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„Tatort“-Regisseurin Aelrun Goette : Mich fesselt vor allem das Abgründige

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Hat Fernsehen die Kraft, gesellschaftliche Debatten anzustoßen?

Da fragt sich, was eine gesellschaftliche Debatte ist. Natürlich passiert es immer wieder mal, dass breit über einen Film geredet wird, aber ob damit das Denken verändert wird – und das sollte ja die Folge einer gesellschaftlichen Debatte sein –, who knows? Nach meinem Dokumentarfilm „Die Kinder sind tot“ sagte ein Polizeisprecher, angeblich habe jeder zweite Erwachsene in Frankfurt/Oder den Film gesehen. Seither habe sich das Verhalten der Bürger verändert, und es würden mehr Straftaten gegen Kinder angezeigt. Das wäre natürlich eine unmittelbare Auswirkung eines Films auf die Wirklichkeit. Vielleicht sogar eine positive. Aber heißt das, man kann mit Filmen die Welt verändern? Ich glaube nicht.

Macht es Ihnen Angst, wenn Menschen einen Film zur Basis ihres Handelns machen?

Als Regisseurin eines Dokumentarfilms steht für mich die Verantwortung gegenüber den Protagonisten genauso im Vordergrund wie die Verantwortung dem Thema gegenüber. Georg Troller hat mal gesagt: Wir sind alle Menschenfresser. Das stimmt. Aber ein Menschenfresser ohne Verantwortung ist einfach nur ein Schwein. Ich habe einen Film über die Grundausbildung in der Bundeswehr gemacht, und nach Ausstrahlung des Films ist ein Hauptfeldwebel wegen Verstoßes gegen die Menschenwürde angeklagt und verurteilt worden. Dokumentarfilme haben immer Konsequenzen für die Gezeigten. Deshalb ist es eine ungeheure Erleichterung, Spielfilme zu machen, weil es mich von dieser Riesenverantwortung entbindet und neue Spielräume eröffnet.

Heißt das, Dokumentationen haben mehr Wirkung als Spielfilme?

Jedenfalls für die Protagonisten. Und für mich als Autorin insofern, als ich für das, was über die reale Person erzählt wird, mitverantwortlich bin. Was die Wirkung auf den Zuschauer betrifft, sehe ich keinen Unterschied.

Drehen Sie Ihre Dokumentationen deshalb ohne Kommentar aus dem Off?

Nein, ich gebe dem Publikum die Möglichkeit, das eigene Deutungsvermögen nicht beeinflussen zu lassen. Ich persönlich kenne nur einen Dokumentarfilm mit herausragend gelungenem Off-Kommentar: „Der gewöhnliche Faschismus“ von Michail Romm aus dem Jahr 1965. Er pflegt ihn darin als dramaturgische Kunstform, während ihn viele Autoren als Hilfsmittel einsetzen, um das Nichtgezeigte zu ersetzen. In „Die Kinder sind tot“ muss ich das Leben einer Frau, die ihre beiden Kinder allein gelassen hat, nicht noch im Off erklären. Das erklärt sich von selbst. Mich langweilt dieses fantasielose Off-Gequatsche. Und das ist das einzige, was wirklich verboten ist: Langweilen.

Sie haben nach erfolgreichen Dokumentarfilmen kurz hintereinander zwei Spielfilme gedreht. Ist das zwangsläufig – der Weg zur fiktionalen Unterhaltung?

Kann schon sein, aber ich habe ja beides gelernt und vor der Filmhochschule auch Theaterregie gemacht. Ich möchte mich in meiner Arbeit gern frei bewegen. Das heißt, für jedes Thema frei in der Wahl seiner Umsetzung zu sein. „Die Kinder sind tot“ ist ein Dokuthema, das fiktional viel weniger Wucht hätte. Aber es scheint tatsächlich so, dass, wer im Dokumentarfach reüssiert, irgendwann auch Spielfilme drehen darf. Ich möchte gern alles machen können.

Ein „Tatort“ kann nicht schaden, um autonomer zu werden und Anrufe von Produzenten mit Riesenbudgets zu kriegen.

Na, das wird sich zeigen, wenn er gelaufen ist.

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