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„Tatort“ mit Til Schweiger : Der Gott des Gemetzels sagt: Okay, ich bin tot. Gute Idee

Beistand für den verletzten Actionhelden: Britta Hammelstein als Kallwey und Til Schweiger als Tschiller Bild: NDR/Marion von der Mehden

Der Hamburger „Tatort“ mit Til Schweiger packt in fünf Minuten mehr Action, als andere Episoden in Jahren aufbieten. Mit Erfolg? Aber sicher. Weil in diesem Spiel nichts und niemand sicher ist.

          4 Min.

          „Er müsste schon tot sein.“ Sagt Firat Astan, der Clan-Chef, und bugsiert seinen querschnittgelähmten Bruder aus dem Bett. Die beiden hocken in einer Gefängniszelle. Nick Tschiller, der Nahkampfbulle vom LKA, hat sie dorthin gebracht. Der Befehl, ihn zu beseitigen, ist schon raus. Noch ist Tschiller recht lebendig. Er vergnügt sich gerade mit Hanna Lennerz, der Staatsanwältin, beim wilden Fesselsex. Noch ein bisschen mehr, und wir dächten, hier führe Lars von Trier Regie. Auftritt von Tschillers Tochter Lenny: „Du wolltest Mama zum Flughafen fahren.“ Die steht auch schon in der Tür - vor den beiden im Bett. „Darf ich vorstellen: Das ist meine Ex, und das ist - eine Freundin der Familie.“ Spricht der Hauptkommissar, eilt zum Auto und setzt sich - auf eine Bombe. Die geht hoch. Und bei Minute 5.49 könnte schon alles vorbei sein.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Ist es selbstverständlich nicht, denn wir haben es schließlich mit Hamburgs härtestem Ermittler zu tun, der Til Schweiger auf den Leib geschrieben ist. Seine Figur ist unverwüstlich, auch wenn die Hamburger Polizei ihr Dahinscheiden offiziell verkündet, um Tschiller vor weiteren Anschlägen zu schützen. „Okay, ich bin tot. Gute Idee“, sagt der am Handy, legt auf und zieht Firat Astan (Erdal Yildiz) eins über den Schädel. Er sitzt dem Mafiapaten nämlich gerade im Verhörzimmer im Knast gegenüber. So viel zum Thema Tarnung.

          Der LKA-Mann Tschiller ist ein Haudrauf und Macho, dessen Lebenswandel nicht besonders familienkompatibel ist; ein Kommissar, dessen Alleingänge die Kollegen in den Wahnsinn treiben, hart gegen sich und andere, allein gegen die Mafia, last man standing, ein cooler Hund sowieso. An dem einen nur sein unterkomplexes Frauenbild und auch stören kann, dass man den Eindruck hat, Til Schweiger nehme diese Rolle zu ernst und nicht mit der nötigen Ironie, wie sie den Action-Heroen des amerikanischen Kinos eigen ist. Bruce Willis („Die Hard“) stirbt langsam, ohne davon allzu großes Aufheben zu machen. Als Privatmensch gibt er den Feministen. Sylvester Stallone hält sich inzwischen schon dem Titel („The Expendables“) nach für entbehrlich, und Chuck Norris ist zwar ein Erzkonservativer, nimmt sich als mittlerweile dreiundsiebzigjähriger Kampfkünstler aber selbst auf die Schippe, wenn er in Tarnklamotten aus dem Busch springt. Männer geben Männern eins auf die Zwölf, ziehen blank, einer zieht schneller und reitet einsam in den Sonnenuntergang. So soll es sein. Damit hat es sich dann aber auch.

          Und noch einmal Rettung in letzter Sekunde: Tschiller und seine Ex-Gattin Isabella (Stefanie Stappenbeck) beim Anblick ihres explodierenden Wagens
          Und noch einmal Rettung in letzter Sekunde: Tschiller und seine Ex-Gattin Isabella (Stefanie Stappenbeck) beim Anblick ihres explodierenden Wagens : Bild: NDR/Marion von der Mehden

          Zum Glück ist der nunmehr zweite „Tatort“ mit Til Schweiger kein Solo für einen einsamen Rächer mit Ensemble-Staffage, im Gegenteil. Fahri Yardim ist als Tschillers Partner Yalcin Gümer mindestens ebenso lässig, allerdings mit Humor ausgestattet und etwas abgeklärter. Er ist die Stimme der Vernunft in dem sich anbahnenden blutigen Kampf zwischen einem kurdischen und einem türkischen Clan um den Drogenhandel in Hamburg. An dem wiederum hat der abgewrackte Drogenermittler Enno Kromer seine stille Freude. Ralph Herforth spielt ihn mit Verve als durch und durch verbitterten Fahnder, dem das Leichenzählen nichts mehr ausmacht. Beim Aufbahren kommt man freilich als Zuschauer nicht mehr mit. Achtzehn Tote oder neunzehn?

          Die ersten drei nach der Schießerei in der Disko, dann die nächsten am Hafen, schließlich stapeln sich die Leichen containerweise - der Astan-Clan dezimiert die Bürsüm-Familie. „Der Kiezkrieg hat begonnen“, sagt der Drogencop Kromer und schluckt eine Magentablette. Er hat in dieser Geschichte sein ganz eigenes Spiel am Laufen. In dem gerät Nick Tschiller erwartungsgemäß zwischen alle Fronten. Ein Kopfgeld ist auf ihn ausgesetzt, eine Killertruppe mit Pumpgun ist hinter ihm her, und mit dem eiskalten Schönling Rahid Astan (Carlo Ljubek), der seine Freundin Hanna (Edita Malovcic) überfallen, missbraucht und halbtot geschlagen hat, hat Tschiller seine ganz private Rechnung offen. Allein aber wird er sich diesmal nicht aus dem Schlamassel ziehen, so viel darf man verraten. Beim Showdown kommt es auf seine junge Kollegin Ines Kallwey (Britta Hammelstein) an, die sich als running gag in diesem Film permanent fragen lassen muss, ob sie was mit ihren Haaren gemacht habe. Mitten in der Schießerei sagt sie schließlich, sehr Bruce-Willis-mäßig: „Friseur.“ Passt. Keine Fragen mehr.

          Der Drehbuchautor Christian Darnstädt und der Regisseur Christian Alvart, die auch schon den ersten neuen Hamburger „Tatort“ bestritten haben, leisten also wieder ganze Arbeit. Sie knüpfen an die Exposition der ersten Folge an, können sich jede Vorrede sparen und werfen munter mit dem Speck nach der Schwarte, geben Feuer aus allen Rohren, die Kamera von Jakub Bejnarowicz setzt Hamburg rasant in Szene, gerne auch aus der Luft. „Wir packen die Wundertüte so voll, wie es nur geht“, sagt der Regisseur Alvart. „Kein korrekter Diskurs über aktuelle Feuchtgebiete, sondern ein harter, auf Spannung, Tempo und Emotion gearbeiteter Thriller“ solle das sein, sagt der Autor Darnstädt. Und genau das ist es. Monieren darf man höchstens, dass es ein wenig zu dicke wird, als auch noch ein Dreizehnjähriger als gedungener Mörder auf der Bildfläche erscheint - der Gangster Rahid will ihn zum Handlanger machen, der Clan-„Friedensrichter“ Idris (auch eine coole Rolle: Murathan Muslu) in die Schule schicken.

          Tatort am Sonntag : Trailer Kopfgeld

          Das eine oder andere „Tatort“-Team könnte sich von dem Hamburger Thrill aber gerne eine Scheibe abschneiden. Die eher depressiven Ludwigshafener (Ulrike Folkerts und Andreas Hoppe) zum Beispiel oder die Gemütlichkeitsermittler aus München (Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec), die immer noch in der „Derrick“-Zeit stecken, oder der Kölsche Klüngel (Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär) auch. Etwas mehr Sex and Crime und weniger private Küchen- oder Frittenbuden-Introspektive wären nicht schlecht.

          „Wenn ein Böser einen anderen Bösen tötet, ergibt das einen Bösen weniger. Das ist Tschillers Logik“, sagt Til Schweiger. Diverse Hamburger Innenpolitiker dürfen also schon einmal die Bleistifte spitzen. Wenn der gerade gelaufene „Tatort“ aus Bremen (F.A.Z. vom 22. und 25. Februar), in dem es auch um Clan-Kriminalität ging, Anlass zu einer Debatte über „die falsche Botschaft“ war, wie Bremens Innenstaatsrat Holger Münch meinte, dürfte es dieser Film nicht minder sein.

          „Ich muss hier raus“, sagt am Ende Firat Astan. „Wir müssen uns mal dringend über deine Zukunft unterhalten“, gibt Yalcin Gümer dem Kollegen Tschiller mit auf den Weg. Der hat mit seiner Tochter ein Stelldichein, das von einem Dutzend Polizisten bewacht wird. „Das geht vorbei, wirklich“, sagt Tschiller. Wirklich? Wie geht es in der nächsten Ausgabe des Hamburger „Tatorts“, auf den wir leider lange warten müssen, weiter? „In Zukunft muss man sich um alle Sorgen machen“, sagt der Regisseur Alvart. Klingt vielversprechend.

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