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„Tatort“ aus Ludwigshafen : Die Rebellin ist wieder da

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Mittendrin und leicht angeschlagen: Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts). Bild: SWR/Alexander Kluge

Kommissarin Lena Odenthal muss im Ludwigshafener „Tatort“ ohne ihren ehemaligen Kollegen Kopper auskommen. Sie schüttelt sich kurz, dann läuft sie zu alter Form auf. Damit ergeht es Ulrike Folkerts in ihrer Rolle nicht schlecht.

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          Auch die dienstälteste „Tatort“-Kommissarin hat mal einen schwachen Moment. Nach einer unruhigen Nacht auf der Bürocouch streicht Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) traurig über das Oldtimer-Modell neben dem Italien-Fähnchen auf der Fensterbank – Erinnerungsstücke ihres ehemaligen Kollegen Kopper (Andreas Hoppe), der Ludwigshafen gen Toskana verließ. Schon ist Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) in der Tür: „Es waren zwanzig Jahre, stimmt’s?“ Lena Odenthal wischt sich die Augen. „Ist grad ein bisschen anstrengend. Da fehlt er halt, der alte Einzelgänger.“

          57 Fälle haben die beiden ARD-Kommissare gemeinsam gelöst. Tatsächlich aber fehlt Kopper, dessen Figur im Vergleich zu der Lena Odenthals nie gepflegt wurde, in diesem „Tatort“ nicht. Das hat vor allem damit zu tun, dass der Autor und Regisseur Tom Bohn einen Politthriller inszeniert, der die Aufmerksamkeit auf den Fall konzentriert.

          Die Kommissarinnen Odenthal und Stern haben es mit einem Mord zu tun, der auf große Hintergründe verweist. Ein Psychiater, der auf Patienten mit Kriegstraumata spezialisiert war, liegt tot in seiner Praxis, um ihn herum ein Wust von Akten. Zwei Patienten werden für die Ermittlerinnen interessant: Mirhat Rojan (Cuco Wallraff) verlor bei einem amerikanischen Drohnenangriff im Irak seine Kinder und kämpft mit seinem Bruder Martin (Diego Wallraff) um Aufmerksamkeit für das tragische Unglück. Die Soldatin Heather Miller (Lena Drieschner) hat Drohnen gesteuert. Sie wurde depressiv und als Ordonnanzoffizierin in Ramstein aufs Abstellgleis geschoben. Dort erwartet die Air Force den Besuch des Staatssekretärs Jason O’Connor (Peter Gilbert Cotton). Er soll über eine deutsch-amerikanische Zusammenarbeit beim Drohnenbau verhandeln. Bald verdichten sich Hinweise, dass ein Anschlag auf ihn geplant sein könnte. Der Oberstaatsanwalt (Max Tidof) fordert Lena Odenthal eindringlich auf, sich zurückzuhalten. Sie findet sich in einer Anti-Terror-Operation wieder, die sie auch nach mehr als dreißig Jahren Berufsleben als Polizistin verändern wird.

          Tom Bohn hat schon in den Neunzigern Ludwigshafen-„Tatorte“ inszeniert, nun führt er die Chef-Ermittlerin zu ihren Wurzeln zurück. Die alte Rebellin in ihr lebt wieder auf, zwischendurch sonnt sie sich ein bisschen in ihrer Verlassenheit. Was nicht heißt, dass es ihrer neuen Partnerin an Präsenz fehlt. Lisa Bitter macht ihre Sache gut, noch aber ist ihre Rolle wenig differenziert angelegt. Keine Spleens, keine besonderen Leidenschaften, stattdessen Pflichtbewusstsein im Job und stete Gedanken an die Kinder zu Hause. Aber die Frau hat Schneid, das Verhältnis zwischen den Ermittlerinnen könnte sich entwickeln.

          Für humorige Seitenlinien sind andere zuständig, etwa der Kriminaltechniker. Mit persönlichen Nebenhandlungen und Anekdotischem hat es der Regisseur Tom Bohn aber ohnehin nicht. Er will das Thema moderne Kriegführung kritisch verhandeln. Dafür wiederum ist der „Tatort“ nur bedingt geeignet. Eine spannende Thriller-Inszenierung hingegen garantiert der Drohneneinsatz, gerade im letzten Akt der Episode „Vom Himmel hoch“. Und er weckt Lena Odenthals Kampfgeist. Sie wird zu Entscheidungen gezwungen, die für diese „Tatort“-Figur ganz neue Perspektiven eröffnen.

          Der Tatort: Vom Himmel hoch läuft am Sonntag, 9. Dezember, um 20.15 Uhr im Ersten.

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