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„Polizeiruf 110: Monstermutter“ : Der letzte Fall für Maria Simon

  • -Aktualisiert am

Letzter Blick: Maria Simon als Kommissarin Olga Lenski. Bild: rbb/Eikon/Oliver Feist

Mit dem „Polizeiruf 110: Monstermutter“ beendet Kommissarin Olga Lenski ihre Karriere. Maria Simon spielte die Ermittlerin als Einzelgängerin aus Überzeugung, professionell und emphatisch mit Opfern. Ihr Abgang ist dramatisch.

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          Zehn Jahre lang ermittelte Polizeihauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) für den „Polizeiruf 110“ im Brandenburgischen, zuerst mit Unterstützung von Polizeihauptmeister Horst Krause (gespielt von Namensvetter Horst Krause), dann an der Seite des polnischen Kommissars Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) auf neuer Stelle in Świecko, zuständig für deutsch-polnische Grenzfälle. Nun ist Schluss mit Fahndung. Lenski hat gekündigt.

          In Erinnerung bleiben sehenswerte Fälle wie „Die Gurkenkönigin“ mit Sophie Rois. Gelegentlich ging es etwas schleppend um den Ausverkauf des polnischen Landes („Heimatliebe“), erstaunlich oft um verblendete Mütter und Väter, die mit zwar subjektiv nachvollziehbaren Motiven ihre Kinder aufs äußerste ängstigten, sie entführten oder noch Schlimmerem aussetzten und über Leichen gingen („Das Beste für mein Kind“, „Muttertag“, „Heilig sollt Ihr sein!“). „Monstermutter“ ist nun der letzte Einsatz der Kommissarin, und er ist einer der besten der RBB-Reihe, eine Art Symbiose des Mutterthemas plus Geiselnahmedrama mit entsetzlichem Ausgang – vermutlich. Entgegen üblichen Gepflogenheiten gab es für Rezensenten den Film ohne Schluss zu sehen. Die Indizien legen einen Abgang mit Knalleffekt nahe.

          Was bei Lenski eigentlich kaum zu passen scheint. Maria Simon spielte ihre Figur als eine der zurückgenommensten Ermittlerinnen der Krimi-Landschaft. Zumindest im Hinblick auf das Privatleben als alleinerziehende Mutter. Eine Einzelgängerin aus sachlicher Überzeugung, professionell, genau und emphatisch mit Opfern, war sie keine für Verschwisterung unter Kollegen.

          Schlechtes Gewissen auf dem Berufssilbertablett

          Dass sie bei der Arbeit auf Partner angewiesen war, nahm sie in Kauf. Horst Krause in Dorfpolizistenrolle war zunächst ihr Publikumsliebling-Gegenprogramm, Lucas Gregorowicz dann der Kollege mit weltanschaulich viel konservativerem Hintergrund, aber auf Augenhöhe. Einer, der sie nicht minder anstrengend fand als sie ihn. Lenski und Raczek – spröden Respekt fanden beide besser als billige Sympathie.

          Umso irritierter ist der Kollege, als eine Tote im Jugendamt gemeldet wird und die Partnerin unerreichbar ist. Lenski, erfährt er, hat gerade ihren Resturlaub angetreten. Gekündigt hat sie den Job schon vor zwei Monaten, das Gummiboot ist im Kofferraum und Tochter Alma (Aenni Lade) auf dem Beifahrersitz. Ab ins Blaue.

          Fast parallel montiert zeigten Christian Bach (Buch und Regie) und Namche Okon (Kamera) zuvor eine andere Mutter, ein anderes Mädchen im Auto. Lou Bronski (furios: Lucia Oppermann) überfällt den Dorfladen. Bevor sie mit Bargeld türmt, klaut sie dem Kleinkind auf dem Rücksitz noch Lollis. Lollis für Lilly. Ab ins Freie. Genau wie Lenski kommt Lou nicht weit. Lou kassiert zwei Jahre Gefängnis, Verlust des Sorgerechts, Inkognitounterbringung Lillys bei einer Pflegefamilie. Die Kommissarin bekommt das schlechte Gewissen auf dem Berufssilbertablett. Der Film versetzt seine Parallele zeitlich: Am Tag, an dem Lenskis Resturlaub endet, bevor er begonnen hat, ist Lou den ersten Tag wieder draußen und ersticht die zuständige Fallberaterin des Jugendamts im Gerangel um die Akte des Kindes mit einer Schere.

          Psychologisch ist das Thema fast zu billig

          „Monstermutter“ ist Thrillerroadmovie und Sozialdrama in einem. Gelungen verbunden sind beide, indem sich die Handlung erst einmal über die Charaktere, nicht über das Geschehen, zuspitzt. Während Tochter Alma stinksauer die Mutter Kommissarin ignoriert, macht sich Lenski fertig für den letzten Einsatz. Raczek hofft inzwischen, über Lous Mutter Nicole (Jule Böwe) an die Tochter zu kommen. Die lehnt jeden Kontakt ab.

          Mit zehn begann die Odyssee des „schwierigen Kindes“ durch Pflegefamilien und die Karriere als „Systemsprengerin“. In Jugendamtaktendeutsch klingt es schon schlimm, aber schlimmer, nachdem Lou bald Lenski im Büro des schwerverletzten Anwalts Hannwacker (Rainer Strecker) als Geisel genommen hat. „Die haben vor Gericht über mich gesagt, dass ich ’n asozialer Psycho bin und ’ne Scheißmutter“ – da sitzen beide Mütter, die, die über Leichen geht, und die, die keine Leichen mehr sehen will, schon im Fahrzeug mit Kurs auf Lillys unbekannten Aufenthaltsort. Die Falsche ist im Besitz der Dienstpistole, brutal und entschlossen, keine Gefangenen mehr zu machen. Verprügelt Lenski und stellt die Gretchenfrage: „Bist du ’ne gute Mutter?“ „Ich versuch’s“, mehr lässt sich dazu nicht sinnvoll sagen. Das SEK hat bei den Pflegeeltern längst Stellung bezogen, die Frage schlechte, gute, Raben- oder Monstermutter ist egal. Überlebende Mutter, das ist der springende Punkt.

          Mit gutem Grund kann man vom „Rabenmutter“-Komplex, insbesondere, wenn es um prekäre Milieus geht, im deutschsprachigen Fernsehen die Nase voll haben. Psychologisch ist das Thema fast zu billig, Mütter sind ja immer schuld. Unter anderem Dokumentar- und Spielfilme von Aelrun Goette haben allerdings Maßstäbe gesetzt, von Nora Fingscheidts Film „Systemsprenger“ (2019) mit Lisa Hagmeister als Mutter und Helena Zengel als Kind ganz zu schweigen. Wie wäre es also mal mit Rabenvätern? „Monstermutter“ aber, von Maria Simon und Lucia Oppermann großartig gespielt, bleibt beeindruckend nah am Realismus der Figuren. Die Dekade Lenski bekommt ein Ende mit Ausrufezeichen.

          Polizeiruf 110: Monstermutter läuft an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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