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„Tatort: Skalpell“ : Von Natur aus gequält

Die Kommissare Reto Flueckiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) ermitteln erstmals zusammen Bild: dapd

Schicksale sind hier der eigentliche Stoff: Im zweiten Fall der neuen Schweizer „Tatort“-Folgen geht es um Straftaten an Kindern, die nicht wieder gutzumachen sind.

          Die erste Folge des neuen Schweizer „Tatorts“ aus Luzern, gesendet im August vergangenen Jahres, kann vergessen werden. Denn die zweite, „Skalpell“, macht fast alles gut, was damals schiefging: schauspielerisch, erzählerisch, filmisch (Buch Urs Bühler, Regie Tobias Ineichen). Sie macht es mit einer Geschichte, in der es in fast jeder Szene um Taten geht, die nicht wieder gutzumachen sind. Es geht um Kinder, die mit uneindeutigem Geschlecht zu Welt kamen, und um einen Chirurgen, der sie vereindeutigt. Der wird ermordet, der Verdacht zieht Kreise: um seine Gattin und seinen Stellvertreter, eine Polizistin, die Eltern operierter Kinder, um diese selbst.

          Luzern ist eine Postkarte: Berge, Wiesen, Wald, See, Fluss, Brücke, Segelboote und Hotels - die Natur ist gut und scheint wie zur Erholung geschaffen. Die Akteure aber sind fast alle gequält, weil die Natur tatsächlich sehr ungut sein kann und ihre Verbesserung mitunter alles nur noch verschlimmert. Filmisch gelingt es paradoxerweise gerade den vielen kurzen Schnitten und stark variierenden Einstellungsgrößen, die Umgebung des Leids fast stillzustellen. Mitunter meint man gar keinen Film anzusehen, sondern Sequenzen von Fotografien.

          Ein bisschen weit hergeholt

          Die Hauptermittler Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard, gespielt von Delia Mayer, dem erfreulichen Ersatz für die unsägliche Sofia Milos - aber wir wollten ja vergessen -, stehen dabei mehr am Rand als im Zentrum des Geschehens und dort, am Rand, oft ein wenig unbeholfen, vor allem Flückiger zu sehr fuchtelnd, auch verbal, in beinahe verlegen um Auflockerung bemühten Dialogen. Im Mittelpunkt stehen die Opfer, und man kann die jungen Schauspieler nicht genug loben, die sie darstellen: Anna Schinz, Steffi Friis, Jessica Oswald. Auch das Team aus immerhin sieben Polizisten zwingt den Film, sich fast ganz auf das Ermitteln und seine Figuren zu konzentrieren. Die üblichen Privatbagatellen, die den „Tatort“-Kommissaren sonst gern beigegeben werden, entfallen erfreulicherweise nahezu komplett.

          Bleibt der kleine Einwand, dass der Tathergang ein bisschen weit hergeholt ist. Wenn die Kriminaltechnik Urinkristalle zu identifizieren vermag und Fette am Griff des Skalpells zu unterscheiden, wie sollte sie dann Schusswunden für Stichwunden halten können? Doch vielleicht erschienen Luzern und seine Polizisten in diesem „Tatort“ so fernab aller Schweiz-Klischees, dass am Ende zur Kompensation noch irgendwo eine Armbrust untergebracht werden musste. Macht nichts, man denkt sowieso nicht viel über den Fall nach, angesichts der Schicksale, die hier der eigentliche Stoff sind.

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