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„Tatort“ : Vom Sterben in Würde

Rabenhaft dunkel: Ulrike Folkerts Aelrun Goettes „Tatort”-Folge Bild: SWR/Krause-Burberg

Giftcocktails für Sterbewillige, eine Leiche, ein todgeweihtes Kind und verzweifelte Eltern: Die „Tatort“-Folge „Der glückliche Tod“ mit Hauptkommissarin Odenthal ist kein Krimi zur unbeschwerten Unterhaltung. Aber ein hervorragender Film.

          Vorsicht: Das ist kein Krimi zur unbeschwerten Unterhaltung. Der Rhein wird hier zum Acheron. Aber der mythische Totenfährmann tritt in seiner aktuellen Form auf, als Lobby-Organisation für Sterbetourismus in die Schweiz. Und nicht mehr die Münzen werden dem Toten als halb frommer, halb abergläubischer Obulus für die letzte Fahrt auf die Augen gelegt – bezahlt werden muss vorher, und jemand hat an den teuflischen Giftcocktails für die Sterbewilligen gut verdient. Dem Chef der „Charontas“ würde man die Rolle des Bootsmanns über den Unterweltsfluss abnehmen. Der Professor nämlich, der früher eine Kinderkrebsstation leitete, hat dieses leicht Heruntergekommene, vorzeitig Greisenhafte, das der Rolle angemessen ist. Rabenhaft dunkel: Ulrike Folkerts in diesem bemerkenswerten „Tatort“ (Regie: Aelrun Goette), die in der Rolle der Hauptkommissarin Lena Odenthal im Mordfall Sabine Brodag zu ermitteln hat.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Diese Frau war in der Firma „Charontas“ die Nummer zwei. Gründe, mit ihr abzurechnen, hatten mehrere: Ein Unsympath, der seinen Schutzhund abrichtet, verlor seine siebzehnjährige Tochter an Sterbehelfer, da ging es mit ihm bergab. Aber immer mehr konzentriert sich die Handlung auf die Familie von Julia Frege. Das kleine Mädchen leidet an der unheilbaren Krankheit Mukoviszidose, sie quält sich ohne Hoffnung, hustend und hungernd. Stella Kunkat spielt sie großartig.

          Der geistliche Stand fällt aus

          Die Ehe der Eltern ist zerrüttet. Zum großen Leid kommt der widrige Streit im Alltag. Soweit man bei einem Fernsehauftritt das Wort „unvergesslich“ benutzen darf, gilt es für Susanne Lothar in der Rolle von Katja Frege, der Mutter des kranken Mädchens, die nicht mehr weiß, was richtig und recht ist. Auch sie hatte Kontakt zur toten Sterbelobbyistin.

          Julia (Stella Kunkat) leidet unheilbar an Mukoviszidose

          Dennoch stolpert man über zwei, drei Szenen, die charakteristisch für die heutigen Verluste sind. Als die Geschwister über das Sterben sprechen und Kuscheltiere austauschen, fragt Nils Frege seine Schwester Julia: „Wird das dann auch verbrannt?“ Die Feuerbestattung scheint für die ARD schon als die selbstverständliche Form der Beisetzung zu gelten; nicht der geringste Zweifel wird an dieser Stelle geäußert. Jedes Bewusstsein davon, dass auch in den Großstädten einmal andere Sitten herrschten, ist verschwunden.

          Die Transzendenz, die sich bei dem Thema doch wie bei kaum einem anderen zwingend aufdrängt, kommt nur noch in der entstellten Form des Sakro-Pop vor, wenn am Ende das Lied „Halleluja“ von Rufus Wainwright erklingt – und wie sehr wäre ein echtes Wort der Bibel willkommen gewesen, sei es auch das allerabgegriffenste: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen.“ Aber der geistliche Stand tritt uns im Fernsehen eben nur in seiner komischen, augenzwinkernden Version entgegen. Da, wo er auftreten müsste, fällt er aus; nur Lena Odenthal erzählt der leidenden Julia fast hilflos ein Auferstehungsmärchen, an das sie selbst wohl nicht mehr glaubt. Dennoch: Eine bedeutende Leistung, ein hervorragender Film. Man lege für Sonntagabend ein paar Taschentücher bereit.

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