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„Tatort“ aus Dresden : Sie leiden an der Liebe in Zeiten des Internets

  • -Aktualisiert am

Das ist nicht wirklich harmonisch: Kommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) recherchiert zu einer Online-Datin-Plattform, Dabei gerät sie an Andreas Koch (Daniel Donskoy). Bild: MDR/Wiedemann & Berg/Daniela Inc

Im starken Dresdener „Tatort“ kommen die beiden Kommissarinnen den Verdächtigen näher, als ihnen lieb ist: Sie haben sich zum Online-Dating angemeldet, um einen Mord aufzuklären.

          Zehn Männer kommen für den Mord an Doro Meisner, genannt „Birdy“ (Svenja Jung), in Frage. Alle waren „Vogeljäger“, und alle waren auf der Ü30-Party, nach deren panikartigem Verlassen die junge Frau brutal erdrosselt wurde. Aufgereiht wie eine „Tinder“-Galerie, sitzen sie zur Befragung im Flur des Kommissariats. Ein Wisch der Kamera, der Nächste bitte. Zehn Männer im Angebot, darunter gibt es vielleicht eine Sieben, höchstens eine Acht. Allein Andreas Koch (beunruhigend: Daniel Donskoy, „St. Maik“) geht in der typisierenden Bewertungslogik der Datingportale als glatte Zehn durch.

          Wer Männer wie Konsumware betrachtet, mag diese Figur perfekt finden. Er bedient alle gängigen Parameter. Ein Unternehmer, attraktiv, wortgewandt und selbstsicher. Petrick Wenzel (Aleksandar Jovanovic) dagegen wirkt schon von weitem überfordert mit der Sehnsucht nach dem Glück. Gehemmt, vertrauensselig, mit seltsamen Hobbys und immer noch unberührt. Außerdem ist er leicht zu kränken, genau wie der verhuschte „Silver Surfer“ (Daniel Hoevels), der mit einer hässlichen Internetvideo-Gewaltphantasie zur Jagd auf Birdy geblasen hat.

          Alle zehn Männer und noch viele mehr haben der jungen Frau leichtfertig Geld überwiesen, gegen ein einziges „Ich liebe dich“ oder eine zärtliche Botschaft, bevor sie Opfer des „Ghosting“, des spurlosen Verschwindens und Kommunikationsabbruchs im Netz, wurden. Alle sind sie Betrogene, die gehofft hatten, mit der App „Love Tender“ die einmalige, himmelstürmende Liebe oder zumindest schnellen Sex zu finden. Gefunden hatten sie nur eine falsche Identität. Doro Meisner wollte sich auf ihr Examen konzentrieren und war schon seit Monaten abgemeldet vom Markt der scheinbar unendlichen Möglichkeiten. Der Betreiber von „Love Tender“ hatte ihr Profil neu erstehen lassen und für Nebeneinkünfte benutzt.

          Schlechte Nachrichten: Kommissar Schnabel (Martin Brambach) findet sie gleich auf der ersten Seite.

          Henny Sieland (Alwara Höfels), Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Dienststellenleiter Schnabel (Martin Brambach) stehen im sechsten MDR-„Tatort“ aus Dresden vor einem scharfkantigen Gefühlsgebirge aus Einsamkeit, Anziehung und Verführung. Eindeutige Beweise fehlen. Also verabreden sich die beiden Frauen als „Kinky“ und „Star“ mit den beiden Hauptverdächtigen, während Schnabel, der das für eine ganz schlechte Idee hält, Gorniaks Sohn Aaron (Alessandro Schuster) unter strategischem Einsatz von Peter Alexander-Schlagern zur Mathenachhilfe überredet.

          So sorgt man für Abstand: Die Kommissarinnen Sieland (Alwara Höfels) und Gorniak (Karin Hanczewski) greifen zur Waffe.

          Auf die Annäherungsversuche der Frauen gehen Andreas Koch und Petrick Wenzel prompt ein. Koch und Gorniak tasten einander im Restaurant vorsichtig ab; Sieland geht gleich aufs Ganze und besucht Wenzel zu Hause. Bei Erdnussflips („mag ich, die kleben nicht am Gaumen“), Schnittchen und Dosenbrause entdeckt die Kommissarin, dass Wenzel sich zärtlich um seine bettlägerige Mutter kümmert – und Trophäenfotos der toten Doro Meisner auf dem Smartphone hat. Davon, dass „nein“ auch „nein“ heißt, muss sie ihn unter Dienstwaffeneinsatz überzeugen.

          In „Wer jetzt allein ist“ (produziert von Wiedemann & Berg) geht es zwar um intimste Verletzungen, um etwaige Warnungen vor den Abgründen des Internetdatings schert sich der Film aber nicht direkt. Sein dramatischer Handlungsverlauf ist ganz undidaktisch. Wo Pragmatik bei der Partnersuche gefragt wäre, schafft er erotische Spannung. Wo ein armes Schwein entlarvt werden kann, zeigt er einen Verlorenen, der mit unendlicher Hilflosigkeit die Regeln des Spiels von Distanz und Anziehung missversteht. Er verführt eine der Kommissarinnen, bringt sie aufs erotische Glatteis und in große Gefahr. Juan Sarmiento G.s Bildgestaltung spielt mit „Basic Instinct“-Motiven, zeigt Einstellungen und Kamerabewegungen von großer Spannung und verfällt mit seiner Figur dem Sog gefährlicher Liebschaft. Aufgeklärt wird das erotische Verbrechensdilemma dann aber etwas abrupt und leider allzu tatsachenaufarbeitend und formatgerecht.

          Dieser, der letzte „Tatort“ mit Alwara Höfels, die die Zusammenarbeit wegen „künstlerischer Differenzen“ nach „vielen Gesprächen“ beendet, ist zusammen mit dem vorherigen trotzdem sehenswert. Manchmal muss man eben zusammen wachsen. Und ein besonderes Drehbuch haben wie dieses von Erol Yesilkaya. Für die Regisseurin Theresa von Eltz ist „Wer jetzt allein ist“ ihr „Tatort“-Debüt. Bleibt zu hoffen, dass mehr folgen werden. Höfels Abgang am Ende gerät elegisch und ein wenig traurig. Man könnte meinen, dass ein Ausstieg auf Zeit auch reichen würde, um die offenen Rollen-Fragen zu sortieren. Erst einmal aber wird künftig Cornelia Gröschel das Team in Dresden unterstützen.

          Tatort: Wer jetzt allein ist, Pfingstmontag um 20.15 im Ersten.

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