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„Tatort“ mit Ulrich Tukur : Es geschieht am helllichten Tag

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Unter Beschuss: Peter Kurth, Jörn Hentschel und Ulrich Tukur (von links) spielen die Polzeibeamten, die auf der Wache 08 in höchste Bedrängnis geraten. Bild: HR/Bettina Müller

Der „Tatort“ mit Ulrich Tukur wartet mit einem furiosen Genre-Remake auf. Eine Killertruppe nimmt die „Wache 08“ in Offenbach unter Feuer. Darin stecken so viele Anspielungen auf Film-Klassiker, man kommt kaum mit.

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          Wohl niemand wird je an die ins popcineastische Kollektivgedächtnis eingravierte Darstellung des Kultmoderators Adrian Cronauer durch Robin Williams herankommen. Nach dem Urschrei „Good Morning, Vietnaaaam“ redete sich Williams’ oscarprämierte Figur 1987 in einen Rausch, sprach alle Interviewpartner selbst, imitierte ein rückwärts laufendes Band – der pure Rock’n’Roll. Auf eine lässigge Art aber macht Clemens Meyer in dieser furiosen „Tatort“-Episode dem Emphatiker Cronauer doch Konkurrenz. So herrlich blöde wie Meyer alias Ecki hat wohl selten ein Radiosprecher seine Sätze betont. „Nicht um High Noon, nein, um genau 12 Uhr 26 Uhr wird sich über O-Town der Mond vor die Sonne schieben“, erfahren wir. Eine Sonnenfinsternis also steht an in Offenbach, und Ecki weiß auch, was das heißt: Plünderungen, Kriege, brennende Städte.

          Felix Murot (Ulrich Tukur) kurvt währenddessen durch die hitzeflirrende, menschenleere hessische Prärie einem alten, früher heimlich der RAF zuneigenden BKA-Kumpel (Peter Kurth) entgegen. Dieser schiebt heute gemeinsam mit der kessen Verkehrspolizistin Cynthia Roth (Christina Große) Dienst in einem grotesken Polizeimuseum – einer im Niemandsland vergessenen ehemaligen Dienststelle – und hört auf den Namen Walter Brenner.

          Das wiederum ist eine Verneigung vor Walter Brennan, der in dem Allein-gegen-Gangsterbande-Western „Rio Bravo“ (1959), seinerseits ein Gegenstück zu „High Noon“ (1952), den Gehilfen von John Waynes Sheriff-Charakter spielte. Massenhaft solcher Bezüge gibt es in dem Buch, das der erwähnte Clemens Meyer, bekanntlich ein genrefester Autor, gemeinsam mit Regisseur Thomas Stuber verfasst hat. Sie reichen bis zu Zombie- und Vampirfilmen wie „Nacht der lebenden Toten“ (1968) und „From Dusk Till Dawn“ (1996). Sogar „Nummer 5 lebt“ (1986) hier fröhlich weiter, und mit „The End“ von den Doors bricht noch einmal die Apokalypse los. Ironisch gebrochen wird das alles gleich auf Dialogebene: „Wir sind doch nicht bei ,Indiana Jones‘.“ Köstlicherweise kommt es auf diese Zitate aber gar nicht an. Der Film ist in sich so rund und derart fulminant gespielt, dass man sich hineinfallen lassen kann wie ins gute, alte, naive Popcorn-Kino.

          Dicht, spannend und stilvoll erzählt

          In erster Linie ist „Angriff auf Wache 08“ ein detailsicheres Remake von John Carpenters seinerseits auf „Rio Bravo“ Bezug nehmendem Low-Budget-Thriller „Assault – Anschlag bei Nacht“ (1976), in dem eine Jugendgang Rache schwört für eine blutige Polizeirazzia und für den Tod eines ihrer Mitglieder von der Hand eines Vaters, dessen junge Tochter von ebendiesem Jugendlichen so kaltblütig wie grundlos erschossen worden war. Stuber und Meyer übernehmen diese Doppelmotivation des Angriffs auf ein kommunikationstechnisch von der Außenwelt abgeschnittenes Polizeirevier.

          Das Blutritual der diesmal eher arabisch wirkenden Gangmitglieder vor ihrem mörderischen Terrorfeldzug erfährt zwar leichte Veränderungen, aber das sich immer wieder langsam aus dem Autofenster schiebende Schalldämpfergewehr gleicht der Vorlage exakt. Nur das achselzuckende Erschießen eines Kindes – eine der schlimmsten Szenen der Filmgeschichte – war dem Sonntagabendpublikum wohl nicht zuzumuten. Stattdessen erwischt es hier, ebenfalls am Eiswagen, den Vater, woraufhin die nicht ganz so junge Tochter (Paula Hartmann) mit dem Revolver des ebenfalls ermordeten Eisverkäufers einen der durch Offenbach cruisenden Killer abknallt, bevor sie sich in jene vermeintliche Wache 08, eben das Museum, flüchtet.

          Der dritte adaptierte Erzählstrang betrifft einen in der Wache gestrandeten Gefangenentransport, der gleich zu Beginn in die Schusslinie gerät. Nur zwei Gefangene überleben und kommen den Belagerten aus eigenem Interesse zu Hilfe, der Hüne Charly (Vittorio Pirbazari) und der Kannibale Kermann (Thomas Schmauser), der sich unter anerkennendem Blick Murots auch beißend zu wehren weiß. Diese Koalition über die Sheriff-Gauner-Grenze hinweg fasziniert immer noch, weil auf unscheinbar verspielte Weise damit die Grundlage aller Fernsehkrimis negiert ist. Eine in letzter Sekunde zugeworfene Waffe ist hier das gleich mehrere Filme miteinander verbindende Zitat.

          Zugleich wurde der Stoff sachte modernisiert und noch einmal aufgeraut. Der Anschlag geschieht nicht in der Nacht, sondern mitten am Tag, soll aber gruselig bleiben, was den erzählerischen Irrsinnsaufwand einer Sonnenfinsternis bedingt. Was sich vor den Fenstern versammelt, sind zudem keine Jugendlichen (wie in „Assault“) oder einfache Banditen (wie in „Rio Bravo“ und „High Noon“), sondern schemenhafte Abbilder unserer Urängste: „als hätten sich Islamisten und Nazis verbündet“, konstatiert Murot; vampirisch lichtscheu greifen dann Zombie-Hände durch Fensterhöhlen. Und während Carpenter schon nicht mit Geschossen, die Fenster, Akten und Möbel durchlöchern, geizte, wirken die Angriffswellen hier noch massiver. Bald ist die abstruse Wache komplett zu Klump geballert und bereit für das zwar an der Vorlage orientierte, aber ebenfalls wuchtigere Finale.

          Wenn man überhaupt interpretieren will, könnte man in der Handlung und der nostalgischen Ästhetik einen augenzwinkernden Kommentar auf die grundlegende Angst vor dem Fremden sehen, indem sich hier, ziemlich surreal, das Schlimmstdenkbare erfüllt. Die Verteidiger sind derweil verschanzt in einer musealen Welt: „Ich hab nicht mal E-Mail“, sagt Brenner. Da bleiben nur noch Feldherrentaktik und soldatischer Opfermut. Aber das mag schon überinterpretiert sein. Noch weniger ist dies ein Film über Clankriminalität. Viel wichtiger ist dafür die mit der turbulenten Handlung im Wettstreit liegende entspannte Atmosphäre aus gelblicher Sommer-Western-Optik, verschwitzter Heldenerotik und musikalischer Motown-Coolness. Auf jeden Fall ist dieser Thriller in bester Tukur-„Tatort“-Tradition dicht, spannend und stilvoll erzählt. Von solch gewitzten Tauchgängen in die Filmgeschichte kann man gar nicht genug bekommen.

          Der Tatort: Angriff auf Wache 08 läuft an diesem Sonntag, 20. Oktober, um 20.15 Uhr im Ersten.

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