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„Tatort“ aus Wien : Turteln geht anders

  • -Aktualisiert am

Da sitzen sie nun: Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer als verhindertes Paar. Bild: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican

Der ewige Geschlechterkampf als großer Fernsehkrimi: Wiens Jubiläums-“Tatort - Wehrlos“ führt tief ins Beziehungschaos

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          Ehen definierte die österreichische Erzählerin Marie von Ebner-Eschenbach als einen „Zustand, in dem zwei Leute es weder mit noch ohne einander durch längere Zeit aushalten können“. In diesem Wienerischen Sinne führen Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), der seinen vierzigsten Fall löst, und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) als mit konstant überragenden Leistungen erfreuende „Tatort“-Kommissare längst eine vollgültige Ehe. Allerdings ist ihnen das nur zur Hälfte bewusst, sonst müsste sich Bibi Fellner nicht in einem Anflug von Einsamkeitsverzweiflung – Adele Neuhauser spielt wieder zum Niederknien – bei der Partnerbörse „Lonely Hearts“ anmelden. Verständlich hingegen ist ihre unbändige Wut darüber, dass der grantelnde, diesmal zu „Jesuslatschendramatik“ neigende, in Liebesdingen schluffige Kollege sich ohne jede Vorwarnung ein amouröses Privatleben zugelegt hat. Er könne doch „nicht ewig Asket bleiben, nur weil –“. Sie retourniert: „Weil was?“ „Na ja, weil –.“ „Was?“ „Weil – nix.“ Dabei geht es hier um alles. Das sind Dialoge, wie wir sie verdient haben: echt, gefühlvoll, urkomisch.

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          Pikanterweise findet der erste Streit an einem Ort statt, der den Ermittlern die Fatalität aus dem Ruder laufender Beziehungen vor Augen führen müsste, denn zumindest auf den ersten Blick hat sich in dem Einfamilienhaus ein Ehedrama ereignet. Der Leiter der Wiener Polizeischule liegt erschossen im Erdgeschoss, seine leblose Frau – Genickbruch – zwischen gepackten Koffern ein Stockwerk höher. Die Theorie, der Polizist könne nach dem Gattinnenmord Suizid begangen haben, hält freilich der kriminaltechnischen Untersuchung nicht stand, niedergestreckt hat ihn ein Projektil, das aus einer Polizeiwaffe stammt, aber nicht aus der seinigen. Man hat es vielleicht eine Spur übertrieben mit dem Leitmotiv des Beziehungskrachs, denn auch bei den Nachbarn der Toten, bei denen zum Zeitpunkt der Schüsse ein Einbruch stattfand, eskaliert die Situation just während der Befragung. Parallel dazu wird Assistenten-Faktotum Fredo (Thomas Stipsits) von seiner geliebten Frau vor die Tür gesetzt und weiß nicht, wer ihm fortan die Wäsche macht.

          Spielt eine gefährliche Rolle: Simon Hatzl als Polizeiausbilder.

          Das aber fällt nicht weiter ins Gewicht, denn das Buch von Uli Brée ist dicht gewebt und hält die Spannung durch viele klug mit der Haupthandlung verschränkte Erzählzweige. Die narrative Aufsplittung hat auch damit zu tun, dass die Kommissare diesmal getrennt ermitteln, weil Majorin Fellner als interimistischer Ersatz für den Ermordeten in die offenbar nicht ganz koschere Polizeischule eingeschleust wird. Dort trifft sie auf den beeindruckend widerlich gespielten Gruppeninspektor Thomas Nowak (Simon Hatzl) und wird bald selbst zum Opfer einer gnadenlosen, nicht zuletzt von tiefer Frauenverachtung getriebenen Mobbingkampagne. So nähert sich der Zuschauer wie eine rollende Münze in jenen trichterförmigen Spendenboxen Runde um Runde einem dunklen Abgrund. Am Ende dieser tragischen Episode, die Regisseur Christopher Schier durchweg düster und verschattet angelegt hat – die Kamera von Thomas W. Kienast führt uns von einer klaustrophobisch beklemmenden Situationen in die nächste –, steht das reine Grauen zwischen Trieb und Abfuhr, das Ausnutzen von Abhängigkeiten, die missbrauchte Macht über Wehrlose.

          Inmitten der Tragödie kommt aber frei nach Shakespeare auch das Komödiantische nicht zu kurz, und das nicht nur dank der schwankhaften Streits zwischen den Protagonisten. Für Schmunzler sorgt auch ein bewusst als Deppenversion von Bonnie und Clyde gezeichnetes Gaunerpärchen (Simone Fuith, Sebastian Wendelin), das in seiner Unbedarftheit die Handlung überhaupt erst in Gang setzt. Dass solche Ausflüge ins Klischeekabarett funktionieren, liegt an der Spielfreude der Beteiligten: Simon Schwarz macht auch aus der Genre-Witzfigur Inkasso-Heinzi, einem Bordellbetreiber mit ordentlich Schmäh, ein kleines Ereignis. Ausbalanciert wird der Humor freilich durch glaubhafte Leidensfiguren wie die zwischen Verzweiflung und Apathie pendelnde Polizeischülerin Katja Humbold (Julia Richter). Vor allem aber sind es wieder Neuhauser und Krassnitzer, die diese in den Details leicht überkonturierte Geschichte über die schlimmstmögliche Wendung im ewigen Geschlechterkampf in erstklassigen Fernsehgenuss verwandeln. Weil – Talent!

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