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„Tatort“ : Sag zum Abschied leise „Fettbemme“

Abschied hoch zu Ross: Peter Sodann (l.), Bernd Michael Lade Bild: MDR/Hardy Spitz

In fünfzehn Dienstjahren hat der sächsische „Tatort“-Kommissar Ehrlicher Aufbauarbeit an der ostdeutschen Seele geleistet. Mit der Folge „Die Falle“ feiert Ehrlicher alias Peter Sodann seinen Abschied von der Reihe.

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          Bruno Ehrlicher, das darf getrost verraten werden, wird in seinem letzten Fall nicht sterben. Fünfundvierzig Fälle hat der sächsische „Tatort“-Ermittler Ehrlicher in fünfzehn öffentlich-rechtlichen Dienstjahren aufgeklärt und ebenso erfolgreich Aufbauarbeit an der ostdeutschen Seele geleistet. Diesen verdienten Mann zum Abschuss freizugeben, ihn womöglich gar von einem zugereisten West-Bösewicht töten zu lassen, das hätte der MDR seinem Publikum nicht zumuten können - und es hätte auch gar nicht gepasst zum Ehrlicher-Darsteller Peter Sodann, der stets die Botschaft verbreitet, sich bloß nicht unterkriegen zu lassen. Im wahren Leben hat Sodann seine Pensionierung aus Altersgründen nur schweren Herzens akzeptiert, als Ehrlicher scheidet er erhobenen Hauptes, ja sogar im Wortsinn auf hohem Ross. Und mit einem letzten Satz auf den Lippen, der leisen Optimismus ausdrückt.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jegliches hat seine Zeit, und der Fernsehpolizist mit dem plakativen Namen passte perfekt in die seine. Ehrlicher und sein Kompagnon Kain, gespielt von Bernd Michael Lade, fügten sich gut ein in die „Tatort“-Riege und setzten zugleich eine eigene Note. Uneitel und unscheinbar, grantig, doch von reinem Herzen, nach außen harmlos-naiv und am Ende doch schlauer als die meist bessersituierten Täter: In Ehrlicher dürften viele Ostdeutsche ein Wunschbild ihrer selbst erblickt haben.

          Widerstand gegen die Hektik

          Wie ein Kind ein zerschlissenes Stofftier, trug Ehrlicher stets seine DDR-Aktentasche mit sich herum, weil früher eben nicht alles schlecht war, und war mit seinem gedrosselten Ermittlungstempo der personifizierte Widerstand gegen die hektische Nachwendezeit. Mit humorvollen, auch selbstironischen Einlagen gelang es den Machern vom MDR, die selbstgerechte Attitüde, die Sodann etwa in seinem Altherrenkabarett mit Norbert Blüm an den Tag legt, in Zaum zu halten.

          Die Konstellation der Abschiedsfolge „Die Falle“, eine Koproduktion der „Tatort“-Routiniers Hajo Gies (Regie) und Hans-Werner Honert (Buch), ist eine für Ehrlicher-Fälle klassische. Der Schauplatz einer modernen Leipziger Stadtrandsiedlung verkörpert den - auf brüchigem Fundament errichteten - Aufbau Ost, es gibt einen begüterten Finsterling, den Bauunternehmer Meier, und durch Naivität in Not geratene Opfer, darunter Kains neue Freundin Eva, der Julia Brendler ihre traurigen Augen leiht. Als Kontrast wird uns eine fesche Vertreterin des Raubkatzenkapitalismus vorgesetzt, die Sätze aus dem Leitfaden für Seifenopernbiester aufsagt („Jetzt hab ich Sie in der Hand“) und vom Klassenkämpfer Ehrlicher als „mieses Stück Dreck“ beschimpft wird. Am Ende steht der Polizist vor einem Dilemma, dem sich so ähnlich schon Bärbel Bohley gegenübersah: Er will Gerechtigkeit, doch er hat nun mal den Rechtsstaat.

          Schwächen leistet sich der Film gerade bei Kain und Eva, denen man weder ihre (in nur drei Monaten gefestigte) Liebe abnimmt noch die existentielle Krise, in die sie geraten. In einer Szene fahren beide ein kleines Mädchen, deren Mutter zu Tode kam, zu seinen Großeltern und unterhalten sich freimütig über die Tote, obgleich das noch ahnungslose Kind auf der Rückbank sitzt. Als es später traurig winkend am Fenster steht, hat Kain nichts Besseres zu tun, als Eva um den Hals zu fallen und zu sagen, dass er mit ihr ebenfalls Kinder wolle. Wenigstens auf Ehrlichers Abschiedsfeier stimmt dann wieder alles: Den drohenden Lachstartar mit Rucola hat der Pensionär abwenden können und sächsische Fettbemmen mit sauren Gurken durchgesetzt. Es könnte auf lange Sicht das letzte Mal gewesen sein, dass in einem „Tatort“ das Wort „Fettbemme“ ausgesprochen wurde.

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