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„Polizeiruf 110“ aus München : Mit kriminologischer Quantenmechanik

  • -Aktualisiert am

Vermisstenanzeige für eine Katze: Bessie (Verena Altenberger) hat dafür Zeit. Bild: BR

Im „Polizeiruf 110“ löst Bessie Eyckhoff das unphysikalische Paradox um „Frau Schrödingers Katze“ auf. Dabei geht es um sehr viel mehr als ein verschwundenes Haustier. Ein wenig verworren ist dieser Fall schon.

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          Wenn man die Polizistin Elisabeth „Bessie“ Eyckhoff (Verena Altenberger), die Nachfolgerin des Kommissars Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) im Münchner „Polizeiruf 110“, nach nunmehr drei Einsätzen beschreiben soll, dann erst einmal so: Sie ist Anthropologin aus Berufung. Verena Altenberger spielt sie famos und präzise, gibt ihr eine warme Intelligenz und ein Mona-Lisa-Geheimnis. Als Österreicherin zwischen Münchner Lokalmatadoren muss Bessie immer auch in Sachen Bodenständigkeit punkten, das geht sich noch nicht immer ganz aus.

          Glücklicherweise löste sie ihren ersten Fall, „Der Ort, von dem die Wolken kommen“, geradezu traumwandlerisch mithilfe umstrittener Doppelhypnose. In ihrem zweiten Fall, „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“, sah man Bessies Solidarität mit Kollegen, die in ethischen Zwickmühlen korrupt geworden waren und den höchsten Preis selbst zahlten. In beiden Fällen war der Kern – Wahlfamilie als Missbrauchshölle das eine, moralisches Dilemma das andere Mal – nur mit flexiblem Denken und Menschenverstand zu finden. Die Annahmen und Wahrscheinlichkeiten, mit denen ihre männlichen Streifendienstkollegen operieren, unterläuft Bessie Eyckhoff beharrlich. Man wünscht ihr eine lange Karriere – die sie im demnächst kommenden vierten Fall auf neue Wege führen wird.

          Wenn es um die Sache, etwa einen Fall von Fahrerflucht mit tödlichem Ausgang, geht wie in „Frau Schrödingers Katze“, verlässt sich Bessie Eyckhoff auf Kombinationsgabe und Assoziationstalent. Wo von Meuffels alles schwer und grüblerisch nahm, besonders die Liebe, hat Bessie ein Talent für die Zweisamkeit. Adam (Camill Jammal) heißt dieses Mal ihre Bekanntschaft. Ein international arbeitender theoretischer Physiker, der gerade in der Heisenberg-Bibliothek forscht oder beim Abendessen im libanesischen Restaurant studiert. Es wird kein Drama aus der Kürze der Zufallsbegegnung werden. Die keine Zufallsbegegnung ist, wenn man Quantenmechanik auf Lebenswirklichkeit überträgt, ein Vorhaben, das der Österreicher Erwin Schrödinger 1935 in seinem Aufsatz „Die gegenwärtige Situation in der Quantenmechanik“ in Paragraph 5 als „burlesk“ bezeichnete. Worauf er einen solchen „burlesken Fall“ beschrieb, der als „Schrödingers Katze“ zur Physikfolklore gehört. Die Absicht war, Kontraintuitives und Paradoxes der Annahmen und Wahrscheinlichkeiten quantenmechanischer Beschreibungen zu verdeutlichen (eine Katze, die gleichzeitig lebendig und tot ist, bis man nachschaut und „das Universum“ in diesem Moment den Daumen neigt?), kann aber, für bare erzählerische Münze genommen, viel hermachen. Man darf getrost annehmen, dass es die wenigsten Zuschauer so genau wissen wollen. Zum Spielmaterial taugt die Katze in der Kiste in diesem Film, der zugleich als kleinbürgerliche Sozialstudie funktioniert. Was mit theoretischer Physik nichts mehr zu tun hat.

          Der Regisseur Oliver Haffner inszeniert das Drehbuch von Clemens Maria Schönborn, dessen Physikfimmel Heisenberg und Schrödinger in einen „Beste Sprüche“Topf wirft, direkt und ohne Oberstufenwissen-Schickimicki. „Alles hängt mit allem zusammen“, und „der Standpunkt des Beobachters verändert das Ergebnis der Beobachtung“, das sind in diesem Kriminalfall die Grundlagen. Oder einfach Behauptungen, welche die Kamera von Kaspar Kaven durch luzide Strenge unterspielt. Mit Schrödingers Katze in der Kiste wird beliebig umgesprungen – ein Verweis auf antike Mythologie hätte genauso gepasst.

          Pandora heißt die Katze, wegen derer Verschwinden die alte Frau Schrödinger (Ilse Neubauer) auf dem Revier erscheint, um eine Vermisstenmeldung aufzugeben. Kollege Eden (Stephan Zinner) packt gleich das Formular wieder ein, Bessie dagegen fährt die Dame nach Hause, erfährt Umstände, hängt Suchplakate auf und wechselt Blicke mit Adam. Vicky (Luna Jordan) findet die Katze und packt sie in die Kiste, um mit ihrem Dealerfreund (Valentino Fortuzzi) Lösegeld zu erpressen. Dumm nur: Ans Telefon geht nicht Frau Schrödinger, sondern ihre Haushaltshilfe Karin Meyer (Lilly Forgách), die Möchtegern-Lady Macbeth von Sendling. Die mit ihrem tumben Erfüllungsgehilfen und Ehemann Michi (Ferdinand Dörfler) gerade mit einer gefälschten Schenkungsurkunde für Schrödingers Häuschen beim windigen Notar Leopold Gaigern (Florian Karlheim) vorgesprochen hat. Die Burleske entwickelt sich mit hinterfotzigem Humor, denn es gilt nun, die alte Dame zu beseitigen, damit der Erbfall eintritt. Was Bessie Eyckhoff immer wieder durchkreuzt.

          Großartig ist „Frau Schrödingers Katze“ in der Genauigkeit des Szenenbilds von Renate Schmaderer (Frau Meyer bügelnd in einem Schlafzimmer, das in jedem Detail „gewollt untere Mittelklasse“ schreit wie der silberfarbene VW-Golf, den das Paar fährt, das Sendlinger Viertel, die Einrichtung bei Frau Schrödinger, „Welthölzer“ inklusive, Straßenkreuzungen und andere sprechende Orte). Auch die Musik von Arash Safaian und der Eingangssong „Wann strahlst du?“ von Erobique und Jacques Palminger featuring Yvon Jansen spielen dem Ende aufs Schönste in die Hände. Meriten aber sammelt dieser „Polizeiruf“ vor allem als giftige Kleinbürgersatire und weil er der erzählerischen Wahrscheinlichkeit des Kriminalfilms ein grandioses Schnippchen schlägt.

          Der Polizeiruf 110: Frau Schrödingers Katze läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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