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„Tatort“ : Schneewittchen kann gefährlich sein

  • -Aktualisiert am

Ohne jegliche Beweismöglichkeit: Klara Blum (Eva Mattes) ermittelt Bild: obs

Wäre Schamlosigkeit ein Unterrichtsfach, diese Schüler würden mit Bestnoten brillieren: Der Bodensee-Tatort „Herz aus Eis“ führt in die festungsähnliche Internats-Enklave wohlstandsverwahrloster Kinder. Bestechend ist vor allem die Besetzung der drei jugendlichen Hauptrollen.

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          „Kein halbgares Wikipedia-Wissen“, gibt Deutschlehrer Jakob seinen Schülern als Hausaufgabenhinweis. Anstrengung und geistige Durchdringung der schicksalhaften Konflikte in Schillers „Wallenstein“ aber sind Sache dieser dreizehnten Klasse nicht. Was auch nützt der Wille des Klassikerfreundes zur ästhetischen Erziehung, wenn die Väter seiner Schüler als Bankvorstände Megafusionen anschieben, anschließend Aktienwerte in Milliardenhöhe verbrannt werden und die Verantwortlichen dennoch in der Lage sind, ihr Schäflein ins Trockene zu bringen? Wäre Schamlosigkeit ein Unterrichtsfach, diese Schüler würden mit Bestnoten brillieren. Doktor Jakob fiele vom Glauben ab, wüsste er, was seine wohlstandsverwahrlosten Schüler in der Freizeit so treiben: Von Drogenhandel und Fotohandy-Missbrauch über sexuelle Ausbeutung und Aktienschwindel bis zu Mord ist alles dabei.

          Der neue Bodensee-„Tatort“ führt Klara Blum (Eva Mattes) und ihren Assistenten Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) in eine festungsähnliche Internats-Enklave für arme reiche Kinder. Als die Kommissare gerufen werden, um einen vermeintlichen Schülerselbstmord zu untersuchen, weisen die Umstände zunächst nur auf eine pubertäre Verzweiflungstat hin. Während Direktorin Süssmilch (Claudia-Sofie Jelinek) in der Kapelle vor versammelter Schülerschaft gutgläubig und ergriffen Lutherworte zitiert, plant diese in den Bänken die nächsten Schandtaten. Im „Wallenstein“, so macht „Herz aus Eis“ glauben, steht alles geschrieben: „Das eben ist der Fluch der bösen Tat, / dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.“

          Stilsichere Regie, überdurchschnittliche Besetzung

          Und während der Mitspieler Bodenseestill und eiskalt ruht, nimmt das Komplott, das Dorothee Schöns Buch entwirft, in Ed Herzogs stilsicherer Regie und in den stumpfen Blau- und Grautönen des Kameramanns Ralf Nowaks immer monströsere Gestalt an. So monströs, dass Blum und Perlmann die längste Zeit zwar dies und jenes ahnen, aber ohne jegliche Beweismöglichkeit hilflos sind. Siegen wird polizeiliche Routinearbeit und gute alte Fintentechnik. Es wird ein glanzloser Sieg sein, der sich für Perlmann, um dessen mögliche Beförderung es hier auch geht, immerhin mit einer vollen Punktzahl in der Rubrik „Arbeitsgüte“ auszahlt.

          Bestechend in diesem überdurchschnittlichen SWR-„Tatort“ ist vor allem die Besetzung der drei jugendlichen Hauptrollen (Casting: Birgit Geier). Ihre Darsteller heben die Handlung auf die Höhe einer Neufassung von Choderlos de Laclos amoralischen „Gefährlichen Liebschaften“. Rosalie Thomass gibt als nervöse russische Milliardärserbin Olga eindrucksvoll die naive Madame de Tourvel. Florian Bartholomäi verkörpert den Narziss Max als hosentaschengroße Ausgabe des Vicomte de Valmont mehr als angemessen. Die eigentliche Überraschung aber ist Nora von Waldstätten als Viktoria, die mit blutleerem Schneewittchenteint und pechschwarzen Haaren als wunderschöne, klirrend kalte Eiskönigin diesen Film regiert.

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