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„Tatort: Scherbenhaufen“ : Ein Leben geht zu Bruch

Kommissar Bootz (Felix Klare) versucht den Patriarchen Otto Imberger (Otto Mellies) davon zu überzeugen, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Bild: SWR/Peter A. Schmidt

In der Stuttgarter Fabrikantenfamilie Imberger herrscht Generationenkrieg. Porzellan wird zerschlagen, ein Chauffeur ermordet. Verdecktes Ermitteln ist das Gebot der Stunde.

          Ausgerechnet der unerfahrene Sebastian Bootz (Felix Klare), der die Kriminalistik vor allem als analytisch-strategische Herausforderung begreift, soll in einer Stuttgarter Mordsache verdeckt ermitteln. Dabei war es doch sein Kollege Lannert (Richy Müller), der in einem früheren Leben in Hamburg Undercoveragent war - worauf er mehrmals hinweist.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Aber auch der passionierte Jutesackträger lässt im Gegenzug ungeahnte Neigungen erkennen, wenn er, sonst eiserner Radfahrer, im matschbraunen Porsche vor dem Kommissariat vorfährt. Oder wenn der notorische Einzelgänger seinen jüngeren Kollegen Bootz ins Haus der Fabrikantenfamilie Imberger einschleust und dann in seiner Sorge um ihn fast mütterliche Qualitäten entwickelt.

          Der zehnte Stuttgarter „Tatort“ in dieser Besetzung heißt „Scherbenhaufen“, und das nicht umsonst. Es wird allerhand Geschirr zerschlagen. Nicht nur in der Produktionsstätte der alteingesessenen schwäbischen Porzellanmanufaktur, weil die Lieferanten brüchige Teller und kaputte Tassen geliefert haben. Auch in der Unternehmerfamilie scheppert es.

          Landung im Schlangennest

          Da tobt ein Generationenstreit, die beiden Söhne des Patriarchen stehen in den Startlöchern und können es nicht erwarten, die Firma zu übernehmen. Aber auch unter den Brüdern herrscht Zwietracht, sie verfolgen ganz unterschiedliche Pläne, wie sich die vom Großvater gegründete Firma in die Zukunft führen lässt.

          Weder Tochter Pia (Ulrike C. Tscharre) noch die sprichwörtlichen Stuttgarter Reben können den entlassenen Rudolf Bischoff (Bernd Tauber) trösten

          Bootz, der wohl einzige „Tatort“-Kommissar weit und breit mit einem normalen, unspektakulären Familienleben, staunt nicht schlecht, da er in diesem Schlangennest landet. Er soll den Mord an dem Chauffeur des Seniorchefs klären, den Otto Mellies als einen zwischen Gewissen und Erfolgsstreben Zerrissenen grandios spielt. Da alle davon ausgehen, dass der Anschlag dem Unternehmer galt, ermittelt die Polizei gar nicht erst im Umfeld des Angestellten, sondern bei der Porzellanfamilie, die herrschaftlich in Stuttgarter Höhenlage residiert.

          Das Drehbuch von Eva und Volker A. Zahn, von Johannes Grieser routiniert in Szene gesetzt, umreißt nicht nur die Probleme moderner Unternehmer, von der Frage der Erbfolge über den Innovationsdruck bis zum Auftreten gegenüber Mitarbeitern. „Scherbenhaufen“ erzählt, auf einer zweiten Ebene, mit der Figur des Rudolf Bischoff vom Drama des modernen Angestellten. Bischoff, der dem Geschirrhersteller ein Leben lang treu diente, bis er plötzlich entlassen wird, gerät rasch ins Blickfeld der Polizisten. Schließlich hat er ein Motiv, und er gibt dem Film sein Thema: wie es aussieht, wenn das Leben eines Menschen zu Bruch geht. Vergeblich versucht es Bischoff mit Psychopharmaka in den Griff zu kriegen.

          Geradlinig, aber brav

          Fünfunddreißig Jahre war er bei den Imbergers angestellt und hat die Firma mit hochgebracht. Nun aber sitzt er wie ein Fossil aus der Vergangenheit in seiner Weingartenlaube und weiß nicht, wie ihm geschieht. Was dieser Mann erlebt, den Bernd Tauber meisterlich zur tragischen Figur hebt, ist ein Albtraum. Deshalb greift er irgendwann tatsächlich zur Waffe, doch nicht, um sie gegen seinen einstigen Firmenchef zu richten, sondern gegen sich selbst.

          Fast nebenbei erzählt der „Tatort“ von der Brüchigkeit moderner Arbeits- und Lebensverhältnisse, vom Anpassungsdruck und der damit verbundenen Angst. Denn was Bischoff umtreibt, ist nicht nur ökonomische, es ist existentielle Not. Es ist die Angst, ausrangiert zu werden, nichts mehr wert zu sein. Das ist die spannende Geschichte, die den sonst geradlinig, aber eben auch brav erzählten Krimi um Machtstreben, Korruption und Industriespionage am Ende rettet.

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