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Tatort : Sie wahrt ihr Geheimnis bis zum bitteren Ende

  • -Aktualisiert am

Die Drogenfahnderin Melissa Mainhard (Ina Weisse) und Kommissar Till Ritter (Dominic Raacke) kommen einander näher Bild: rbb/Volker Roloff

Ein eindringliches Alltagspsychogramm und ein verdammt guter Krimi aus der Berliner Synthetikdrogenszene: Zum Auftakt der Themenwoche „Leben mit dem Tod“ zeigt die ARD einen erschütternden „Tatort“.

          Ihre Haut wirkt wächsern, ihre Züge scheinen kontrolliert: Melissa Mainhard (Ina Weisse) bewahrt Haltung. In ihrem knochigen Körper haust eine tiefe Verletzung, die einer sofort spürt: Hauptkommissar Till Ritter (Dominic Raacke), mit etwas schmieriger grauer Haartolle, Kettchen um den Hals, aber ein einfühlsamer Charmeur. Ihr Wesen, ihre Erscheinung gefallen ihm. Und er gefällt ihr, denn er erkennt Melissa, wie sie ist - begreift aber nicht, was wirklich auf dem tödlichen Spiel steht.

          Seltsamer Zusammenbruch: Szene mit Boris Aljinovic, Dominic Raacke, Ina Weisse und Ernst-Georg Schwill

          Melissa Mainhard hat ein Geheimnis. Ihre jugendlichen Töchter Anny (Johanna Ingelfinger) und Noe (Anna Willecke) wissen nichts davon. Niemand weiß etwas. Doch dieses Geheimnis wirkt. Und es hat handfeste Folgen: Anny rebelliert, trotzt, motzt und freundet sich mit dem Dealer Tom Hartmann (genial: Leonard Carow) an. Die Mutter ist machtlos. Noe hingegen benimmt sich aufgekratzt überfürsorglich, bügelt die Bettwäsche und macht Ritter aufgesetzt höflich Kaffee. Der aber deutet dies sogleich als verdeckte Aggression. In den kurzen Augenblicken jedoch, in denen diese Familie innehält, sich unbeobachtet fühlt, verändert sich ihre Ausstrahlung: Anny sehnt sich nach ihrer Mutter, Noe verzweifelt an der Aufgabe, die Familie irgendwie zusammenzuhalten, und Melissa sitzt zurückgezogen an ihrem Schreibtisch und verpackt letzte Geschenke.

          Eher Sozialstudie als Fiktion

          Ina Weisse brilliert als Melissa, eine schöne Frau, der jedoch das Skelett ihres Knochenkörpers schon unter den weiten Kleidern rasselt. Sie läuft mit dem Tod an der Hand durch diesen „Tatort“. Und so wird die Anspannung unerträglich, man möchte immer wieder brüllen: Sag es deinen Kindern, bevor es zu spät ist! Melissa ist krank. Heimlich trägt sie Morphium-Pflaster auf. „Krebs, Endstadium“, wird sie später zu Ritters Partner Felix Stark (Boris Aljinovic) sagen, der ihre Medizin gefunden hat, und sie mit seinem Verdacht konfrontiert.

          Genial: Leonard Carow als Dealer Tom Hartmann, hier in einer Szene mit Boris Aljinovic

          Melissa arbeitet in Parka und lässiger Holzfällerbluse als Ermittlerin im Drogenmilieu - seit fünfzehn Jahren sind die kaputten Typen, wie sie Tochter Noe nennt, ihr Lebensmittelpunkt: „Warum sind sie dir so wichtig? Mir sind sie völlig egal“, sagt sie sichtlich erschöpft. Der Job scheint ihrer Mutter wichtiger zu sein. Ist das so? Immer wieder lässt sie ihre Mädchen allein, verschiebt den heißersehnten Sommerurlaub an der Ostsee. Absagegrund: Christoph Gerhard (Stefan Kreißig), Dealer und Entwickler einer neuen Designerwunderdroge namens „Heaven“, wurde mit einer Überdosis tot aufgefunden. Es war Mord. Der Computer mit der Rezeptur ist verschwunden. Melissa und die beiden Kommissare arbeiten eng zusammen. Tom Hartmann gerät unter Verdacht; er wurde in der Wohnung des Ermordeten gesehen. Er zieht Melissas Tochter Anny in seine irren Junkiepläne von fernen Fluchtzielen und jeder Menge Geld. „Er will mit mir mit der Fähre von Polen nach Australien“, sagt Anny stolz. In einer Verfolgungsjagd rennen Stark und Ritter hinter Tom her, der sich schließlich eine Portion „Heaven“ verabreicht und durchdreht. Der „Tatort“ bleibt in diesen Szenen eher Sozialstudie als Fiktion. Die Jugendlichen, die „Heaven“ auf der Straße verticken, nehmen die Polizisten nicht ernst, filmen sie mit ihren Handys und drohen, sie im Internet an den Pranger zu stellen.

          Auch wenn es schmerzt

          Der „Tatort. Dinge, die noch zu tun sind“ von Regisseurin Claudia Garde, nach einem Drehbuch von Jörg Tensing und gefilmt von dem Kameramann Philip Peschlow, ist ein eindringliches Alltagspsychogramm und ein verdammt guter Krimi aus der Berliner Synthetikdrogenszene. Familiendrama, Mordgeschichte und Drogenpräventionslehrfilm - drei Stränge verweben sich in diesem Film, der zur ARD-Themenwoche „Leben mit dem Tod“ gehört.

          Wohlfeile Tröstungen braucht man nicht. Auch im Krimi nicht, auch wenn es schmerzt. Bis zur letzten Sekunde vor dem Abspann.

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