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„Tatort“ aus Köln : Kein Schlag ins Wasser

Die Kommissare Schenk und Ballauf (Klaus J. Behrendt) am Fundort der Leiche. Bild: WDR/Thomas Kost

Wer sich in Gefahr begibt, der sollte schwimmen können: Im Kölner „Tatort: Mitgehangen“ geht eine Familie unter - und einer der beiden Kommissare fast mit.

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          Am Schluss wird die Frage endlich ausgesprochen. Nicht direkt, aber doch vernehmlich. Es ist eine der großen, wiederkehrenden Fragen im Leben. Jeder, der einem Beruf nachgeht, den er hasst, den er liebt, den er als Notwendigkeit akzeptiert hat oder als Erfüllung nicht loslassen kann, kennt sie. Sie lautet: Was zum kreuz-karierten Teufel tue ich hier eigentlich? Manchmal kann einem die Frage das Genick brechen. Dann sind Beruf und Verbrechen, wenn sie das eigene Überleben und das der Familie garantieren sollen, nicht mehr so weit voneinander entfernt.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) sitzen also am Ende im Schwimmbad wie zwei begossene Pudel. Ihr Fall ist zwar aufgeklärt, aber gut ausgegangen ist er für niemanden. Ein alter Polizist, erzählt Ballauf, den in diesem „Tatort“ eine veritable Midlife-Crisis (die wievielte eigentlich?) plagt, habe ihn zu Beginn seiner Laufbahn gefragt: „Kannst Du das, Polizist sein?“ Denn schließlich werde man nur gerufen, wenn „alles scheiße ist“. Vierzig Jahre lang Mord und Totschlag. Ballauf, der dieses mal der Sensible ist und sich durch Härte nach außen schützen will, versucht eine Antwort auf die Folgefragen zu finden: Wie muss man werden, um das durchzustehen? Und: Wie bleibt man dabei man selbst?

          Die Männer haben allesamt grobe Kratzer im Lack

          Zunächst ist nichts klar. Nur, dass der verdächtige Reifenhändler Matthes Grevel (Moritz Grove), der sich in der Untersuchungshaft in seiner Zelle erhängt hat, tot ist. Zeitsprung zurück: Man sieht ihn mit seinem Sohn Simon (Alvar Goetze) angeln. Wenig später fischt die Polizei einen Wagen aus dem nahegelegenen Baggersee. Im Kofferraum finden die Kommissare die Leiche von Florin Baciu, Teilhaber des Reifenhandels. Schon den Fund inszeniert der Regisseur Sebastian Ko mit dem größtmöglichen Grausen. Ein Besuch bei den Grevels, die direkt neben dem Reifenhandel wohnen, bringt zutage, dass der Tote im Unternehmen wenig Freunde hatte. Als Teilhaber lenkte er Geld in die eigene Kasse, stellte Grevels Tochter Luzi (Letizia Caldi) nach und fertigte Schmuddelbildmontagen mit dem Gesicht seiner Frau Katrin (Lavinia Wilson) an.

          Grevel, der sich später erhängen wird, ist der Hauptverdächtige. Der Schauspieler Moritz Grove gibt ihm eine derart fragile Persönlichkeit, dass nicht nur Kommissar Schenk sich fragt, ob sein übereifriger Kollege Ballauf das Richtige tut. In diesem „Tatort“ haben alle Männer – bis auf Schenk, der vornehmlich mit seinem Opel-Oldtimer durch Köln fährt (Drehbuch Johannes Rotter), um alle Scherben, die sein Kollege hinterlässt, zusammenzukehren – allesamt grobe Kratzer im Lack.

          Ansonsten ist alles in diesem „Tatort“ entweder wässrig oder fischig: die Alibis, die Verhöre, der Tatort, die Indizien, die Motive. Es beginnt in einem schlammigen Baggersee und endet mit Ballaufs mittelelegantem Kopfsprung in ein klares Schwimmbecken. Dazwischen gruppiert der Regisseur Sebastian Ko reihenweise Requisiten und Einstellungen (Kamera Kay Gauditz), bei denen das Element Wasser eine Rolle spielt. Vom Ofenhandschuh in Haifischmaulform bis hin zum Teebeutel, mit dem der von allerlei Zipperlein geplagte, neue Kollege Norbert Jütte (Roland Riebeling) in seinem trüben Kamillentee angelt.

          Unterlegt ist das Ganze mit einem lässigen Jazz-Soundtrack, auch wenn das Saxophon mitunter an den Nerven sägt. Mehr als eine Stunde lang hat dieser „Tatort“, der den Zerfall einer Familie schildert, ein hohes und mitreißendes Tempo. Dass er es nicht bis zum Schluss hält, ist fast verständlich. Die Dialoge wirken nur selten künstlich, an den richtigen Stellen kommen die Szenen ganz ohne Worte aus. Ohne Nachhall versinkt dieser „Tatort“ nicht im Krimi-Sumpf.

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