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„Tatort“ aus Köln : Dem Bösen verfallen

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Diesmal in einem roten Sportwagen unterwegs: die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, links) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) Bild: WDR

Bislang war der Kölner „Tatort“ eine Show für die altgedienten Kommissare Ballauf und Schenk. Das ändert sich in „Der Reiz des Bösen“ radikal. Ihr phlegmatischer Assistent Jütte ist bei der Jagd nach einem Frauenmörder nicht mehr er selbst. Eine echte Offenbarung.

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          Der „Tatort“ aus Köln ist meistens auf Sozialkritik der schlichten Art programmiert. Hier empören sich Kommissare noch über Missstände, die in aller Deutlichkeit erklärt werden. Seit Mitarbeiter Norbert Jütte (Roland Riebeling) die Kollegen Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) unterstützt, hat der WDR-„Tatort“ außerdem seinen running gag, denn wo Max und Freddy unter Hochdruck ermitteln, liebt ihr Norbert die Gemütlichkeit. Seine Langsamkeit ist notorisch, genau wie sein Desinteresse an der Arbeit. Anfangs konnte man das für einen Witz zum Klischee der Beamtenmentalität halten, in den letzten Folgen aber fiel schon auf, dass Jütte (zunehmend auch mit dem Vornamen erwähnt) durch gründliche Bedächtigkeit punkten konnte. Der Witz, wenn er denn je zündete, hatte sich überlebt.

          In „Der Reiz des Bösen“ nun spielt Jüttes Vergangenheit bei der Sitte in Wuppertal die entscheidende Rolle bei der Aufklärung eines brutalen Frauenmords. Nur Jütte kann dem Mörder von Susanne Elvan (Neshe Demir) wirklich auf die Spur kommen. Auch wenn ihn die Kommissare am Anfang dabei ertappen, wie er fasziniert der Kriechbewegung einer Schnecke über seine Tastatur zuschaut. „Und jetzt wartest du den ganzen Vormittag, bis das Vieh einmal über die Tastatur ist?“ „Oder tippt ihr beide um die Wette?“ Die Schnecke, „Dein Wappentier“.

          Jütte schaltet auf Turbo, und alle staunen

          Kapiert, war’s das jetzt? In Köln pflegt man immer noch die Ansicht, dass man den Fernsehzuschauer unbedingt da abholen müsse, wo er steht. Im Dunkeln. Die Schnecke, das ist Jütte! Verstanden? Das Tier hat seine Schuldigkeit getan und wird nicht mehr gesehen, aber der Mann läuft zur früheren Form auf. Zittert, als er das Tatortfoto des Opfers sieht, bekommt Herzbeschwerden. Man bangt um ihn. Der Fall, der ihm um ein Haar in Wuppertal den frühen Herztod brachte, gleicht dem Fall Elvan aufs Haar. Beide Opfer mit Messerstichen in rasender Wut getötet, beiden ein Gürtel um die Augen geschnallt. Jütte schaltet auf Turbo, und alle staunen: Der war früher ein „überambitionierter Ehrgeizling. Immer am Limit, immer unter Strom“, sagen die Wuppertaler.

          Die Tote von Köln war mit Tarek (Sahin Eryilmaz) verheiratet, einem resozialisierten Gewaltverbrecher. Tochter Mia (Tesha Moon Krieg) und Ex-Mann Torsten Merser (Nikolaus Benda) halten ihn für den Mörder. Susanne Elvan war mit Tarek durch das JVA-Brieffreundschaftsportal der Psychologin Bianca Ambach (Tanja Schleiff) in Kontakt gekommen. Intime Briefe, Kuschelzelle, feste Beziehung nach der Entlassung, prima Sozialprognose. Lydia Rosenberg (Juliane Köhler), die Psycho-Spezialistin der Kölner Polizei, erklärt länglich das Syndrom, das Frauen zu Gewalttätern treibt („Charles Manson hatte Wäschekorbe voll Liebesbriefe in seiner Zelle“). Jütte ermittelt ähnliche Fälle. So weit klingt alles nach kölscher „Tatort“-Routine. Gut zum Mitraten, auch visuell ansprechend (Kamera Felix Novo de Oliveira), spannend, Durchschnittsfernsehkost. Wäre da nicht eine zweite Erzählebene.

          Auch die einsame Ines (Picco von Groote) hat sich über eine Brieffreundschaft in einen Inhaftierten verliebt. Bastian „Basso“ Sommer (Torben Liebrecht) gibt sich sanft, wird draußen aber bald brutal und misshandelt Lenny (Wulf Kurscheid), den Sohn der Alleinerziehenden. Immer wieder verschwindet Basso zu Zeiten, in denen Attacken auf Frauen verübt werden. Diese Nebenhandlung ist der Dreh- und Angelpunkt von „Der Reiz des Bösen“.

          Erst kurz vor Schluss zeigt sich, dass dieser „Tatort“ nicht so schlicht gestrickt ist wie gedacht. Vom Ende her gesehen, wirkt er fast so gut wie der Kölner Ausnahmefall „Weiter, immer weiter“ mit Roeland Wiesnekker in der Gastrolle. Nicht verwunderlich, beide Drehbücher stammen vom Autorenduo Arne Nolting und Jan Martin Scharf (der auch Regie führt), zwei Spannungsprofis, die mit Zuschauererwartungen raffiniert spielen. Der hartgesottene Köln-„Tatort“-Fan wird trotzdem nicht vernachlässigt. Aus dem Bierchen zu zweit vor nächtlicher Dom-Kulisse wird erstmals ein gemütliches Trio, und Freddy darf eine Ermittlung lang einen Ferrari aus der Asservatenkammer fahren. Die Abgründe, die Mütter dazu bringen, verurteilte Gewalttäter ins Heim ihrer Kinder zu bringen, werden darüber hinaus fast subtil in den Blick genommen. Sie sind Opfer romantischer Vorstellungen und ihrer Faszination von Stärke – und unter Umständen damit Täterinnen, die blind ihre Kinder ausliefern.

          Der Tatort: Der Reiz des Bösen läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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