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Neuer „Tatort“ aus Bremen : Sprücheklopfer auf Mörderjagd

Stelldichein: Dar Salim, Luise Wolfram und Jasna Fritzi Bauer (von links) sind die neuen im Bremer „Tatort“. Bild: Radio Bremen/Christine Schroeder

Der Bremer „Tatort“ sollte mit dem neuem Team ganz „anders“ und „wahrhaftig“ werden. Einsatz Nummer eins von Jasna Fritzi Bauer, Luise Wolfram und Dar Salim ist aber ein Reinfall. Man muss sich nur einmal ihre Texte anhören.

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          Die Stimme aus dem Off will zu den Bildern nicht passen. Wir sehen aus nächster Nähe, wie ein Mann mittleren Alters nachts von einem Jüngeren brutal zusammengeschlagen wird. Immer wieder tritt der Täter auf den am Boden Liegenden ein, beobachtet von einer Nachbarin am Fenster. Schreiend vor Schmerzen bewegt sich währenddessen eine junge Frau durch ihr Zimmer und bringt ein Kind zur Welt. Ein zweiter junger Mann wirft ein Handy in die Weser. Am nächsten Morgen findet die Polizei am Hafen eine Leiche. Es ist die des Schlägers.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Bei alldem hören wir die Stimme einer jungen Frau, die über Leben und Tod, Mord und Totschlag philosophiert und offenbar auch über sich selbst: Ein Mord sei „so gewaltig“, sagt sie, greife in so viele Leben ein, „Mann, Frau, Kinder, Freunde, vom Opfer, vom Täter“. Man hoffe, alles wende sich zum Guten, doch wende es sich zu oft „in die Scheiße, viel zu oft. Wenn man das aber erkannt hat, ab wo es schiefgelaufen ist, das Leben, dann weiß man auch, warum. Wenn man ehrlich ist, richtig ehrlich, Dann will man nur noch zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Fuck. Und das bin ich, und das ist heute.“

          Sagt Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) und bahnt sich ihren Weg ins Morddezernat. Dort ist Mads Andersen (Dar Salim) gerade auf dem Sprung. Gleich geht sein Zug zurück in die Heimat, nach Kopenhagen, er will nur noch schnell ein paar Donuts loswerden. Stattdessen schickt ihn Kommissariatschef Harmsen los, den Todesfall zu untersuchen. Am Fundort der Leiche findet sich – ungebeten – Kollegin Moormann ein. Professionell ausstaffiert für die Tatort-Arbeit ist derweil längst die BKA-Ermittlerin Linda Selb (Luise Wolfram) und um keinen Spruch aus der Abteilung Ich-würde-so-gerne-wie-Clint-Eastwood-Klingen verlegen. Ein bisschen mehr „Brain“ wünscht sich Linda Selb von den Tätern, eine Herausforderung, einen Serienkiller, ein „Duell auf Augenhöhe“. Doch daraus, weiß sie jetzt schon, wird wieder nichts, denn: „Der Tod ist ein linkshändiger Aushilfswichser.“

          So sieht das also aus, und so hört es sich an, wenn im deutschen Fernsehkrimi, wenn im „Tatort“ der ARD, wenn von Radio Bremen ein neues Team eingeführt wird. Während der Ermittlung erzählen sich Moormann, Selb (die wir schon aus den vorigen fünf „Tatort“-Folgen aus Bremen kennen) und Andersen andeutungsweise Geschichten aus ihrem Leben. Liv, Linda und Mads haben selbstverständlich dunkle Geheimnisse. Sie harmonieren überhaupt nicht miteinander – Moormann ist eine „Nervensäge“, Andersen scheinbar souverän bis zum Umfallen, Selb distanzlos dreist und dann plötzlich mitfühlend –, doch schon am Ende der ersten gemeinsamen Folge sollen sie ein tolles Team sein.

          Doch nicht nur die Figuren, die ihnen angedichteten Lebensläufe und Verhaltensweisen, sind voller Klischees. Auch die Konstruktion des Falls – es geht um eine Familientragödie in einem sozial prekären Milieu – ist es. Ganz zu schweigen von den gewollt bedeutungsschweren Sentenzen, die der Drehbuchautor Christian Jeltsch, ein Routinier mit jahrzehntelanger Krimi- und „Tatort“-Erfahrung, den vor allem jüngeren Protagonisten hier aufgibt. Unser persönliches Highlight sagt Leonie Wesselow in der Rolle der Freundin des, wie uns bald mitgeteilt wurde, ermordeten Dealers, als sie von dessen Tod erfährt: „Das Leben fängt scheiße an und hört scheiße auf – und dazwischen tut es so, als gäbe es Kuchen.“

          „Mutig“, „anders“ und „wahrhaftig“, das seien die Adjektive gewesen, „die das Konzept für den neuen Bremen-,Tatort‘ prägen sollten“, sagt der Autor Jeltsch. Wir würden sagen: Das Ziel wurde in null von drei Punkten erreicht. Da kann sich die Regisseurin Barbara Kulcsar noch so anstrengen, „nah an den Figuren zu erzählen“, sie „glaubwürdig und empathisch darzustellen“. Das gelingt ihr nur in wenigen Szenen, und dann auch nur, weil die Besetzung stimmt: Das sind in diesem Fall vor allem André Szymanski in der Rolle des gescheiterten, dem Alkohol verfallenen Profifußballers Rudi Stiehler (der zu Beginn verprügelt wird), Johanna Polley als Stiehlers Tochter Jessica (die ein Kind zur Welt bringt) und Gustav Schmidt als sein Sohn Marco.

          Doch über allem liegt, im Voice Over, die Stimme von Jasna Fritzi Bauer alias Liv Moormann, die Gaga-Texte säuselt und fragt: „Menschen, wenn sie Verbrechen begehen, sind sie dann sie selbst? Und wenn das das Wahrhaftige ist, wo ist das in ihrem Leben sonst? Wenn sie in der U-Bahn fahren, einkaufen, sich lieben?“ „In welchen Momenten“, will sie wissen, „ist das Leben Fassade, und in welchen ist es echt?“ Wir sagen an dieser Stelle nur: Es gibt keinen richtigen Krimi im falschen. Der „Tatort“ ist ein langer, ruhiger Fluss und manchmal ein Tümpel.

          Schon klar, dass Mads Andersen einen Zug nach Kopenhagen nach dem anderen verpasst. Hätte er doch bloß einen bekommen.

          Der Tatort: Neugeboren läuft an Pfingstmontag um 20.15 Uhr im Ersten.

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