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Tatort-Sicherung : Arbeiten in Ramstein amerikanische Drohnenpiloten?

  • -Aktualisiert am

Kommissarin Odenthal ist sich sicher: Das Stück Plastik ist von einer selbst gebastelten Drohne abgefallen. Kollege Peter Becker (Peter Espeloer) muss erst nachforschen. Bild: SWR/Alexander Kluge

Der neue „Tatort“ spielt unter Menschen, die vom Krieg und vor allem durch Drohnenangriffe traumatisiert wurden. Wie realistisch werden die Zusammenhänge dargestellt? Wir haben Experten gefragt.

          Der auf Kriegstraumata spezialisierte Psychotherapeut Dr. Steinfeld wird erschlagen in seiner Praxis aufgefunden. Während sich Kommissarin Johanna Stern (Lisa Bitter) in ihrer Recherche darüber wundert, dass sich Opfer und Täter in Steinfelds Praxis die Türklinke in die Hand gaben, ist Oberkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) einer ersten Fährte auf der Spur: Schon mehrmals polizeilich aufgefallen ist der völlig verzweifelte Mirhat Rojan (Cuco Wallraff), einer der Patienten Steinfelds, der seine beiden Kinder bei einem Luftangriff im Irak verlor. Plant er einen Anschlag?

          Anschlagspläne scheint auch Heather Miller (Lena Drieschner) zu verfolgen. Sie war früher Screenerin in den Vereinigten Staaten, bis ihr Dr. Steinfeld Depressionen attestierte, wodurch sie nach Ramstein versetzt wurde. Diese Situation hat sie in eine Krise gestürzt.

          Wie nachvollziehbar diese Motive sind und wie realistisch die Arbeit in Ramstein wiedergegeben wird, haben wir Experten gefragt.

          ***

          Frage 1: Dr. Steinfeld, ein auf Kriegstraumata spezialisierter Psychiater, wird erschlagen. Seine Kollegin Dr. Christa Dietrich (Beate Maes) berichtet: „Ich habe hier in der Praxis etliche Patienten total ausflippen sehen“. Eine überzeichnete Darstellung?

          Andere Psychiater hätten sich von kriegstraumatisierten Patienten vielleicht abgewandt: Kommissarin Odenthal (Ulrike Folkerts) mit dem erschlagenen Dr. Steinfeld (Alois Kramer) in seiner Praxis.

          Antwort von Dr. Andrea Scheutz (Psychotherapeutin bei Hemayat, Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende in Wien):

          Ja, das ist deutlich überzeichnet. Man darf nicht vergessen, dass es sich bei zivilen Personen vor allem um Empfänger von Gewalt und nicht um gewalttätige Akteure handelt. Außerdem bricht das Trauma nicht sofort aus den Betroffenen heraus. Die Menschen kommen nach der Flucht an, sind erstmal einige Zeit in Sicherheit und erst dann machen sich Symptome bemerkbar. Bei manchen auch erst nach zwanzig Jahren. Die einzelnen Symptome bei Kriegstraumata reichen von allen Formen von psychischen Störungen, wie Wahrnehmungsstörungen, Apathie, Depression, Zwangshandlungen bis hin zu Halluzinationen, sogenannten Flashbacks, wobei eine Person eine frühere Gefahrensituation als gegenwärtig erlebt. Im somatischen Bereich kann es zu chronischen Schmerzen, Schlafstörungen, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Essstörungen, Atemstörungen, starken Kopfschmerzen, extremen Schwankungen aller Vitalwerte, zu kognitiven Störungen, Gedächtnis- oder Konzentrationsverlust kommen. Ich habe aber wie gesagt noch nie erlebt, dass sich daraus eine Gefährlichkeit für andere ergibt.

          ***

          Frage 2: Beim ermordeten Dr. Steinfeld waren einige ehemalige Drohnenpiloten aus der Air Base Ramstein in Therapie. Der Oberstaatsanwalt (Max Tidof) ist sich sicher: „Die leiten da ja nur das Funksignal weiter, wegen der Erdkrümmung, oder?“ (Minute 31). Steinfelds Kollegin Dr. Dietrich daraufhin: „Es soll Journalisten geben, die meinen, dass manche Drohnenpiloten auch von deutschem Boden aus arbeiten.“ Wie wird in Ramstein gearbeitet?

          Auch Steinfelds Kollegin Dr. Dietrich (Beate Maes) weiß einiges über das Krankheitsbild „Kriegstrauma“ und hilft bei der Ermittlung.

          Antwort von Christian Fuchs (Co-Autor des Buchs „Geheimer Krieg. Wie von Deutschland aus der Kampf gegen den Terror gesteuert wird“):

          Das ist interessant, denn ich kenne keinen seriösen Journalisten, der behauptet, dass Drohnenpiloten von Ramstein aus arbeiten. So, wie das amerikanische Drohnensystem aufgebaut ist, machte das keinen Sinn. Die Piloten sitzen wirklich in den Vereinigten Staaten, im Cockpit, meistens in der Wüste, wie etwa in Nevada. Aber alles andere findet in Deutschland statt. Neben den Funksignalen, was hier richtig im „Tatort“ dargestellt wird, gibt es auch ein „AOC“, also ein „Air and Space Operations Center". Das ist quasi die Kommandobrücke eines Drohnenangriffs beziehungsweise einer Drohnenmission. Die Kommandanten, die hier das Signal geben, dass eine Rakete abgeschossen wird, sitzen in Ramstein. Es befinden sich also nicht nur die technischen Einrichtungen, sondern auch die, die die Befehle geben, in Ramstein. Am Ende führt dies aber der Pilot in Amerika aus. Auch wenn er keine Macht hat, sondern einfach ausführendes Organ ist. Also zu behaupten, dass Drohnenpiloten auch in Deutschland sitzen, ist Quatsch. Aber trotzdem ist die Air Base Ramstein eine wichtige Anlage, die die Leute, die dort arbeiten, durchaus traumatisieren kann.

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