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„Tatort“ aus Dresden : Hundert Kinder in Kellern gefangen?

  • -Aktualisiert am

Der Entführer, die „Maus“, hat Kommissar Schnabel (Martin Brambach) in seine Gewalt gebracht und nimmt ein Erpresservideo auf. Bild: MDR/MadeFor/Marcus Glahn

Im Dresdner „Tatort“ geht ein irrer Geiselnehmer um. Er meint, er sei einer Verschwörung von Kinderschändern auf der Spur und entführt Kommissar Schnabel. Dessen Kolleginnen läuft die Zeit davon.

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          So sieht ein Albtraum von Ermittlern aus: Ein bewaffneter Geiselnehmer mit alberner Mausmaske verschleppt seine Opfer an einen unauffindbaren Ort, den er in Internetvideos wieder und wieder präsentiert. Er redet ohne Pause, mit seiner Suada ist aber kaum etwas anzufangen. Die vermeintlichen Tatsachen sind Quatsch. Nur für den Täter und andere Verschwörungstheoretiker da draußen ergeben sie einen Sinn. Er stellt Forderungen, die so grotesk wirken, dass man lachen würde, wäre die Situation nicht so ernst. Die Opfer sind für den fanatischen Täter Repräsentanten des Systems. Er entmenschlicht sie, was, wie man weiß, das Töten einfacher macht.

          Boulevardjournalistin ist das erste Opfer

          Die erste Entführte im Dresdner „Tatort: Katz und Maus“ ist die Redakteurin des Boulevardblatts „Flash“, Brigitte Burkhard (Elisabeth Baulitz), die der Täter nach exakt 24 Stunden ermordet. Im Erfinden von Geschichten war sie versiert. Bei ihr galt: Je krasser die Schlagzeile, umso lukrativer. Jetzt gibt es einen anderen Grad der Käuflichkeit der Realität: Verschwörungstheoretiker wie die „Grinsekatze“, die mit erfundenen Skandalen im Internet Traffic generiert: Panikmache als Geschäftsmodell. Hinter der „Grinsekatze“ verbirgt sich ein asozialer Computerfreak-Milchbubi, Holger Kirbach (Paul Ahrens). Die „Maus“, also der Geiselnehmer, glaubt jeden Post. Kirbach selbst glaubt gar nichts. Hier, beim „Grinsekatzen“-Hausbesuch der Polizistinnen, wird der „Tatort“ umständlich und leicht betulich. Ebenso wie beim Aufklärungsgespräch zwischen Kollegen im Kommissariat wird ein Auszug aus dem Handbuch „Generierung von Verschwörungsmythen“ gegeben.

          Ein bisschen instabil ist der Überbau dieses „Tatorts“ über psychische Mechanismen und mögliche reale Auswirkungen von Verschwörungsmythen. Fündig wird man in dieser Hinsicht übrigens im Hörmedium, bei dem preisgekrönten Podcast „Cui bono? WTF happened to Ken Jebsen“ und der neuen Staffel „Cui bono? Wer hat Angst vorm Drachenlord?“. Von den Machern Khesrau Behroz und Patrick Stegemann stammt außerdem die hörenswerte Aufklärungsserie „Noise“, die etwa der Frage nachgeht, woher die Falschmeldung stammt, bei der Katastrophe an der Ahr gebe es „600 Babyleichen als Flutopfer“.

          Trailer : „Tatort: Katz und Maus“

          Kinder werden als Verschwörungsopfer besonders gern genommen. Anlass für diesen „Tatort“ war denn auch „Pizzagate“, die Falschbehauptung im amerikanischen Wahlkampf, in einer Washingtoner Pizzeria habe ein Kinderpornoring, zu dem angeblich Hillary Clinton, Barack Obama und Lady Gaga gehörten, seine Zen­trale. Am 4. Dezember 2016 drang dort ein bewaffneter Mann ein, um die angeblich versteckten Kinder zu befreien und gab Schüsse ab.

          Abgesehen von den vorübergehenden Basisexkursen, ist das Drehbuch von Jan Cronauer und Stefanie Veith, auch die Inszenierung von Gregory Kirchhoff, freilich eine spannend vertrackte Angelegenheit (Kamera Dino von Wintersdorff). Denn es wird persönlich. Der zweite Entführte ist der Dresdner Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach). Die Uhr tickt auch gegen Schnabel, der mit seiner Polizeipsychologie nicht weiterkommt. Zu diesem Täter ist keine Beziehung herzustellen: Michael Sobotta (Hans Löw) ist fest davon überzeugt, dass in Dresdner Kellern hundertfünfzig verschwundene Kinder als Sexsklaven gehalten werden. Auch seine eigene Tochter Zoe (Alida Bohnen). 24 Stunden gibt er den Kommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel), um die Kinder zu finden und zu befreien. Ansonsten richte er Schnabel hin.

          Soll man eine Fake-Kinderbefreiung inszenieren, wie Winkler es will? Schlechte Idee, findet Gorniak und setzt auf Kommissar Zufall, der zwar hilft, aber nicht überzeugt. Genau wie das Ende von „Katz und Maus“. Weiß der Zuschauer nun, wie Verschwörungsmythen funktionieren? Das schon. In Erinnerung bleibt aber vor allem Hans Löw, der als Entführer eine faszinierende Vorstellung gibt.

          Der Tatort: Katz und Maus läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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