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„Tatort“ mit neuem Team : Das leise Lächeln am Ohr der Kommissarin

Das sieht nicht gut aus: Simone Thomalla und Martin Wuttke sind von 2016 an nicht mehr am „Tatort“. Bild: dpa

Die siebenhundertste Folge des „Tatorts“ präsentiert ein neues Ermittlerpaar: Simone Thomalla und Martin Wuttke spielen geschiedene Leute, die sich bei der gemeinsamen Arbeit einander behutsam wieder nähern.

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          Statt mit dem Taxi, wie vor achtunddreißig Jahren der allererste „Tatort“-Kommissar Paul Trimmel, kommt Andreas Keppler, der ganz neue, nun mit dem ICE nach Leipzig: langsam rollt der Zug in den Kopfbahnhof ein. Szenisch verwoben wird Kepplers Ankunft mit dem Dienstantritt seiner Kollegin Eva Saalfeld im Amtsgebäude und mit dem Brötchenkauf des Kneipenwirts Hans Freytag, der kurz danach in der Fabrikhalle, die zu seinem gepachteten Anwesen gehört, ermordet aufgefunden wird. Den Mord selbst sehen wir nicht, auf das alte Boot aber, das Freytag (Tom Quaas) mit einigen Jugendlichen des Stadtviertels in der Halle gerade restauriert, hat jemand mit roter Farbe das Wort „Todesstrafe“ gesprayt. Der Täter?

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Temporeich und aktionsgeladen, das zeigt schon die Eingangsszene, wird dieser siebenhundertste „Tatort“ nicht sein. Das Drehbuch (Mario Giordano mit Andreas Schlüter) und die Regie (Patrick Winczewski) nehmen sich vielmehr Zeit, um nach dem letztjährigen Ende der Dresdner, später auch schon Leipziger Ermittlerära von Ehrlicher und Kain jetzt den Neubeginn personell wie atmosphärisch plausibel in Szene zu setzen. Also tastet die Kamera erst einmal das Terrain ab und liefert elegische Szenerien aus dem sanierten Zentrum und der immer noch an DDR-Zeiten erinnernden Peripherie des neuen Leipzig.

          Behutsame Annäherung

          In den Mittelpunkt der Handlung setzt dieser „Tatort“ deshalb auch nicht den dynamischen Fortgang der Ermittlungen, sondern die behutsame, neuerliche Annäherung eines lange geschiedenen, nun aber beruflich wiedervereinten Ehepaars. Getrennt sammeln Saalfeld und Keppler erste Eindrücke am Ort des Verbrechens, dann erst reden sie miteinander. „Genug gesehen?“, fragt die Schauspielerin Simone Thomalla. Mit verhalten innigem Blick auf sein Gegenüber antwortet der Schauspieler Martin Wuttke sanft: „Nie genug gesehen.“ Und dann setzt er jenes leise Lächeln auf, das fortan den ganzen Film prägen und ihm eine Aura von Ironie und Melancholie bescheren wird: Begründete Skepsis vor einer auch privaten Renaissance schließt die stille Hoffnung nicht aus, dass genau dies geschehe. Dank der Professionalität beider Schauspieler vermeidet ihr erster gemeinsamer „Tatort“ gerade noch erfolgreich die Falle des Beziehungskitsches.

          Diese Leipzig-Premiere ist ohnehin ein Fall für Paare. Saalfeld und Keppler haben sich einst offenbar friedlich getrennt. Zu seinen Lebzeiten aber war die Ehe des Mordopfers ebenso ein Kriegsschauplatz, wie es jene der beiden zunächst verdächtigen Betreiber einer Backstube nach wie vor ist. Hinzu kommt das trost- und sprachlos vor sich hin lebende Briefträgerpaar Lornsen, das freilich durch ein schreckliches Geheimnis verbunden ist. Hinzu kommt schließlich ein Verweis auf das Vorbild der neuen Ermittler: 1974 begann das „Tatort“-Wirken des jüngst verstorbenen Hansjörg Felmy als Kommissar Haferkamp, gerne als Hilfspolizistin setzte Felmy Karin Eickelbaum ein, im Film seine geschiedene Frau Ingrid.

          Zur Aufklärung des Mordes selbst bietet das Drehbuch ein paar so aktuelle wie latente gesellschaftliche Probleme auf, zumal den Missbrauch von Minderjährigen. Und dann ist der Täter auch schon gefasst.

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