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FAZ.NET-Tatortsicherung : Liefert das Darknet Waffen mit der Post aus?

  • -Aktualisiert am

Es gibt zu viele illegale Waffen im Schwarzwald: Kommissar Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) durchforstet mit Kollegen ein Schützenhaus. Bild: SWR/Alexander Kluge

Im neuen, düsteren „Tatort“ aus Freiburg trifft der Schwarzwald das Darknet. Läuft der dunkle Kanal für Illegales tatsächlich so geschmiert, wie es der Fernsehkrimi darstellt? Wir haben Experten befragt.

          3 Min.

          Die elf Jahre alte Frieda ist an einer Schussverletzung gestorben. Von den beiden Jungs, mit denen sie im Wald unterwegs war, ist nur Paul wieder bei den Eltern aufgetaucht, Linus bleibt verschwunden. In der Nähe des Tatorts findet die Polizei in einer Ruine ein Waffenversteck.

          Während die Eltern von Frieda mit ihrem Verlust zu kämpfen haben und Linus' Vater mit dem Suchtrupp den Schwarzwald durchkämmt, ist für die Kommissare Berg (Hans-Jochen Wagner) und Tobler (Eva Löbau) bald klar, wer den tödlichen Schuss abgegeben haben muss.

          Doch wie sind die Waffen in das Versteck gekommen? Die Spur führt über Linus' Vater und die Waffenfabrik ganz in der Nähe zu zwielichtigen Sportschützen und schließlich ins „Darknet“.

          ***

          Frage 1: Kommissar Berg will den Händler ausfindig machen, dem die Waffen im Versteck gehören. Dazu bestellt er mit einer Expertin bei mehreren Händlern Waffen im Darknet. Die Expertin behauptet, dass bei einer so hohen Bestellsumme, wie sie sie und Berg zusammenbekommen haben die Lieferung „per Express“ frei Haus erfolgt. Kommt wirklich der DHL-Bote mit dem Waffenpaket?

          Wartet ab, was das Darknet so bringt: Kommissar Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner)

          Antwort von Stefan Mey (Autor des Buchs „Darknet: Waffen, Drogen, Whistleblower. Wie die digitale Unterwelt funktioniert“):

          Wenn Waffen per Paket verschickt werden, ist es durchaus wahrscheinlich, dass ein nichtsahnender DHL-Bote diese bringt. Das Versenden der „Ware“ ist bei digital angebahnten, illegalen Geschäften der kritischste Punkt, denn dann müssen die Beteiligten ihre rein digitale Identität aufgeben. Bei Waffen ist der Versand aufwendig. Sie lassen sich nicht einfach so komplett in einem Maxibrief verschicken. Die Waffen werden in Einzelteile zerlegt und diese dann einzeln verschickt. Manchmal wird die Sendung auch noch extra getarnt, indem die Einzelteile beispielsweise in größere Elektronikprodukte eingebaut werden. Mitunter kommt es auch zu einer klassischen Übergabe, bei der sich Käufer und Händler treffen – obwohl das für beide Seiten hoch riskant ist. Es ist nie auszuschließen, dass es sich beim Gegenüber um einen Ermittler handelt. Der Händler, der an den rechtsradikalen Attentäter von München eine Waffe verkauft hatte, wurde beispielsweise bei einem solchen Scheingeschäft festgenommen.

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          Frage 2: Berg und Tobler finden heraus, dass die Waffen beim Hersteller gestohlen wurden und im Darknet verkauft werden sollten. Woher kommen die Waffen, die im Darknet angeboten werden, sonst noch?

          Antwort von Stefan Mey (Autor des Buchs „Darknet: Waffen, Drogen, Whistleblower. Wie die digitale Unterwelt funktioniert“):

          Bei den im Darknet gehandelten Waffen gibt es überwiegend folgenden Kanal: In Ländern der EU werden deaktivierte Theater- und Dekorationswaffen verkauft, die durch technische Maßnahmen funktionsunfähig gemacht wurden. Diese werden von Kriminellen erworben und mit etwas handwerklichem Knowhow wieder funktionsfähig gemacht.

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          Frage 3: Eine Spur führt zu einem Sportschützen, der im Schützenheim eine illegale Maschinenpistole aufbewahrt. Ist es wirklich so verbreitet, dass man sich, wie im Film dargestellt, Waffen mal eben so im Netz beschafft?

          Kulisse für Familiendramen: Kommissarin Franziska Tobler (Eva Löbau) im Gebirge

          Antwort von Horst Haug (Sprecher des LKA Baden-Württemberg):

          Wir haben allgemein festgestellt, dass viele Plattformen, die es im Darknet gibt, illegale Angebote gar nicht mehr zulassen. Das ist vielen Betreibern mittlerweile zu heiß geworden, weil der Verfolgungsdruck größer geworden ist, viele Plattformen schon abgeschaltet wurden und die Betreiber festgenommen wurden. Außerdem haben wir festgestellt, dass es viele Angebote gibt, die betrügerisch sind. Das heißt, das Geld wird bezahlt, aber es gibt keine Ware dafür.

          ***

          Frage 4: Ist ein Fall bekannt geworden, in dem ein unscheinbarer Familienvater Waffen, Drogen oder ähnliches im Darknet verkauft hat?

          Einer dieser, von Kommissarin Tobler zurückgehaltenen, Biedermänner ist ein Waffenhändler.

          Antwort von Stefan Mey (Autor des Buchs „Darknet: Waffen, Drogen, Whistleblower. Wie die digitale Unterwelt funktioniert“):

          Bei den bekannt gewordenen Fällen gab es verschiedene Hintergründe: beim Händler, der eine Glock 17 an den Attentäter von München verkauft hat, handelte es sich um einen Ungelernten mit Hauptschulabschluss. In einem anderen Fall handelte es sich um einen 25 Jahre alten Studenten, der an der Fachhochschule Schweinfurt Mechatronik studiert hatte. Ein anderer Waffenhändler wiederum war gelernter Optiker.

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          Frage 5: „Goldbach“ ist nicht der erste „Tatort“, der sich mit dem Darknet beschäftigt. Es gab schon einen Borowski-Fall der das Thema aufgriff. Übertreibt es der „Tatort“ mit dem Darknet?

          Antwort von Stefan Mey (Autor des Buchs „Darknet: Waffen, Drogen, Whistleblower. Wie die digitale Unterwelt funktioniert“):

          Im Vergleich zu anderen digitalen Kanälen ist das Darknet klein. Es gibt nur etwa 50.000 Darknet-Seiten, von denen enthalten nicht mehr als zehn Prozent tatsächliche Webinhalte. Und die Zahl der täglichen User liegt unter 100.000. Ein Vergleich: Allein die deutsche Internetendung „.de“ enthält 16 Millionen Webadressen, und das soziale Netzwerk Facebook hat mehr als zwei Milliarden User pro Monat. Ich würde davon ausgehen, dass allein über geschlossene Gruppen auf Facebook und über den Messenger WhatsApp mehr Drogen und Waffen gehandelt werden als im kompletten Darknet.

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