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„Tatort: Schwarzer Afghane“ im Ersten : Die Lunte brennt an beiden Enden

Er kommt nicht ohne Gefolge: Hauptkommissar Keppler (Martin Wuttke) sucht einen Attentäter Bild: MDR/Junghans

Im „Tatort“ aus Leipzig geht es nach einem etwas albtraumhaften Einstieg um einen Fall von Terrorismus, den die Kommissare jenseits der gängigen Klischees lösen müssen.

          2 Min.

          Schwarzer Afghane, das ist Hasch. Man steckt ihn an, dann glimmt er schön, macht alles intensiver und schön leicht - denken jedenfalls die beiden Jungs, die irgendwo an einer Brücke ihre Joints rauchen und ins Morgengrauen blinzeln. Bis ein Mann vorbeirennt und vor ihren Augen in Flammen aufgeht, einfach so. Dann ist schwarzer Afghane plötzlich eine teerige Brandspur im Gras, mit ein paar Knochen obendrauf. Mehr bleibt nicht übrig von diesem Menschen, von dem sich bald herausstellt, dass er ein junger Mann aus Afghanistan war.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Was anfängt wie ein übler Trip oder wie ein dunkler Kalauer, ist der jüngste „Tatort“ aus Leipzig, und man fürchtet erst Übles, wenn sich Hauptkommissarin Eva Saalfeld (Simone Thomalla) mit geschürzten Lippen über die Asche beugt und sagt, hier rieche es wie frisch gegrillt. Neben ihr kneift Keppler (Martin Wuttke) die Augen zusammen, gewohnt wortkarg, aber diesmal ungewohnt lässig im lichten Leinenanzug. Keppler ist gerade zurück aus dem Vietnam-Urlaub.

          Ein halbes Dutzend Männer auf Gebetsteppichen

          Nur seinen Retrokoffer mit den Klamotten - wer hätte gedacht, dass der Mann von der Kripo mit so etwas reist - hat ein Jüngelchen vom Leipziger Flughafenzoll beschlagnahmt, weil ihm Kepplers Gesicht verdächtig vorkam. In der Ankunftshalle kniete derweil ein halbes Dutzend Männer auf Gebetsteppichen.

          Der Einstieg, den der Drehbuchautor Holger Jancke wählt, wirkt ein bisschen wie seltsam geträumt. Doch dann befreit sich der Plot und nimmt langsam Fahrt auf - bis das Ermittlerduo schließlich zwei scharfen Bomben hinterherjagt und ein Sondereinsatzkommando die Waffen gegen den Mann in Anschlag bringt, der den Finger am Zünder hält.

          Szene aus dem neuen „Tatort“ aus Leipzig: Die Professorin Ina Feuerbach (Margrit Sartorius) bekommt überraschend Besuch von dem flüchtigen Afghanen (Kostja Ullmann).

          Bevor es so weit ist, geht der Film auf eine Reise zu alten Ressentiments und neuen, gut gemeinten Reflexen - die er beide unterläuft. Dass er das ohne große Aufregung als schlichte Suche nach Fakten abhandelt, ist seine größte Qualität.

          Das ruhige Spiel ist eine Wohltat

          Der Regisseur und Kameramann Thomas Jahn verzichtet über weite Strecken auf jede Effekthascherei, Spannung entwickelt sich aus den Dialogen, das ruhige Spiel von Thomalla und Wuttke ist eine Wohltat. Dass es nicht immer plausibel zugeht - etwa, weil selbst Leipzig zu groß ist, um rein zufällig immer denselben Menschen über den Weg zu laufen - ist eine Schwäche, über die auch die durchweg guten Schauspielerleistungen nicht hinwegtäuschen.

          Denn obwohl „Schwarzer Afghane“ nur in der Leipzig und Umgebung spielt, ist Kabul nah. Es geht um Rauschgift, Terrorismus und illegale Einwanderung. Und es geht um Menschen, die einander zu kennen glauben und nichts voneinander wissen.

          Zuerst stellt sich heraus, dass nicht weit vom verbrannten Leichnam auch die Lagerhalle eines deutsch-afghanischen Freundschaftsvereins in Flammen aufgegangen ist. Die erste Vermutung - ein Brandanschlag der Neonazis - greift ebenso wenig wie die Grundannahme vom prinzipiell guten Kriegsflüchtling. Der Tote soll der afghanische Student Arian Bakhtari (Kostja Ullmann) gewesen sein. Ein Terrorist? Niemals, sagen alle, die ihn kennen. Arian sei ein Ausnahmestudent, ein Ausnahmemensch gewesen. Wieso sollte er eine Halle mit Hilfsgütern in Brand stecken?

          Ein Gelände, gesichert wie Fort Knox

          Doch in der Halle lagerten auch Unmengen von Haschisch. Woher die Drogen kamen, weiß angeblich weder die Vorsitzende des Freundschaftsvereins noch Norbert Müller, dem das Lager gehört. Müller verschickt von einem Gelände, gesichert wie Fort Knox, Waren mit deutschen Militärflugzeugen nach Afghanistan.

          Sylvester Groth spielt den Spediteur mit genau der zurückgenommenen Freundlichkeit, dass man ihm alles zutraut. Welche Rolle ein zweiter junger Afghane spielt, den Müllers Tochter (glänzend gespielt von Haly Louise Jones) verzweifelt sucht, und was der düstere Mann in der hellen Lederjacke mit all dem zu tun hat, bleibt lange im Dunkeln.

          Die Lösung hat mit weißem Phosphor zu tun. Was der kann, nämlich brennen, sobald er mit Luft in Kontakt kommt, hat Saalfeld schon als Kind auf Usedom gelernt. Was er anrichten könnte, wenn ein Traumatisierter mit dem Stoff sein ganz persönliches Signal setzen will, wird erst klar, als die Zeit schon drängt. Dann haben Ermittler und Zuschauer auch begriffen, dass die Lösung wie so oft zwischen Schwarz und Weiß liegt.

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