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Tatort „Land in dieser Zeit“ : Hoch auf dem moralischen Wagen

  • -Aktualisiert am

Was vom Friseurladen übrig blieb: Hauptkommissare Janneke (Margarita Broich) und Brix (Wolfram Koch, rechts) am Ort der Verwüstung. Bild: HR/Degeto/Bettina Müller

Der Frankfurter „Tatort“ will in Sachen Flüchtlingskrise und „neue Rechte“ so sehr Zeitkommentar sein, dass er dafür seine Seele verkauft: ein Lehrstück darüber, wie man das Publikum unterschätzen kann.

          Den aktuellen Frankfurter „Tatort“ verantwortet fast dasselbe Team wie die erst drei Wochen zuvor gesendete Episode „Wendehammer“: Markus Imboden führte in beiden Fällen Regie, Stephan Brüggenthies war jeweils am Drehbuch beteiligt, diesmal verstärkt durch Khyana el Bitar und Dörte Franke. Aber statt mit einer schön verschrobenen Groteske, die sich Freiheiten in jeder Hinsicht nimmt (was bei Kritik und Zuschauern nur mittelprächtig ankam), haben wir es diesmal mit einem schwer moralisierenden, um höchste Aktualität bemühten, aber leider sträflich langweiligen „Tatort“ zu tun, dem mit Roeland Wiesnekker als Kommissariatsleiter in innerer Emigration auch noch eine heimliche Hauptfigur abhandengekommen ist. Bruno Cathomas tut sein Bestes, Wiesnekkers absurde Komik zu ersetzen, aber die Figur des neuen Chefs bleibt trotz des schrägen Namens Fosco Cariddi und vieler touretteartig hervorgestoßener Ernst-Jandl-Rezitationen blass und uninteressant.

          Wer beim Titel „Land in dieser Zeit“ neben dem natürlich bald auch geträllerten Volkslied „Kein schöner Land“ gleich an die sogenannte Flüchtlingskrise denkt, der liegt goldrichtig. Aber die Kommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) bekommen gar nicht erst die Chance, sich in die komplizierten und vielleicht auch unbequemen Feinheiten dieser Thematik zu vertiefen, sondern müssen eine „Wir schaffen das nur dann nicht, wenn wir es nicht schaffen wollen“-Stellungnahme vortanzen. Ästhetisch geht es dabei arg konventionell zu, die einzige besondere Regieidee besteht in der vielfachen Betonung der deutschen Sprache als Identitätskriterium. Die Sprache aber kann jeder lernen, wie wir sehen, da spielt Blut und Geburt keine Rolle. Ein kleines Hoffnungslicht in einer ansonsten ziemlich bedrückenden Gesellschaftsdiagnose.

          In den Nebenräumen die Libido abreagieren

          Die Geschichte ist dünn und konstruiert. Nach einem Brandanschlag auf einen Friseursalon, bei dem eine Auszubildende zu Tode kam, berichtet die Angestellte Vera (Jasna Fritzi Bauer) von einem Streit mit einem vor dem Laden Drogen verkaufenden Afrikaner. Belastende Fingerabdrücke und ein verräterisches „Kill all Nazis“-Graffiti kommen hinzu. So landet der Flüchtling John Aliou (Warsama Guled) in Untersuchungshaft.

          Alles so schön bunt hier: Bei Vermieterin Fanny geht es jetzt international zu. Dafür muss Kommissar Brix aufs Sofa abwandern.

          Anna Janneke aber hat das Gefühl, die Beweislage sei zu eindeutig. Sie fühlt jener Vera und ihrem Umfeld auf den Zahn, und prompt befinden wir uns im Milieu der neuen Rechten, der Identitären, die natürlich klassisch gebildet sind, deutsches Liedgut pflegen und hübsch-harmlos aussehen (Anna Brüggemann, Odine Johne). Dass man es hier mit einem Trio infernale zu tun haben soll, ist schwer zu glauben. Die Dummrechten haben aber ebenfalls ihren Auftritt: Die nämlich verbringen ihre Tage in einem Club, wo man schon mittags wummernde Musik hört, auf „Heil Hitler“ seine Flasche erhebt und in den Nebenräumen die Libido abreagiert.

          Nicht weniger schablonenhaft ist die Darstellung von Flüchtlingen in einer müde komödiantischen Parallelhandlung. Brix Vermieterin Fanny (Zazie de Paris) hat drei Asylbewerber aufgenommen, und Brix muss fortan auf dem Sofa nächtigen. Außerdem huscht stets einer von den Neuen vor ihm ins Badezimmer, was er mit „Scheiß Flüchtlinge“ quittiert. Dafür werden nun leckere internationale Gerichte aufgetischt. Es ist nicht immer einfach mit der Willkommenskultur, aber es lohnt sich, will das ganz offensichtlich sagen.

          Muss man mit uns reden wie mit Fünfjährigen?

          Dann wird einer der Flüchtlinge abgeholt, ein Afghane, der sich als Syrer ausgegeben hat. Fanny rumpelt: „Na und? Finden Sie, dass Afghanistan ein sicheres Land ist?“ So geht das hier oft. Die Handlung entsteht nicht aus innerer Notwendigkeit, wird auch nicht aus den Figuren entwickelt, sondern dient lediglich als Vorlage für moralische Botschaften wie diese: „Mensch, die Hautfarbe und die Nationalität hat doch gar nichts mit Gut und Böse zu tun.“ Offenbar muss man mit uns reden wie mit Fünfjährigen. Ein Lehrstück in Sachen Publikumsunterschätzung.

          Der neue Chef ist schon ein wenig seltsam: Hauptkommissar Paul Brix (Wolfram Koch, links), Hauptkommissarin Anna Janneke (Margarita Broich) und Fosco Cariddi (Bruno Cathomas).

          Ein unvermittelter, brutaler Überfall auf eine Kopftuch tragende Frau, dem jede handlungstechnische Einbindung fehlt, soll wohl belegen, dass Deutschland inzwischen ein unsicheres Zufluchtsland ist. Brix würde den Tatverdacht gegen den Flüchtling denn auch am liebsten verheimlichen: „Wenn das an die Presse kommt, dann schürt das nur noch mehr Hass.“ So sehr ist der Film mit dem Heraufbeschwören der düsteren Atmosphäre zwischen „Lügenpresse“-Vorwürfen und brennenden Flüchtlingsheimen beschäftigt, dass dabei jede erzählerische Leichtigkeit verlorengeht. Viele der kleineren Handlungsstränge verenden sogar unaufgelöst. Vermutlich wird man dem Film Naivität oder gar politische Korrektheit vorhalten, zumal ausgerechnet das Thema Terrorismus keine Rolle spielt, aber das ist gar nicht der Punkt. Haltung zu zeigen ist fraglos wichtig, zumal in dieser Zeit. Haltung allein aber macht noch keinen guten Film. Verzichtet einfach aufs Belehren!

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