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„Polizeiruf“ aus Magdeburg : Wer bleibt auf der Strecke?

  • -Aktualisiert am

Der Wettmafia auf der Spur: Claudia Michelsen spielt die Kommissarin Doreen Brasch. Bild: MDR/Stefan Erhard

Der „Polizeiruf“ aus Magdeburg handelt von einer Wette, die tödlich endet. Kommissarin Doreen Brasch, neben der schon zwei Kollegen gescheitert sind, geht ins Rennen mit dem Landeskriminalamt. Es geht um Sieg oder Platz.

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          Bei den Buchmachern gilt ein Rennen dann als „tot“, wenn zwei oder mehr Teilnehmer gleichzeitig das Ziel erreichen. Für Wettsportler sind mehr Sieger freilich allesamt Verlierer. Ihr Favorit hat gewonnen, aber der Gewinn wird geteilt. Im Fernsehkrimi ist das „tote Rennen“ als Metapher zwar nicht so üblich, führt aber meist zur Win-win-Situation – für das Publikum.

          Wie im neuen „Polizeiruf“-Fall aus Magdeburg, in dem Doreen Brasch (Claudia Michelsen) zum ersten und vielleicht letzten Mal allein in die Startbox muss, nachdem sie schon zwei männliche Kollegen durch ihre Eigenwilligkeiten vergrault hat. Die Hauptkommissare Jochen Drexler (Sylvester Groth) und Dirk Köhler (Matthias Matschke) sind nicht mehr dabei, Kriminalrat Uwe Lemp (Felix Vörtler) macht wegen Personalmangel Feldarbeit, der geschätzte neue Kollege Günther Márquez (Pablo Grant) unterstützt mit Stalldienst die Bahnrunden, die schroffe Chefin vom LKA, Martina Rössler (Therese Hämer) blockiert den Rennverlauf („Sprechen Sie mit dem Innenminister“), allein ihr zuständiger Verbindungsmann bringt sich selbst ins Spiel – und liefert sich mit Brasch im holprigen Ermittlungsgelände bald ein Kopf-an-Kopf-Rennen, dessen Ausgang man in den ersten Szenen,Traumsequenzen, ahnen kann – aber nur wenn man an Prophetie glaubt.

          Am Elbstrand liegt unweit der Galopprennbahn Herrenkrug ein Toter. Weiß, männlich, Ende zwanzig, ermordet durch einen Messerstich in den Bauch oder durch Gift, meint der Gerichtsmediziner Manfred Muser (Henning Peker). Schwer zu entscheiden. Marlon Siebert (Vincent Krüger) war spielsüchtig, hoch verschuldet und wohnte seit kurzem wieder bei seinen Eltern Usch und Steffen (Catherine Flemming und Torsten Ranft), ehemals berühmten DDR-Eiskunstläufern, die zwischen ihren Pokalen sitzend bloß noch aufs Fernsehgerät starren. Vergessene Sportlegenden, enttäuscht und angezählt. Erfolg ist eine Droge, ihr Entzug bitterer als vorherige Bedeutungslosigkeit.

          Ihr epigenetisch dementsprechend vorbelasteter Sohn wettete obsessiv auf Pferderennen, das Gehalt seiner getrennten Frau Manu (Anke Retzlaff) wurde gepfändet, nicht einmal die Spardose des Sohns war vor ihm sicher. Dass er außerdem als V-Mann der LKA-Sonderkommission „Toto“ bei Ermittlungen im Wettmafiamilieu unterwegs war, macht die Aufklärung heikel. Sein LKA-Polizei-Verbindungsmann Hannes Kehr (Michael Maertens) unterstützt Braschs Ermittlungen heimlich. Er führt sie vor Ort in die Zusammenhänge des organisierten Siegeverschiebens ein. Drittliga-Fußball, vor allem aber Galopprennen versprechen Kasse. Für die Kommissarin haben die gewarnten Drahtzieher eine beschämende Erniedrigung auf dem Schein. Zocker Micky (Martin Semmelrogge) behält eine Trophäe ihres erzwungenen Kontrollverlusts – die Brasch als Warnung wieder zugespielt wird.

          Regisseur Torsten C. Fischer inszeniert „Totes Rennen“ filmästhetisch in einer Art Dominik-Graf-Grammatik. Sein Kameramann Theo Bierkens zeigt typische Graf‘sche Schwenks, Zooms, hier und da ein visuelles Puzzle und den leitmotivischen Einsatz blutrot gefärbter Sequenzen als Verneigung vor den eigenen Anfängen und der gemeinsamen Arbeit, weniger als Kniefall vor dem Meister. Auch das Buch von Stefan Dähnert und Lion H. Lau findet seinen eigenständigen Ton und zeigt gelungene Dramaturgie über die Distanz.

          Claudia Michelsen spielt Doreen Brasch, die sich körperlich durch ihre schlimme „Kalkschulter“ nicht beeinträchtigen lässt, aber unter ihrer Demütigung mindestens mimisch entgleist, entsprechend subtil wie Michael Maertens den undurchsichtigen LKA-Mann. Beider Kräftevergleich wird zum „toten Rennen“ und macht diesen „Polizeiruf“ sehenswert. Das Verbrechensthema Wettmafia dagegen hat man etwa im Thriller „Auf kurze Distanz“ mit Tom Schilling (2016, Regie Philipp Kadelbach) schon wesentlich spannender gesehen.

          Der Polizeiruf 110: Totes Rennen läuft am heutigen Sonntag, 16. Februar, um 20.15 Uhr im Ersten.

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