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„Tatort. Wer bin ich?“ : Ist das etwa die Weihnachtsfeier des HR?

Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele von mir soll ich spielen? Ulrich Tukur ist im neuen „Tatort“ aus Wiesbaden völlig von der Rolle. Bild: HR/Kai von Kröcher

Der „Tatort“ aus Wiesbaden ist sich selbst genug. Ulrich Tukur spielt Ulrich Tukur, der den Kommissar Felix Murot spielt. Das nennt man Metafiktion. Oder eine schöne Bescherung.

          Wer findet, Weihnachten und die Tage zwischen den Jahren seien nun wirklich die unpassendste Zeit für einen „Tatort“, sondern – wenn es denn unbedingt Fernsehen sein muss – die beste Gelegenheit, Besinnliches oder ein paar Gedankenspielereien zu konsumieren, der ist beim diesjährigen Weihnachts-„Tatort“ aus Wiesbaden genau richtig. Dessen idealer Zuschauer schaltet sonntagabends routinemäßig das Erste ein, sagt sich aber, sobald es schlimm wird: „Ist ja nur ein Film!“ Die besten Voraussetzungen aber, am unpackendsten, unkriminalistischsten und grauesten „Tatort“ des Jahres Gefallen zu finden, haben all jene, die Borges, Calvino und Nabokov in ihrem Bücherregal horten und bei Begriffen wie Metafiktion oder Intertextualität glänzende Augen bekommen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sie wird der Cut nicht schmerzen, der schon nach wenigen Minuten Kommissar Felix Murot in den Schauspieler Ulrich Tukur verwandelt – oder besser gesagt: in Ulrich Tukur, der Ulrich Tukur spielt, der einen „Tatort“ dreht und dabei unter Mordverdacht gerät und sich in seiner Rolle als Ulrich Tukur die titelgebende Frage stellt: „Wer bin ich?“ Dabei ist die Antwort ganz einfach: Er ist die tragende Figur eines „Tatort“-Ablegers, der sich vor gut einem Jahr mit „Im Schmerz geboren“ in eine so dermaßen andere Umlaufbahn geschossen hat, dass er nun unter der Last ächzt, sich selbst übertreffen zu müssen. Aber wie soll das gehen, nach einer Folge, in der aus Anspielungen von Shakespeare bis Tarantino ein gleichermaßen rasantes wie intelligentes Bravourstück des Fernsehkrimis entstand, das an Zauber nur gewann, indem es sich selbst als großes Theater ausstellte?

          Dem Kommissar brummt der Schädel

          „Wer bin ich?“ spinnt diesen Faden fort, dass der „Tatort“ doch nur eine Erfindung ist, die aus seltsamen Gründen immer Millionen vor dem Fernseher versammelt, wo sie Figuren wie Murot zusehen, der mit seinem Hirntumor spricht und gegen das Verbrechen antritt. So scheint es zunächst wieder zu sein. Murot und seine Helferin Magda Wächter (Barbara Philipp) begutachten im Parkhaus der Wiesbadener Spielbank eine Leiche. Es ist der Morgen nach einer durchzechten Nacht, dem Kommissar brummt der Schädel, die Kamera sitzt ihm im Nacken. Da wird im Kofferraum eines Autos eine weitere Leiche gefunden. Murot schaut lange, die Kamera kreist um ihn, dann sagt er: „Ach du Scheiße“, und der Regisseur (Justus von Dohnányi) ruft „Okay! Und Schlussklappe.“

          Dabei geht es, als der tatsächliche Regisseur und Drehbuchautor Bastian Günther die ganze „Tatort“-Fiktion fortgewischt hat und wir uns auf einem – natürlich fiktiven – Filmset wiederfinden, erst los. Von nun an spielt Ulrich Tukur einen Ulrich Tukur, der trotz Namensgleichheit selbstverständlich ebenso fiktiv ist wie die Figur Felix Murot. Der erfundene Tukur gerät bald unter Mordverdacht. Beim Bergfest, der Party, die Filmcrews nach der Hälfte der Drehtage feiern, soll er mit einem Kollegen im Casino gezecht haben. Der Kollege soll sehr viel Geld gewonnen haben. Nun soll er tot sein, und Tukur soll mit ihm das Fest verlassen haben. Das scheinen Kameraaufzeichnungen zu zeigen. Die zwei weltweit unglamourösesten Polizisten Kugler und Kern (Sascha Nathan und Yorck Dippe) konfrontieren Tukur mit den Bildern. Er erinnert sich an nichts. Die Nacht ist wie gelöscht. Doch woher stammt das Geld in seinem Hotelzimmer? Warum wird er entführt, von Männern mit Schweinemasken?

          Das selbstbezügliche Spiel wäre vielleicht ein Vergnügen, wäre es nicht die ARD-Nabelschau, die es notgedrungen ist. Da laufen Wolfram Koch alias Paul Brix und Margarita Broich alias Anna Janneke, Hauptdarsteller des Frankfurter „Tatorts“, auf; Martin Wuttke darf selbstironisch über das Aus des Leipziger Teams lamentieren, der Regisseur motzt: „Wir sind hier nicht in Münster!“, und die Crew, lauter eitle Egomanen, will Tukur loswerden.

          Klamauk nach Art der ZDF-Selbstbespiegelung „Lerchenberg“ darf man nicht erwarten. „Wer bin ich?“ ist ein schwergängiges Rätselspiel, bei dem allenfalls Nebencharaktere ihren Spaß haben, der fiktive Tukur eher nicht. Und für den Zuschauer gestaltet sich die Sache auch zäh. Dabei ist die Episode hervorragend ins Bild gesetzt (Kameramann Michael Kotschi schwelgt in Resopaltristesse), bestens besetzt und gespielt. Aber das ist alles nicht lebendig. Es ist Konzept und Idee, und Schauspieler wie ein Sender, die sich als so vermeintlich uneitel inszenieren, wirken umso eitler. Dass Tukur als Tukur ein Mörder sein könnte, glaubt sowieso niemand, das wäre dann doch eine zu üble Volte der Selbstironie. Am Ende steht ein großer Schlussmonolog oder -dialog, je nachdem, zwischen zwei Figuren, die eine sind und doch wieder nicht. Das ist der finale Erklärabsatz, der schön zusammenfasst, was hoffentlich wieder auseinanderläuft, wenn nächstes Jahr die Lichter am Set in Wiesbaden neu angehen: Realität und Fiktion.

          Kollege fährt mit: Martin Wuttke, Ulrich Tukur und Wolfram Koch (von links) sind ganz bei sich.

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