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FAZ.NET-Tatortsicherung : Der Mann, der Stuttgart 21 rettete

Gute Architektur lohnt sich immer, meint Busso von Mayer (Thomas Thieme) Bild: SWR/Alexander Kluge

Im neuen „Tatort“ toben die Bürgerproteste gegen Stuttgart 21 wie in alten Zeiten. Wie ist die Stimmung wirklich? Was macht der Juchtenkäfer? Unser Korrespondent Rüdiger Soldt vergleicht Film und Wirklichkeit.

          6 Min.

          Wie der neue „Tatort“ aus Stuttgart (Buch und Regie: Niki Stein) Motive aus der baden-württembergischen Politik der letzten Jahre leicht verfremdet zusammenpuzzelt, wirkt sehr gekonnt. Stuttgart 21 liefert die Steilvorlage für die Krimihandlung, der Untersuchungsausschuss zum EnBW-Deal des früheren Ministerpräsidenten Stefan Mappus steht Pate für die Erklärungsversuche eines gescheiterten Staatssekretärs, der eine Landesbürgschaft in den Sand gesetzt hat. Aus dem Juchtenkäfer, der den Baufortschritt am Tiefbahnhof lähmt, wird der Borkenkäfer (was ein ziemlicher Schmarrn ist); aus dem Gipskeuper, der Stuttgarts Untergrund zum Quellen bringen könnte, wird der Kalkmergel, der zu brüchig ist. Aber wichtiger ist die Frage, wie gut Niki Steins Karikatur die tatsächlichen Zustände in Stuttgart getroffen hat. Das klären wir mit unserem in Stuttgart lebenden F.A.Z.-Korrespondenten für Baden-Württemberg.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Fehlt für einen erbaulichen Fernsehabend nur noch eine befriedigende Erklärung der kryptischen, den Krimi einrahmenden Zitate des Rechtsmediziners Daniel Vogt. Im Anblick einer zerstückelten Leiche räsoniert er: „Ich würde mal sagen, das ist der Preisch für seine Stellung als Künstler“? Und auf wen bezieht sich die im Vorspann eingeblendete Texttafel mit der Aufschrift:  „Und jeden Tag muss er sehen, wie dieser Preis neu gefordert wird. Immer wieder – immer, immer wieder! (Ibsen)“?

          Beide Zitate stammen aus Henrik Ibsens Drama „Baumeister Sollneß“, in dem der titelgebende Architekt für seine Erneuerungswut alles andere opfert, bis er schließlich in Gegenwart einer jungen Verehrerin zu Tode stürzt  – was Kennern dieses „Tatorts“ als Entschlüsselungshinweis genügen dürfte, Suttgart-21-Gegner aber keinesfalls besänftigen wird.

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          Frage 1: Im neuen „Tatort“ aus Stuttgart toben – vier Jahre nach dem letzten Regierungswechsel, wie es heißt – immer noch die Bürgerproteste gegen den Tiefbahnhof. Die Stadt komme wegen S 21 einfach nicht zur Ruhe, wird im Film gesagt. Wie ist die Lage in Stuttgart wirklich? Was ist aus den Montagsdemonstrationen geworden?

          Braucht man für S21-Demonstrationen heute Fernsehstatisten?

          Die Stadt ist längst zur Ruhe gekommen. Die Demonstrationen finden nicht mehr auf dem Arnulf-Klett-Platz vor dem Hauptbahnhof statt, sondern häufig auf dem Schlossplatz. Die Grünen haben sich aus dem Aktionsbündnis der Bahnhofsgegner zurückgezogen, wie auch der BUND und der VCD (Verkehrsclub Deutschlands). Zur Befriedung hat die Volksabstimmung beigetragen, bei der es selbst in Stuttgart eine Mehrheit für den Bahnhof gab. Auch der Wechsel im Rathaus von Wolfgang Schuster (CDU) zu Fritz Kuhn (Grüne) half, die Stadtgesellschaft zu befrieden. Anlässlich des Kirchentages hatten die Bahnhofsgegner zu einer Großdemonstration („Jesus würde oben bleiben“) aufgerufen. Nach Angaben der Polizei nahmen an der Demonstration etwa 2000 Bürger teil, zu den regelmäßigen Montagsdemonstrationen finden sich heute meistens nur 200 bis 300 Gegner ein. Nach einer 2014 veröffentlichten Umfrage wird Stuttgart 21 von 60 Prozent der Bürger in Baden-Württemberg befürwortet und von 40 Prozent abgelehnt, die Zustimmung ist seit der Volksabstimmung sogar noch deutlicher geworden.

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          Frage 2: Was gibt es Neues über die Juchtenkäfer (im Film ist vom Borkenkäfer die Rede) und die Eidechsen, die in diesem „Tatort“ als anhaltende Störenfriede und Verhinderer des Baufortschritts dargestellt werden?

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