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„Tatort“ mit Ulrich Tukur : Es geschieht am helllichten Tag

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Das Blutritual der diesmal eher arabisch wirkenden Gangmitglieder vor ihrem mörderischen Terrorfeldzug erfährt zwar leichte Veränderungen, aber das sich immer wieder langsam aus dem Autofenster schiebende Schalldämpfergewehr gleicht der Vorlage exakt. Nur das achselzuckende Erschießen eines Kindes – eine der schlimmsten Szenen der Filmgeschichte – war dem Sonntagabendpublikum wohl nicht zuzumuten. Stattdessen erwischt es hier, ebenfalls am Eiswagen, den Vater, woraufhin die nicht ganz so junge Tochter (Paula Hartmann) mit dem Revolver des ebenfalls ermordeten Eisverkäufers einen der durch Offenbach cruisenden Killer abknallt, bevor sie sich in jene vermeintliche Wache 08, eben das Museum, flüchtet.

Der dritte adaptierte Erzählstrang betrifft einen in der Wache gestrandeten Gefangenentransport, der gleich zu Beginn in die Schusslinie gerät. Nur zwei Gefangene überleben und kommen den Belagerten aus eigenem Interesse zu Hilfe, der Hüne Charly (Vittorio Pirbazari) und der Kannibale Kermann (Thomas Schmauser), der sich unter anerkennendem Blick Murots auch beißend zu wehren weiß. Diese Koalition über die Sheriff-Gauner-Grenze hinweg fasziniert immer noch, weil auf unscheinbar verspielte Weise damit die Grundlage aller Fernsehkrimis negiert ist. Eine in letzter Sekunde zugeworfene Waffe ist hier das gleich mehrere Filme miteinander verbindende Zitat.

Zugleich wurde der Stoff sachte modernisiert und noch einmal aufgeraut. Der Anschlag geschieht nicht in der Nacht, sondern mitten am Tag, soll aber gruselig bleiben, was den erzählerischen Irrsinnsaufwand einer Sonnenfinsternis bedingt. Was sich vor den Fenstern versammelt, sind zudem keine Jugendlichen (wie in „Assault“) oder einfache Banditen (wie in „Rio Bravo“ und „High Noon“), sondern schemenhafte Abbilder unserer Urängste: „als hätten sich Islamisten und Nazis verbündet“, konstatiert Murot; vampirisch lichtscheu greifen dann Zombie-Hände durch Fensterhöhlen. Und während Carpenter schon nicht mit Geschossen, die Fenster, Akten und Möbel durchlöchern, geizte, wirken die Angriffswellen hier noch massiver. Bald ist die abstruse Wache komplett zu Klump geballert und bereit für das zwar an der Vorlage orientierte, aber ebenfalls wuchtigere Finale.

Wenn man überhaupt interpretieren will, könnte man in der Handlung und der nostalgischen Ästhetik einen augenzwinkernden Kommentar auf die grundlegende Angst vor dem Fremden sehen, indem sich hier, ziemlich surreal, das Schlimmstdenkbare erfüllt. Die Verteidiger sind derweil verschanzt in einer musealen Welt: „Ich hab nicht mal E-Mail“, sagt Brenner. Da bleiben nur noch Feldherrentaktik und soldatischer Opfermut. Aber das mag schon überinterpretiert sein. Noch weniger ist dies ein Film über Clankriminalität. Viel wichtiger ist dafür die mit der turbulenten Handlung im Wettstreit liegende entspannte Atmosphäre aus gelblicher Sommer-Western-Optik, verschwitzter Heldenerotik und musikalischer Motown-Coolness. Auf jeden Fall ist dieser Thriller in bester Tukur-„Tatort“-Tradition dicht, spannend und stilvoll erzählt. Von solch gewitzten Tauchgängen in die Filmgeschichte kann man gar nicht genug bekommen.

Der Tatort: Angriff auf Wache 08 läuft an diesem Sonntag, 20. Oktober, um 20.15 Uhr im Ersten.

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