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Neuer „Polizeiruf“ aus München : Diese Polizistin entspricht keinem Vorurteil

  • -Aktualisiert am

Die Streifenpolizistin Elisabeth Eyckhoff (Verena Altenberger) muss in ihrem ersten Fall klären, was mit dem verwahrlosten Jungen Polou (Dennis Doms) passiert ist. Bild: BR/Roxy Film GmbH/Marco Nagel

Im „Polizeiruf“ aus München gibt es eine Nachfolgerin für den von Matthias Brandt verkörperten Ermittler Hanns von Meuffels. Mit Verena Altenberger als Streifenpolizistin wird in der Tat alles anders.

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          Wer würde sich nach dem Ausscheiden von Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) auf die in München vakante „Polizeiruf“-Stelle bewerben? Niemand, so stellte es die zuständige Redakteurin Cornelia Ackers früh heraus. Der Ermittler, der eigentlich immer ein Fremder in München blieb, gewann seinen Scharfsinn auch durch die stets gepflegte Außenseiterposition. Er gehörte nicht dazu, einfühlende Distanz war seine Stärke. An seinem Urteilsvermögen war nur einmal zu zweifeln, in „Und vergib uns unsere Schuld“, einem grandiosen Duell mit einem durch von Meuffels Schuld einst davongekommenen Mädchenmörder (gespielt von Karl Markovics). Nicht nur der Mörder, der seine Schuld bereut, sucht da am Ende nach Vergebung, sondern vor allem der Kommissar selbst. Das Unfehlbarkeitsdogma ist gebrochen. Mea maxima culpa. Auch von Meuffels war nicht die Erlöserfigur, die im deutschen Krimi goutiert wird, aber es lag wesentlich in seinem Selbstverständnis.

          So viel steht fest: Die Polizistin, die nun ihren Einstand beim BR-„Polizeiruf“ gibt, ist keine Jesusnachfolgerin. Sie ist auch keine Berufene, die ihr Berufsleben über den Karriereaufstieg bestimmt. Sie ist auch keine Frau, die ihre Welthaltung primär über Beziehungen zu Männern, seien es Vorgesetzte oder andere, definiert. Und sie kommt aus Österreich und heißt Elisabeth, was ihren temporären Chef Strasser (Norman Hacker) im ersten Fall gleich missverständlich dazu bringt, sie „Sisi“ zu nennen, wie die unglückliche Kaiserin. Elisabeth Eyckhoff (Verena Altenberger) weist solche Einnordung von sich. „Bessie“, nicht „Sisi“, bitte schön. Keine voreiligen Schlüsse. Hinschauen. Warum sie trotz bester Jahresbewertungen immer noch Streifenpolizistin ist und mit den Kollegen Cem Halac (Cem Lukas Yeginer), ihrem jüngeren Halbbruder und WG-Mitbewohner, und dem arg gemütlich wirkenden Wolfgang Maurer (Andreas Bittl) zwar als Gurkentruppe angesehen wird, aber doch den ersten Fall nach Punkten für sich entscheidet, wirkt in „Der Ort, von dem die Wolken kommen“ plausibel.

          Anderes weniger. Florian Schwarz (Regie, „Das weiße Kaninchen“, „Tatort – Im Schmerz geboren“) und Michael Proehl (Buch) ist es ebenso wie Cornelia Ackers ernst mit dem Neustart in München. Wenn es keine Kommissarinnenheldin mehr gibt, rücken viele Figuren gemeinsam ins Zentrum. Teamwork und flache Hierarchien sind darzustellen, viele Geschichten anzureißen, hinzustellen, hinzunehmen. Es sei, wie es sei.

          Ein verwahrloster Junge (Dennis Doms) wird am Isarufer aufgegriffen. Er trägt Fesselspuren, Hornhaut am Gesäß deutet auf langes erzwungenes Stillsitzen hin. Er spricht nicht und ist mangelernährt. Wegen Personalknappheit soll Eyckhoff den Fall übernehmen und das Kind im Krankenhaus schützen. Ihr gelingt ein Zugang zu dem Jungen, der sich Polou nennt. Während die zuständige Jugendamtsbeamte Silke Fabian (Anja Schiffel) blockiert, bietet die Kindertrauma-Psychiaterin Kutay (Katja Bürkle) an, Polou und Eyckhoff in Doppelhypnose zu versetzen, um seine Herkunft zu ergründen. Mehr Kinder könnten in Gefahr sein, der „Yodok“ hat Polou entkommen lassen, ein „Wolf“ tut allen Gewalt an. Inzwischen dringt eine pelzverhüllte Frau mit Schusswaffe in die Klinik ein.

          Eyckhoff, die als geerdete Person eingeführt wird, macht sich mit Polou trotz Retraumatisierungsgefahr auf abermalige Expedition ins Unterbewusste. Surreale Horrorhausbilder und filmästhetisch forciertes Todeserschrecken bringen die Polizistin gleich zum Auftakt über ihre Grenzen hinaus (Kamera Julian Krubasik). Erlöserfiguren-Komfortzonen-Krimifernsehen ist das sicher nicht. Handelsübliche Logik ist hier uninteressant. Dass aber nach „Der Ort, von dem die Wolken kommen“, einem Film, dem man die Figurenambition deutlich anmerkt, weniger angestrengt erzählt wird, wäre der Stimmigkeit zuträglich.

          Polizeiruf 110: Der Ort, von dem die Wolken kommen, am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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