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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie fies sind Tanzmariechen?

  • -Aktualisiert am

Im Streit um die Rolle des „Tanzmariechens“: Annika Lobinger (Natalia Rudziewicz, r.) und Saskia Unger (Sinja Dieks). Bild: WDR

Der Karneval steht vor der Tür. Im neuen „Tatort“ aus Köln zeigen sich die Anwärterinnen auf die Rolle des „Tanzmariechens“ aber eher von ihrer dunklen Seite. Ist es hinter den Kulissen tatsächlich so gefährlich?

          5 Min.

          Mit einem Sprung in den Rhein beginnt der neue „Tatort“ aus Köln, das angehende „Tanzmariechen“ des Kölner Karnevalsvereins „De Jecke Aape“, Evelyn Pösel (Stella Holzapfel),  begeht Selbstmord. Kurz darauf wird die Tanztrainerin Elke Schetter (Katja Heinrich) in den Wagenhallen des Vereinshauses erschlagen. Haben die beiden Ereignisse etwas miteinander zu tun? Die Gemengelage im Krimi „Tanzmariechen“ bietet reichlich Stoff für Spekulationen: Ist Rainer Pösel (Tristan Seith) der Täter, Evelyns Vater, weil er die Tanztrainerin für den Selbstmord seiner Tochter verantwortlich macht? Oder ist es Günther Kowatsch (Herbert Knaup), der überambitionierte Präsident, der fürchtet, seine Liebschaft mit der Tänzerin Annika (Natalia Rudziewicz) könne publik werden?

          Der Druck, unter dem die Tänzerinnen stehen, will dieser „Tatort“ zeigen, ist kaum auszuhalten. Nicht nur der Präsident, die Trainerin und die Eltern machen mächtig Dampf, sondern auch die Tänzerinnen sind sich untereinander spinnefeind. Annika schreckt nicht einmal davor zurück, ein Nacktbild von Evelyn im Internet zu posten, um sie aus der Gruppe zu drängen und damit ihre eigenen Chancen auf die Rolle des „Tanzmariechens“ zu erhöhen. Wir haben uns gefragt, wie sich das alles in der Wirklichkeit verhält. Wie wird man eigentlich „Tanzmariechen“? Und wie leicht kommt man mit vergleichbarem Mobbing davon? Wir haben Experten befragt.

          ***

          Martina Pösel, die Mutter Evelyns: „Das sieht immer so leicht und locker aus, wenn man da oben auf der Bühne steht und tanzt. Die Leute sehen ja nicht, wie müde du bist, weil der Präsident dich in die achte Veranstaltung an dem Tag zwingt und dir alle Knochen weh tun.“ (Minute 20)

          Frage 1: Ist das Tänzerinnendasein wirklich so anstrengend, wie es im „Tatort“ geschildert wird? Eines der Mädchen tanzt sogar trotz gebrochenem Fuß weiter. Ist das realistisch?

          Ihre Tochter war Tänzerin im Karnevalsverein und nahm sich das Leben: Martina Pösel (Milena Dreissig, r.) mit Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, l.) und Freddy Schenk (Dietmar Bär).
          Ihre Tochter war Tänzerin im Karnevalsverein und nahm sich das Leben: Martina Pösel (Milena Dreissig, r.) mit Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, l.) und Freddy Schenk (Dietmar Bär). : Bild: WDR

          Antwort von Anna-Sophia Sahm (Regimentstochter der Ehrengarde der Stadt Köln 1902 e.V.):

          Es kann schon mal vorkommen, dass man an einem Tag auf so vielen Veranstaltungen tanzt, ja. Aber mir macht das richtig Spaß! Je mehr, desto besser. Natürlich strapaziert das den Körper, ich habe auch schon mit einem Bänderriss weiter getanzt, da es für mich als einzige Frau in der Gruppe keine wirkliche Möglichkeit gibt, zu pausieren. Bei den „gemischten Garden“ gäbe es diese Möglichkeit schon, allerdings möchte man sich ja auch meist selbst nicht enttäuschen und macht sich Druck für den Verein.

          ***

          Frage 2: Wie wird man „Tanzmariechen“ oder „Regimentstochter“?

          Antwort von Anna-Sophia Sahm (Regimentstochter der Ehrengarde der Stadt Köln 1902 e.V.):

          „Tanzmariechen“ oder „Regimentstochter“ wird man durch eine einfache Bewerbung, gefolgt von mehrfachen Castings, bei welchen man vor einer Jury tanzt. Ich war fünf Jahre lang Mitglied einer Tanzgruppe und kannte viele der anderen Bewerberinnen bereits aus dem Kölner Tanzleben. Man ist daher freundschaftlich verbunden und gönnt sich den Sieg. Trotzdem ist es natürlich ein Wettstreit. Es ist der Kindheitstraum einer jeden Bewerberin, die Position zu bekommen. Um das zu erreichen, muss man wirklich hart arbeiten. Ich trainiere drei bis vier Mal in der Woche, das nimmt viel Zeit in Anspruch. Aber daran hängt mein Herz. Meine ganze Familie ist „jeck“, aber das ist keine Einstellungsvoraussetzung.

          ***

          Vereinspräsident Günther Kowatsch: „Wir standen in den ganzen Jahren immer nur in der zweiten, dritten Reihe, sind über die Dörfer getingelt. Das wollen wir ändern“ - Kommissar Freddy Schenk: „Ach deshalb nehmen „De Jecke Aape“ an Wettbewerben teil, obwohl das in Köln verpönt ist.“ (Minute 29)

          Frage 3: Ist die Teilnahme von Karnevalsgruppen an Wettbewerben in Köln wirklich nicht gerne gesehen? Was steckt dahinter?

          Hat er was mit dem Mord an der Trainerin zu tun? Die Kommissare Ballauf und Schenk umstellen den Präsidenten.
          Hat er was mit dem Mord an der Trainerin zu tun? Die Kommissare Ballauf und Schenk umstellen den Präsidenten. : Bild: WDR

          Antwort von Sigrid Krebs (Pressesprecherin des Festkomitees Kölner Karneval):

          Ja, das stimmt tatsächlich. Es gibt in Deutschland eine richtiggehende Wettbewerbslandschaft für Karnevalsgruppen, aber die Kölner machen da nicht mit. Der Kölner Tanz ist eigen! Die Kölner Gruppen tanzen und singen nämlich immer zu Live-Musik. Das ist bei den sogenannten Tanzgarden, die an den Wettbewerben teilnehmen, anders. Die tanzen auf Musik vom Band, mit meistens nur einem Rhythmus und ohne viel Variationen. Deshalb passt die Kölner Tradition überhaupt nicht in das Wettbewerbsformat.

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