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„Tatort“-Novize Martin Wuttke : Er schlägt den Kragen hoch

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Neu am „Tatort”: Martin Wuttke Bild: AP

Die Theaterbühne war Martin Wuttkes Biotop. Jetzt wagt sich der Schauspieler ins Fernsehen: Als eine Hälfte des neuen Leipziger „Tatort“-Teams gibt er den introvertierten Sonderling neben der quirlig-strahlenden Simone Thomalla.

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          Es gleicht einem Bild wie aus dem Kriegswinter: Den Kragen hochgeschlagen, streift Martin Wuttke durchs Foyer. Die Hand am Hals wie ein Schal, die andere über der Brust wie zum Schutz, zurrt er den aschgrauen Mantel zusammen, als herrschten Minusgrade im Hamburger Edelrestaurant. Hager, fahrig, das dünne Haar streng nach hinten gekämmt – wer den Schauspieler bei der Präsentation seiner Rolle im neuen Leipziger „Tatort“ sieht, kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Wuttke ist der ideale Ermittler.

          Wie ein einsamer Wolf stromert er durch die Menschenreihen und meidet scheinbar jeden Kontakt, stets auf imaginärer Suche nach irgend etwas. So kennt man den Theaterschauspieler aus seinen wenigen Filmrollen, so spielt er Joseph Goebbels in Margarethe von Trottas „Rosenstraße“, so gibt er den Stasi-Offizier Erwin Hull in Volker Schlöndorffs „Die Stille nach dem Schuss“, und so verkörpert er nun also Andreas Keppler, den introvertierten Sonderling neben der quirlig-strahlenden Simone Thomalla, das frische Ermittlerduo im Jahr eins nach Kain und Ehrlicher.

          Introvertiert, bedächtig, abwesend

          „Ich weiß, dass ich manchmal sehr beobachtend wirke“, erklärt er frühmorgens im Hotel, dasselbe düstere Äußere wie tags zuvor aufweisend. Auch introvertiert, bedächtig, abwesend wirke er gelegentlich. „Aber meistens langweile ich mich einfach nur, eigentlich bin ich sehr gesellig.“ Jetzt lächelt er, das passiert ihm selten, im Film wie im Leben. Ob er mal so richtig aus sich herausgehe, den Panzer der Stille verlasse? Er zündet sich aufs Neue eine Zigarette an: „Wenn ich erwache, kann ich richtig aufblühen.“ Und auf der Bühne sei er „das krasse Gegenteil“.

          Die Bühne ist Martin Wuttkes Biotop oder besser: sein Gehege. Denn wenn einer die Symbiose von Theatralik und Alltagsverhalten vollzogen hat, dann der Gelsenkirchener Mime mit dem gefurchten Gesicht, dem die Bretter nur dann die Welt bedeuten, wenn er auf ihnen steht. „Ich gehe ungern ins Theater“, sagt der Mittvierziger, der seit 1995 Brechts Arturo Ui spielt, fast vierhundert Mal schon. Der nach seiner Ausbildung in Bochum an renommierten Bühnen wirkte und nach Heiner Müllers Tod kurzzeitig die Intendanz des Berliner Ensembles innehatte, der, zweimal zum Schauspieler des Jahres gekürt, noch immer unerkannt durch die Hauptstadt laufen kann.

          Mehr in Richtung Marlowe

          Damit dürfte jetzt Schluss sein. Der „Tatort“ ist eine Popularisierungsmaschine. Wenn man dann noch die beiden zweitdienstältesten Kommissare ersetzt, wird eine Hypothek daraus. Auch deshalb will Wuttke die Rolle ein wenig mit sich selbst auffüllen, wie er es nennt. Sein Arbeiten verlaufe ja ähnlich pedantisch, bisweilen eigenbrötlerisch wie das seines künftigen Alter Ego. Und so wenig man über den zweifachen Vater Wuttke weiß, so wenig solle man auch über den geschiedenen Kommissar Keppler wissen. „Krimis werden hierzulande immer mehr zu Gesellschaftsromanen.“ Nächste Zigarette. „Das will ich ein wenig zurückbauen.“ In Richtung Marlowe, Kottan, Detektive ohne Mütter, Hobbys, Biografien.

          Das klingt nach Rebellion in einem Genre, das dem Privatleben der Protagonisten den gleichen Platz einräumt wie ihren Fällen. Doch Aufruhr ist Martin Wuttke eher fremd. Die Schule mit sechzehn Jahren verlassen zu haben lag eher daran, dass der Halbwaise mit hart arbeitendem Vater dort erfolglos einen Familienersatz gesucht hatte. Und das Theater könne nichts mehr bewegen, ihm fehle das übergeordnete Projekt, das Sendungsbewusstsein der achtziger Jahre, das Subversive der Jahrzehnte zuvor. Bleibt das Fernsehen. Ein „Super-Medium“, wie es Wuttke nennt, „weil es Inhalte so breit vermittelt“. Und nun also sein Medium, solange es Instrumente zur Verfügung stellt, „die ich für mich nutzen kann“, statt ihn selbst zu instrumentalisieren. „Noch benutze ich den ,Tatort‘“, sagt er. Das Gegenteil würde ihn nervös machen, aber keinen Revolutionsimpuls auslösen. Höchstens Fluchtinstinkte.

          Oder akribisches Hineinarbeiten. Noch so eine Parallele zu Andreas Keppler, der den Ort des Mordes schon mal räumen lässt, um dort mit ihm und sich allein zu sein,nicht auf der Suche nach Beweisen, sondern Atmosphären, einer Art Aura, nach Ruhe, die er auch abends beim Rotwein in der Pension findet. „Ich schätze die unverbindliche Freundlichkeit anonymer Hotels“, sagt Wuttkes Keppler, „keiner ist recht daran interessiert, was einer macht.“ Diese Vertrautheit der Fremde nomadisierender Schauspielerüberträgt der Schauspieler auf seine Figur. „Man wird in gewisser Weise asozial.“ Er schweigt lange. „Aber das kann ich durchaus genießen.“ Sollte man ihn einen Kauz nennen? Ein Eigenbrötler: Auf der Bühne genial, im Fernsehen ungewöhnlich. Aber bei Martin Wuttke dreht sich so etwas schnell mal um.

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