase, was wir in Hunderten von Plot-Zwillingen bislang übersehen haben, und zwar deshalb, weil es erst dann zum Ausdruck kommt, wenn man über Schauspieler verfügt, die das Kaputtgehen an der Kaputtheit der Welt nicht spielen, sondern im Wortsinne verkörpern.

          Den stets alerten Zuschauerverdacht gegen zu deutlich ausgelegte Spuren geht Lukacevic frontal an. So scheint der Unternehmer Frank Kern (Simon Schwarz) den frühen Verdacht gegen sich auf schräge Weise zu erhärten. Kein Alibi? Klebeband und Messer im Handschuhfach? Das Auto voller Blut, das creepy Frank der Tochter (Emilia Nöth) mit überfahrenem Hund erklärt? Auf die Frage, wie er zu Gewalt gegenüber Frauen stehe, diese Antwort: „Prostituierte begeben sich aufs offene Meer, da schwimmen jede Menge hungrige Raubfische, die ihren Urtrieben nachgehen“? Der war es nie und nimmer.

          „Habt Ihr’s jetzt mit Eurer scheiß Wurst?“

          Andererseits kennen wir alle „Biedermann und die Brandstifter“: Manche Dinge geschehen, weil man wegschaut. Aber dann ist da ja noch das Sado-Maso-Pärchen Hansen (Angela Winkler, Alexander Beyer) – nicht weniger verdächtig. Solcherart auf die Essenz aller „Whodunnits“ reduziert, entfaltet sich ein sehenswerter Schaukampf zwischen Wahrheit und Lüge.

          Obwohl dem Film, der quasi die Anatomie eines Fernsehkrimis ausstellt, etwas Metafiktionales anhaftet, ist das Ergebnis nicht verkopft. Das liegt zum einen an der direkten, teils schmutzigen Inszenierung, zum anderen an dem phantastischen Ensemble, das auch über den straßenschlauen, moralisch integren, diesmal etwas weichherzigeren Bullen Bukow und seine nervlich zerfledderte Kollegin König hinaus perfekt zusammenwirkt. In Stil, Ton und Timing stimmig sind die Verhörszenen und Unterhaltungen, und im Detail eben doch originell, ob nun der schnodderige Chef Röder (Uwe Preuss) wegen des „Rippers von Rostock“ nur zögerlich an die Öffentlichkeit gehen will, oder ob Kommissar Pöschel (Andreas Guenther) eine Bratwurst-Fehde zwischen den ewigen Rivalen Thiesler (Josef Heinert) und Bukow noch im Entstehen abwürgt: „Habt Ihr’s jetzt mit Eurer scheiß Wurst?“

          Ein wenig hat man den Eindruck, Lukacevic habe mit Absicht gut abgehangene Motive verwandt, um zu zeigen, was man aus ihnen machen kann. Die Intensität ist über die gesamte Strecke hoch, gegen Ende wird aber auch hier noch einmal die Turbine angeworfen, denn kaum dass alles Kriminologische abgestreift ist, steigert sich die Handlung ins ausweglos Tragische. Spätestens jetzt bräuchte man eine von Bukows rumänischen Hammertabletten, die er Kollegin König mit den vielleicht hoffnungsvollsten Worten dieser anderthalb Stunden andreht: „Aber die helfen.“

          Der „Polizeiruf 110: Dunkler Zwilling läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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