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Tatort-Sicherung : Kann man die russische Mafia mit Powerpoint erklären?

  • -Aktualisiert am

Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth (Joe Bausch, links) und die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) bei der Tatort-Betrachtung Bild: WDR/Martin Valentin Menke

Im neuen „Tatort“ aus Köln geht es um schlaflose, aber unermüdliche Ermittler, tödliche Verkehrskontrollen und die russische Mafia. Wie viel Realität steckt darin? Wir haben Experten gefragt.

          Damit hätte Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) nicht gerechnet: Frank Lorenz (Roeland Wiesnekker), Schenks damaliger Kollege bei Ausbildung und nun Polizist in Köln, rückt in den Mittelpunkt seiner aktuellen Ermittlung. Bei einer Verkehrskontrolle, die Lorenz durchführt, kommt der junge Pascal Pohl (Wolf Danny Homann) ums Leben. Lorenz hat ihn gebeten, aus dem Auto zu steigen, Pohl aber läuft vor lauter Panik vor eine Straßenbahn und stirbt noch an Ort und Stelle. Lorenz ist sich sicher: Pohl wurde von russischen Drogenbossen verfolgt, da er diese kurz zuvor bestohlen hatte. Außerdem sah er einen russischen Lieferwagen durch die Verkehrskontrolle rasen.

          Blöd nur, dass die Überwachungskameras den besagten Lieferwagen nicht aufgezeichnet haben und die vermeintlichen Drogenbosse „bloß“ mit Kaviar dealen. Hat Lorenz sich alles nur ausgedacht? Kommissar Schenk beginnt, die Glaubwürdigkeit seines alten Kumpels in Frage zu stellen. Wir unterziehen den Sonntagabendkrimi einem Faktencheck.

          ***

          Frage 1: Die Kommissare versuchen einen Lieferwagen mit Hilfe des Polizisten Lorenz zu identifiziere. Dieser hatte ein Logo auf einem vorbeirasenden Wagen erkannt. Auf dem Revier spuckt die Suchmaschine „Logotype Research“ das richtige Logo aus, allein auf Basis einer gekritzelten Skizze (Minute 12). Ist das realistisch?

          Antwort von Helmut Adam (Vorsitzender des Bezirksverbandes Köln des Bundes Deutscher Kriminalbeamter):

          Der Name dieser Software ist mir nicht bekannt, das wird vermutlich ein Filmname sein. Der Einsatz so einer Software ist allerdings durchaus realistisch. Ein Logo auf Basis einer von Hand gekritzelten Skizze zu erkennen ist derzeit aber noch nicht möglich. Es ist eine Frage der Zeit, bis diese Softwares besser entwickelt sind.

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          Frage 2: Bei einer üblichen Verkehrskontrolle stirbt ein Autofahrer, der von einer Straßenbahn erfasst wird. Der Kontrollpunkt liegt außerhalb der Verkehrsüberwachung (Minute 15). Sollten Kontrollen von Verkehrskameras aufgezeichnet werden? 

          Diese Verkehrskontrolle ist ausgeartet: Polizist Frank Lorenz (Roeland Wiesnekker) und die Kommissare Schenk (Dietmar Bär) und Ballauf (Klaus J. Behrendt).

          Antwort von Helmut Adam:

          In Deutschland und vor allem in NRW ist es speziell geregelt, wo Videoüberwachung überhaupt möglich ist. Seitens der Polizei ist sie nur möglich, um Straftaten zu verhindern. Wir haben keine flächendeckende Überwachung des Verkehrsraums. Sporadisch gibt es eine solche Überwachung seitens der Stadt Köln. Da werden aber nur Bilder von besonderen Knotenpunkten übertragen, zum Beispiel Kreuzungen oder auch Haltestellen von Straßenbahnlinien; aber eben nicht die ganze Strecke. Gerade an diesen Knotenpunkten kann man aber schwer eine Verkehrskontrolle durchführen, da man hier kaum gefahrenlos Verkehrsteilnehmer anhalten kann. Daher werden Verkehrskontrollen nicht dort durchgeführt, wo sie im besten Falle auch überwacht werden. Zu diskutieren wäre natürlich, ob die Polizei in Zukunft zusätzlich Kameras bei Verkehrskontrollen einsetzen sollte. Die rechtlichen Bedingungen wären hier zu klären. Wobei wir uns hiermit aber in Richtung einer umfassenden Videoüberwachung bewegen, die ja zu Recht sehr skeptisch zu sehen ist.

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          Frage 3: Kommissar Ballauf (Klaus J. Behrendt) beauftragt seinen Assistenten (Roland Riebeling), beim Dezernat für organisierte Kriminalität eine „Übersicht über die kriminellen russischen Strukturen in NRW“ zu erfragen (Minute 19). Wenig später zeigt der Assistent eine aufwendige Präsentation über die Netzwerke der russischen Mafia in NRW. Kann man das so leicht ins Bild bringen?

          Antwort einer Sprecherin des BKA:

          Solche Lagebilder werden jährlich, höchstens halbjährlich erstellt. Sie werden also nicht innerhalb von zwei Stunden angefertigt, sondern werden kontinuierlich fortgeschrieben. Realistisch wäre auf dem Revier, dass man sich mit dem entsprechenden Dezernat in Verbindung setzt und mündlich briefen lässt oder ein bereits bestehendes Lagebild übermittelt bekommt. Das würde schon gehen. Ein Assistent kann allerdings nicht auf die Schnelle selbst ein Lagebild erstellen und auch ein BKA-Beamter ist nicht Experte auf jedem Fachgebiet.

          ***

          Frage 4: Der Gerichtsmediziner Dr. Roth (Joe Bausch) präsentiert den toxikologischen Befund des Verstorbenen, der zum Todeszeitpunkt aufgrund einer hohen Dosis an MDMA und Amphetaminen „komplett high“ war (Minute 21). Lassen sich bei Verstorbenen Aussagen über einen Drogenrausch machen?

          Antwort von Dr. Stefan Tönnes (Leiter der Forensischen Toxikologie am Institut für Rechtsmedizin, Universitätsklinikum Frankfurt):

          Die Bezeichnung „komplett high“ halte ich aus forensischer Sicht für nicht haltbar. Es gibt Leute mit solch extremer Gewöhnung, die selbst bei sehr hohen Werten, die schon unter Vergiftung fallen würden, kaum einen Rausch verspüren. Ich würde in diesem Fall also keine Schlussfolgerung auf eine Wirkung zum Todeszeitpunkt ziehen, daher wirkt das für mich wie eine Überinterpretation.

          ***

          Frage 5: Dr. Roth teilt den Kommissaren weiterhin mit, dass im Auto des Verstorbenen Drogen sichergestellt wurden. Die chemische Zusammensetzung deute auf holländische, nicht russische Produktion hin. Lassen sich die Herkunftsländer synthetischer Drogen feststellen?

          Zwar dealen sie nicht mit Drogen, dafür aber mit Kaviar: Nikolaj Nikitin mit seinem Onkel Roman Beresow (Jevgenij Sitochin).

          Antwort einer Sprecherin des BKA:

          So eine geographische Zuordnung kann durchaus getroffen werden. Aus wissenschaftlicher Sicht ist so ein Vergleich allerdings nur dann möglich, wenn Vergleichsmaterial vorliegt; sprich die Sicherstellung aus einem Labor eines anderen Landes. Dann kann man Drogen miteinander vergleichen. Der Großteil der Sicherstellungen im Bereich MDMA erfolgt tatsächlich aus den Beneluxstaaten.

          ***

          Frage 6: Der russischen Familie Beresow hat Polizist Lorenz Beweise untergeschoben, doch wurde mit der Staatsanwaltschaft ein „Deal ausgehandelt“, damit die Sache vom Tisch ist und Lorenz in eine andere Stadt versetzt (Minute 63). Eine denkbare Lösung?

          Antwort von Helmut Adam:

          Nein, denn der Beamte würde ja eine Straftat begehen, indem er jemanden falsche Beweise unterschiebt und dadurch einer falschen Verdächtigung aussetzt. Diese Straftat ist nicht mit einem „Deal“ aus der Welt zu schaffen, denn die Polizei und die Staatsanwaltschaft unterliegen dem Strafverfolgungszwang. Gegen den Beamten würde ein Strafverfahren eingeleitet, welches durch die zuständige Staatsanwaltschaft geprüft und in so einem gravierenden Fall auch durch ein Gericht abschließend beurteilt würde. Zusätzlich gäbe es ein Disziplinarverfahren. In NRW ist die Versetzung in eine andere Stadt außerdem keine gültige Disziplinarmaßnahme. Ich denke, dass solch unrechtstaatliches Verhalten einen enormen Vertrauensverlust der Bevölkerung in die Polizei zur Folge hätte. Mir ist im übrigens kein derartiges Verhalten von Kriminal- und Polizeibeamten bekannt. Ebenso fremd sind mir die besagten "Deals" seitens der Staatsanwaltschaft zum Vorteil der Polizei; solche darf es in einem Rechtsstaat auch nicht geben.

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