FAZ.NET-Tatortsicherung : Lauter windige Behauptungen
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Auch auf Windparks für sauberen Strom wird mit Handschuhen ermittelt: Die Kommissare Stedefreund (Oliver Mommsen) und Inga Lürsen (Sabine Postel) verschlägt es auf die hohe See. Bild: Radio Bremen/Jörg Landsberg
Können die Flugrouten von Vögeln Offshore-Windparks verhindern, und lohnt es sich, für ein Umweltzertifikat über Leichen zu gehen? Der neue „Tatort“ hatte Fachberater. Einfluss hatten sie offenbar wenig.
Der neue Bremer Tatort ist noch keine fünf Minuten alt, da erwischt es schon das erste Opfer. Wir sehen es nicht, wir hören nur den dumpfen Schlag, mit dem ein Windradflügel einen Vogel erwischt. Den sammelt kurze Zeit später Henrick Paulsen (Helmut Zierl) auf; dem radikalen Umweltschützer sind die Offshore-Windparks in der Nordsee ein Dorn im Auge.
In der Folge „Wer Wind erntet, sät Sturm“ folgt dem toten Vogel wenig später der Umweltaktivist „Pico“ – erschossen mit einer Makarov. Tatverdächtig ist für die Kommissare Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) zunächst der Aktivist Paulsen, denn der ist spurlos verschwunden. Ein Motiv für den Mord hat aber auch der ehrgeizige Windpark-Besitzer Overbeck, der kurz vor der Insolvenz steht und seine Gläubiger nur durch ein Umweltzertifikat für seinen Park hinhalten könnte.
Das Drehbuch stammt von Dirk Morgenstern, Boris Dennulat und Wilfried Huismann. Mit Huismann hatte das Team einen Experten an Bord, der sich in Sachen Umweltschutz auskennen sollte, immerhin hat er durch sein kritisches „Schwarzbuch WWF“ vor einigen Jahren von sich reden gemacht. Hat er den Bremer „Tatort“ die richtigen Hinweise gegeben? Wir haben bei Experten nachgefragt.
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Unternehmer Lars Overbeck braucht ein Umweltzertifikat für seinen Offshore-Windpark. Dafür wäre er bereit, viel Geld zu zahlen. Doch sein Windpark steht anscheinend in einer Vogelflugroute, für Umweltschützerin Katrin Lorenz (Annika Blendl) ein klarer Grund, hier kein Zertifikat zu vergeben. (Minute 55)
Frage 1: Gibt es Umweltzertifikate für Offshore-Windparks in Deutschland?
Antwort von Dr. Sven Teske (Greenpeace Hamburg):
Umweltzertifikate für Offshore-Windanlagen sind Quatsch, so etwas gibt es in Deutschland nicht. Die Einspeisung wird hier über das EEG, das Erneuerbare-Energien-Gesetz geregelt. Jede Kilowattstunde wird dabei mit einer bestimmten Summe nach bestimmten Kriterien vergütet. Umweltzertifikate spielen bei diesen Kriterien keine Rolle. In anderen Ländern – wie zum Beispiel in Schweden oder Großbritannien – gibt es Zertifikate, allerdings werden auch diese nicht nach solchen Kriterien, wie im Bremer „Tatort“ dargestellt, vergeben.
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Frage 2: Wäre eine Vogelflugroute ein triftiger Grund, diese nicht zu vergeben?
Antwort von Dr. Sven Teske (Greenpeace Hamburg):
Die Storyline mit der angeblichen Vogelflugroute ist gelinde gesagt sehr mutig. Greenpeace hat sich damals aktiv für den Ausbau der Offshore-Energie in der Nordsee eingesetzt. Solche Massen an toten Vögeln wie im Film gezeigt, wird man auf keiner Windanlage im offenen Meer finden. Es gibt beispielsweise schwedische Radaraufnahmen, die zeigen, wie ein Vogelschwarm vor einem Windpark die Flughöhe vermindert und unbeschadet unter den Rotorblättern hindurch fliegt. Ich selbst habe vor meiner Zeit bei Greenpeace als Ingenieur ein Jahr auf einem Testfeld für Windkraftanlagen gearbeitet und das Vogelmonitoring betrieben. Ich habe in dem gesamten Jahr eine einzige tote Möwe gefunden
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Sitzung der Ermittler, nachdem die Leiche des Aktivisten Pico pathologisch untersucht wurde. Zur Mordwaffe heißt es: „Das war eine Makarov, 'ne Allerweltswaffe, die kriegste an jeder Straßenecke.“ (Minute 17)
Frage 3: Stimmt das? Ist die Makarov eine derart häufige Tatwaffe und extrem leicht zu beschaffen?
Antwort aus dem Präsidialstab der Polizei Bremen:
Die Makaraov ist eine im Osten sehr übliche Waffe, so wie hier zum Beispiel eine Walther. Nach Öffnung der Ostgrenzen sind hier schon einige Waffen davon in Umlauf gekommen, so dass es auch hier keine unbedingt seltene Waffe mehr ist. Und natürlich gibt es einen Schwarzmarkt für Waffen. Wer unbedingt will, bekommt da auch Waffen dieser Art.
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Nachdem Henrick Paulsens Leichnam aus der Nordsee geborgen wurde, stellt der Pathologe fest: „Er wurde mit der gleichen Makarov angeschossen wie Pico, aus nächster Nähe.“ (Minute 61)
Frage 4: Kann man das so genau noch feststellen – wenn ein Leichnam längere Zeit im Meer dahingetrieben ist?
Antwort von Dr. med. Olaf Cordes (Leitender Oberarzt am Institut für Rechtsmedizin in Bremen):
Das mit der gleichen Waffe ist Blödsinn. So etwas kann man vielleicht mutmaßen, aber das würde ich noch nicht einmal bei einer frischen Leiche sagen. Draußen auf hoher See ist das Wasser natürlich ziemlich kalt, das verlangsamt den Fäulnisprozess. Sobald die Leiche geborgen wird, setzt der dementsprechend wieder ein. Das heißt, auch eine Schusswunde ist dann noch erkennbar, wenn man die Leiche direkt nach der Bergung auf See untersucht. Um jedoch Aussagen über die Tatwaffe treffen zu können, müsste man das Projektil haben. Das heißt die Kugel müsste noch im Körper stecken. Die Makarow verschießt Kaliber 9,2 x 18 Milimeter. Das ist schon ganz ordentlich. Es kommt aber immer darauf an, was so alles im Schusskanal liegt. An einem Wirbelkörper kann so ein Projektil schon mal hängen bleiben. Beim suizidalen Schuss durch den Mund oder die Schläfe geht das normalerweise auch durch. Aber es gibt natürlich immer mal wieder Ausnahmen.
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So fand unser Autor den neuen „Tatort“ aus Bremen - wie fanden Sie ihn?