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„Tatort“ aus Stuttgart : Im Fadenkreuz eines theatralischen Mörders

  • -Aktualisiert am

Post von einem Mörder: Die Kommissare Sebastian Bootz (Felix Klare, links) und Thorsten Lannert (Richy Müller) haben ein Rätsel zu lösen. Bild: SWR/Benoît Linder

Die Kommissare des Stuttgarter „Tatorts“ lösen ihren 25. Fall. Sie jagen einen Serientäter, der scheinbar zufällig Opfer auswählt. Doch Zufall ist hier nichts.

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          Es kann ja so schnell gehen. In Stuttgart zum Beispiel: Blauer Himmel, gewöhnlicher Tag, eine Frau geht nichtsahnend auf ihr Haus zu – und wird von einer Kugel getroffen. Abgefeuert hat sie ein Scharfschütze, der sich auf einem weit entfernten Bürodach versteckte und selbstverständlich nicht darauf wartet, von Kommissaren wie Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) festgenommen zu werden.

          Der Täter hat jedoch einen Brief verfasst, „an die Ermittler im heutigen Mordfall“, auf einem weißen Bogen Papier mit einer „1“ darauf. Er traf ungefähr zur Tatzeit im Präsidium ein. Die Patronenhülse, welche die Polizei findet, trägt eine sorgfältig eingravierte „1“. Ob das theatralische Vorgehen zu dem Menschen passt, den wir später als Sniper kennenlernen, sollte man sich nicht fragen: Es ist eher zwei Nummern zu groß. Die Erschossene jedenfalls war Journalistin, und zwar eine, die genau recherchierte, wie ihr Mann sagt: „Aber deshalb bringt man doch niemanden um.“ Der Seufzer lässt auf zweierlei schließen. Erstens: Der Witwer, ebenfalls Journalist, ist keine Leuchte, sonst hätte er sich ob der vielen Reportermorde, die weltweit geschehen, den Satz verkniffen. Zweitens: Wolfgang Stauch – vielbeschäftigter Drehbuchautor – hat ein Faible für falsche Fährten.

          Diese hier erkennen wir sofort durch den überdeutlichen Hinweis auf Recherchen des Opfers im linksradikalen Milieu, eine andere schließen die Kommissare schnell aus: „Glauben wir an einen islamistischen Hintergrund?“ – „Ich glaube an Verkleidung.“ Schwieriger ist es, eine Behauptung des Täters aus seinem zweiten Brief an die Ermittler zu wägen: Rein zufällig habe er die Journalistin als Opfer gewählt, und er werde so weitermachen, wenn er nicht drei Millionen Euro erhalte.

          Die Blickführung beim ersten Mord (Kamera: Andreas Schäfauer) spricht für Zufall: Wir sehen die Tat mit den Augen des Schützen, er sucht in den Straßen der Landeshauptstadt nach einem Opfer, legt auf diesen oder jenen an und bestimmt den Punkt, von dem aus er schießt.

          Aber vielleicht legt der Täter auch falsche Fährten, überlegen die beiden Ermittler, die 2008 die Nachfolge des Menschenfreunds Bienzle (Dietz-Werner Steck) antraten. Sie entdecken ein Muster, das sich ihnen sehr wahrscheinlich schon vor dem zweiten Mord – an einem Jogger im Weinberg – eröffnet hätte. Wären die zugehörigen Akten nicht fristgemäß gelöscht und ins Papierarchiv gesteckt worden.

          Der 25.„Tatort“ mit den Stuttgarter Kommissaren Lannert und Bootz, der sich als Jubiläumsfolge an ein möglichst breites Publikum richtet und betont, dass Mördersuche Teamarbeit ist, kommt langsam ins Gleis. Parallel klärt sich, was es mit einem putzigen Tabakhändler (Karl Markovics) und seiner Lieblingskundin (Katja Bürkle) auf sich hat, die uns mitten im Trubel um den Erpresser vorgestellt wurden, beides „verlorene Seelen“, wie der Melancholiker, der sich mit Bart und Weste auch in einem Zeitreisefilm gut machen würde, beim Kassieren bemerkt.

          Anders formuliert: In der ersten Filmhälfte, die den Zuschauer mit den Erpresserbriefen von null auf hundert zu bringen versucht, entwickelt „Du allein“ kaum den Nervenkitzel, wie er unlängst im dicht und schnell erzählten Münchner Fall „Unklare Lage“ um einen geplanten Anschlag entstand. Hier fehlt schon deshalb der Thrill, weil zu viel geredet und erklärt wird. Dabei wollen wir in dieser angespannten Situation doch einfach nur einer Polizei über die Schulter schauen, in der jeder vom Kommissar über den SEK-Mann bis zum Sprachanalysten konzentriert ackert und nur das Nötigste sagt.

          Die zweite Hälfte geht Richtung Drama und kann sich, da das Gesicht des Täters nun bekannt ist, mit der Geschichte hinter der Geschichte befassen und etwas Sozialkritik üben, die zum Markenzeichen des „Tatort“-Universums gehört. Das liegt der Regisseurin Friederike Jehn, die bisher in anderen Genres unterwegs war, wesentlich besser. Den Protagonisten schießt Blut in die Adern, die Hintergründe der Taten werden zauberwürfelmäßig erkennbar, die Szenen fließen dahin, und einige Wendungen hält das Buch sogar auch noch parat.

          Bilderrahmenwendungen etwa: Auf den Rücken eines Wandschmucks hat der Täter, getrieben von einer toxischen Mischung von Liebe, Enttäuschung und Wut, so etwas wie ein Geständnis geschrieben. Auf dass es, wenn auch vom wackeren Thorsten Lannert als „narzisstischer, selbstgerechter Dünnschiss“ entlarvt, wirklich jeder versteht.

          Tatort: Du allein, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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