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FAZ.NET Tatortsicherung : Wie viele Lücken hat die Geschichte der RAF?

  • -Aktualisiert am

Die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) erreichen einen Tatort mit langer Vorgeschichte. Bild: SWR/Julia von Vietinghoff

Der neue „Tatort“ aus Stuttgart will den langen Arm der RAF bis in die heutige Bundesrepublik hinein verfolgen. Kommt ihm die Realität dabei entgegen? Wir haben Terrorismus-Experten gefragt.

          Christoph Heider (Oliver Reinhard) ist mit seinem Auto gegen einen Baum gefahren. Im Kofferraum: Die Leiche seiner früheren Frau, bereits fachgerecht obduziert. Sie sei in der Badewanne ertrunken, kein Fremdverschulden liege vor, heißt es.

          Doch warum sind dann Beweismittel verschwunden? Und warum setzt Oberstaatsanwalt Lutz (Friedrich Mücke) alles daran, die Ermittlungen einstellen zu lassen? Und das, obwohl Wilhelm Jordan (Hannes Jaenicke), der jüngste Lebensgefährte der Frau, ein klares Motiv für den Mord hätte.

          Lannert und Bootz (Richy Müller und Felix Klare) heften sich an Jordans Fersen und landen in einem Strudel aus Terror, Intrigen und gebrochenen Existenzen. Der lange Schatten der RAF, er reicht bis ins Heute.

          ***

          Frage 1: Der Film beginnt mit einem Überfall auf einen Geldtransporter. Bald wird klar, dahinter stecken ehemalige RAF-Terroristen, die immer noch auf freiem Fuß sind. Wie viele RAF-Mitglieder gibt es noch im Untergrund?

          Christoph Heider (Oliver Reinhard) wird von der Straße gedrängt.

          Antwort von Anne Ameri-Siemens (Autorin des Buchs „Ein Tag im Herbst – Die RAF, der Staat und der Fall Schleyer“):

          In den letzten Jahren ging es in der Diskussion um die RAF vor allem um die noch im Untergrund lebenden Angehörigen der dritten RAF-Generation, namentlich: Daniela Klette, Ernst-Volker Wilhelm Staub und Burkard Garweg. Wie viele Unterstützer die RAF hatte, ist bis heute unvollkommen beantwortet - so wie die Morde der RAF von Mitte der Achtziger Jahre an bis heute nicht aufgeklärt sind. Es gibt noch viele offene Fragen.

          ***

          Frage 2: Bootz und Lannert kommen an einer Unfallstelle an. Im Kofferraum liegt die Leiche einer Frau. Offensichtlich wurde sie bereits obduziert. Der Unfallfahrer - der frühere Mann der Toten - wollte mit ihr nach Frankreich, um sie dort abermals obduzieren zu lassen. Geht das oder würde jeder Gerichtsmediziner eine bereits obduzierte Leiche wieder zurückweisen?

          Astrid Frühwein (Heike Trinker) ist bei einem Überfall auf einen Geldtransporter dabei.

          Antwort von Prof. Dr. Frank Wehner (Lehrbereich Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Tübingen):

          Es kommt schon immer mal wieder vor, dass eine Leiche zum zweiten Mal obduziert wird. Ich hatte zum Beispiel selbst mal einen Fall, in dem waren die Verwandten mit dem Ergebnis meiner Obduktion nicht zufrieden. Als die Leiche dann freigegeben war, haben sie sie in der Schweiz nochmal privat obduzieren lassen. Übrigens mit dem gleichen Ergebnis. Aber wenn das so wie im Film ist, dass da einer mit einer Leiche im Kofferraum vorfährt und sagt „Obduzier mal!“, da würde ich die Finger von lassen.

          ***

          Frage 3: Bootz macht einen Journalisten (Christoph Hofrichter) ausfindig, der ihm mehr Hintergründe über V-Männer, den Verfassungsschutz und die RAF erzählt. Er behauptet, die RAF hätte eine Zeit lang „Personalprobleme“ gehabt und fast jeden genommen. Deswegen sei es auch leicht für den Verfassungsschutz gewesen, Leute in die RAF einzuschleusen. Hatte die RAF wirklich Personalprobleme?

          Kann man Journalisten in Fernsehfilmen glauben? Thorsten Lannert (Richy Müller) im Gespräch mit Rainer Kravitz (Christoph Hofrichter)

          Antwort von Wolfgang Kraushaar (Politikwissenschaftler, Autor des Buchs „Die blinden Flecken der RAF“):

          Beides ist in dieser Allgemeinheit nicht zutreffend. Zunächst einmal zur Nachwuchsfrage: Man hat natürlich nicht nach dem Motto “Wer zu uns kommen und mitmachen will, der ist auch willkommen” gehandelt. Das wäre naiv gewesen. Schließlich wollte man sich ja kein Kuckucksei einfangen, also jemanden, der ein doppeltes Spiel treibt und etwa für irgendeinen Geheimdienst arbeitet. Die Nachwuchsrekrutierung war an bestimmte Kriterien geheftet und vollzog sich in einer Reihe von Einzelschritten bzw. Phasen, bei denen bestimmte Filter zu durchlaufen waren. Auch wenn das kein formalisierter Auswahlprozess war, so ließ man dabei doch ein hohes Maß an Vorsicht walten. Über einen Mangel an Nachwuchs konnte sich die RAF zumindest bis zum “Deutschen Herbst” nicht beklagen.

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