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„Tatort“-Regisseurin Aelrun Goette : Mich fesselt vor allem das Abgründige

  • Aktualisiert am

„Was, wenn nicht Grenzüberschreitungen?” - die Regisseurin und Autorin Aelrun Goette Bild: picture-alliance/ dpa

In der Psychiatrie hat sie gearbeitet, im Frauengefängnis und als Dokumentarfilmerin: Die Regisseurin Aelrun Goette kümmert sich - jetzt auch in einem bemerkenswerten „Tatort“ - gern um menschliche Abgründe. Wir wollen wissen: Warum?

          In der Psychiatrie hat sie gearbeitet, im Frauengefängnis und als Dokumentarfilmerin: Die Regisseurin Aelrun Goette kümmert sich - jetzt auch in einem bemerkenswerten „Tatort“ - gern um menschliche Abgründe. Ein Gespräch über Leben und Tod, die Wirkung von Dokumentarfilmen und die Freiheit der Themenwahl.

          Der Tod zieht sich wie ein roter Faden durch Ihre Filme. Haben Sie als Jugendliche auf Gräbern getanzt?

          Nicht wirklich (lacht). Ich gleiche einfach den Kinderdarstellern meiner Filme, bei denen ich das Gefühl hatte, die Frage nach dem Tod besitzt für sie eine ähnliche Bewandtnis wie die, was nach dem Universum kommt. Die habe ich mir als Kind immer und immer wieder gestellt, Sie auch?

          So komplex dachte ich damals nicht.

          Also mir war die Vorstellung, dahinter kommt nichts mehr, immer ein Graus. Dass dort ein Ende ist, habe ich nie akzeptiert. Genauso verhält es sich mit dem Tod. Was das sein könnte, wie es sich anfühlt, hat mich immer fasziniert. Bei den Menschen, die in meinem Umfeld gestorben sind, hat mich dieser Punkt besonders berührt.

          Bei sehr Nahestehenden mehr?

          Das ist privat. Natürlich schöpfe ich aus eigenen Erfahrungen, aber ich bilde sie nie eins zu eins ab. Mir hilft es jedoch, dass ich die Welt auch aus der dunklen Ecke des Zimmers kenne.

          Würden Sie denn Ihr Verhältnis zum Tod als besonders bezeichnen?

          Nein, ich bin nur neugierig.

          Neugierig kann man auf vieles sein, ohne ständig Filme darüber zu drehen.

          Gut, mich fesselt vor allem das Abgründige. Durch meine Dokumentarfilme durfte ich Menschen, die Abgründe ausgelebt haben, persönlich kennenlernen. Dadurch habe ich Erfahrungen gesammelt und mir immer wieder selbst die Frage gestellt, wie ich in vergleichbaren Extremsituationen reagieren würde. Außerdem war ich sechs Jahre Vollzugsbetreuerin im Frauengefängnis und habe dort Menschen mit Grenzerfahrungen getroffen; ich habe Mörderinnen mit Biographien kennengelernt, bei denen ich mich ernsthaft gefragt habe, wie man die überhaupt überleben kann. Womit soll man sich als Kreative denn beschäftigen, wenn nicht mit Grenzüberschreitungen?

          Eignet sich das Ultimative am Tod womöglich besser für Filme als profane Liebesgeschichten?

          Liebesgeschichten müssen ja nicht profan sein. Mich muss etwas anspringen, mir das Gefühl geben, ein Abenteuer zu erleben, neue Erfahrungen machen zu können. Im Herbst drehe ich eine sehr heftige Liebesgeschichte zwischen Kindern, das ist doch schon mal ein Anfang! Und beim Tatort mit Ulrike Folkerts habe ich die Chance gesehen, Krimi mit Melodram zu verknüpfen, um die Grenzen des Formats so weit wie möglich auszudehnen. Denn dafür eignet er sich hervorragend: Themen zu setzen, bei denen der Zuschauer auf anderen Sendeplätzen vielleicht nicht dranbleiben würde.

          Am Ende bleibt es ein gewöhnlicher Mordfall. Ist die Sterbehilfe doch nur ein Vehikel?

          Der Film behandelt das Sterben an sich ebenso wie unseren Umgang damit. Das ist sein Kern, kein Randaspekt. Auch die Kommissarin Odenthal muss sich damit neu auseinandersetzen.

          Wie stehen Sie zur Sterbehilfe?

          Jeder Mensch hat das Recht auf sein eigenes Leben, also auch auf den eigenen Tod. Aber: Der Film transportiert nicht meine persönliche Haltung, auch wenn sie in der Wahl der filmischen Mittel spürbar ist. Ein Tatort kann nicht alle Seiten der Debatte aufgreifen. Was er leisten muss, ist, das Thema in seinen Facetten zu erfassen, und dazu zählt auch der Missbrauch. Damit haben wir uns auseinandergesetzt. Ich fühle mich jedoch nicht dazu berufen, anschließenden Diskussionen vorzugreifen. Da bin ich viel grundsätzlicher: Am wichtigsten ist es, den Zuschauer emotional abzuholen. Denn Film ist Gefühl. Immer. Nicht Verstand. Die Diskussionen kommen dann von ganz allein.

          Hat Fernsehen die Kraft, gesellschaftliche Debatten anzustoßen?

          Da fragt sich, was eine gesellschaftliche Debatte ist. Natürlich passiert es immer wieder mal, dass breit über einen Film geredet wird, aber ob damit das Denken verändert wird – und das sollte ja die Folge einer gesellschaftlichen Debatte sein –, who knows? Nach meinem Dokumentarfilm „Die Kinder sind tot“ sagte ein Polizeisprecher, angeblich habe jeder zweite Erwachsene in Frankfurt/Oder den Film gesehen. Seither habe sich das Verhalten der Bürger verändert, und es würden mehr Straftaten gegen Kinder angezeigt. Das wäre natürlich eine unmittelbare Auswirkung eines Films auf die Wirklichkeit. Vielleicht sogar eine positive. Aber heißt das, man kann mit Filmen die Welt verändern? Ich glaube nicht.

          Macht es Ihnen Angst, wenn Menschen einen Film zur Basis ihres Handelns machen?

          Als Regisseurin eines Dokumentarfilms steht für mich die Verantwortung gegenüber den Protagonisten genauso im Vordergrund wie die Verantwortung dem Thema gegenüber. Georg Troller hat mal gesagt: Wir sind alle Menschenfresser. Das stimmt. Aber ein Menschenfresser ohne Verantwortung ist einfach nur ein Schwein. Ich habe einen Film über die Grundausbildung in der Bundeswehr gemacht, und nach Ausstrahlung des Films ist ein Hauptfeldwebel wegen Verstoßes gegen die Menschenwürde angeklagt und verurteilt worden. Dokumentarfilme haben immer Konsequenzen für die Gezeigten. Deshalb ist es eine ungeheure Erleichterung, Spielfilme zu machen, weil es mich von dieser Riesenverantwortung entbindet und neue Spielräume eröffnet.

          Heißt das, Dokumentationen haben mehr Wirkung als Spielfilme?

          Jedenfalls für die Protagonisten. Und für mich als Autorin insofern, als ich für das, was über die reale Person erzählt wird, mitverantwortlich bin. Was die Wirkung auf den Zuschauer betrifft, sehe ich keinen Unterschied.

          Drehen Sie Ihre Dokumentationen deshalb ohne Kommentar aus dem Off?

          Nein, ich gebe dem Publikum die Möglichkeit, das eigene Deutungsvermögen nicht beeinflussen zu lassen. Ich persönlich kenne nur einen Dokumentarfilm mit herausragend gelungenem Off-Kommentar: „Der gewöhnliche Faschismus“ von Michail Romm aus dem Jahr 1965. Er pflegt ihn darin als dramaturgische Kunstform, während ihn viele Autoren als Hilfsmittel einsetzen, um das Nichtgezeigte zu ersetzen. In „Die Kinder sind tot“ muss ich das Leben einer Frau, die ihre beiden Kinder allein gelassen hat, nicht noch im Off erklären. Das erklärt sich von selbst. Mich langweilt dieses fantasielose Off-Gequatsche. Und das ist das einzige, was wirklich verboten ist: Langweilen.

          Sie haben nach erfolgreichen Dokumentarfilmen kurz hintereinander zwei Spielfilme gedreht. Ist das zwangsläufig – der Weg zur fiktionalen Unterhaltung?

          Kann schon sein, aber ich habe ja beides gelernt und vor der Filmhochschule auch Theaterregie gemacht. Ich möchte mich in meiner Arbeit gern frei bewegen. Das heißt, für jedes Thema frei in der Wahl seiner Umsetzung zu sein. „Die Kinder sind tot“ ist ein Dokuthema, das fiktional viel weniger Wucht hätte. Aber es scheint tatsächlich so, dass, wer im Dokumentarfach reüssiert, irgendwann auch Spielfilme drehen darf. Ich möchte gern alles machen können.

          Ein „Tatort“ kann nicht schaden, um autonomer zu werden und Anrufe von Produzenten mit Riesenbudgets zu kriegen.

          Na, das wird sich zeigen, wenn er gelaufen ist.

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