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„Tatort“-Kritik : Guck mal, wer da drischt

  • -Aktualisiert am

Der Leiter der Mordkommission Dortmund, Peter Faber (Jörg Hartmann), legt gern selbst Hand an Bild: WDR/Willi Weber

Im Dortmunder „Tatort“ ringt der Kommissar weiter hart um Selbstbeherrschung. Zur Ruhe kommt er wahrlich nicht. „Mein Revier“ ist gelungen inszeniert, die Geschichte könnte aber spannender sein.

          Das wird nicht besser mit dem Kerl. Weiß nicht, wohin mit Trauer und Wut. Schnappt sich den Baseballschläger, auf Autoscheiben eindreschend, irgendwo auf einem Schrottplatz. Und wenn der Pegel steigt, nach einem nächtlichen Bier und einem Kurzen und einem weiteren (man ist ja nicht zum Spaß hier), und einem letzten (zur Sicherheit obendrauf) - dann findet sich Peter Faber, dieser tatsächlich etwas an den mürrischen Pillenschlucker Dr. House und diverse Kaputtköpfe aus Nordland erinnernde Kriminalhauptkommissar, zur blauen Stunde auf der Brüstung einer Brücke wieder. Mehr zufällig als gewollt ins Leben zurücktaumelnd.

          Schon als der erste Dortmunder „Tatort“ im September lief, stand Faber auf einem Schuldach wie vor dem Sprung. Die Zeitungsartikel und die Fotos, die er im neuen Fall aus einem Umschlag zieht, werden die Gründe für seine Verzweiflung und Sehnsucht nach dem Schlussstrich andeuten. Und doch werden sie die Geschichte nicht vollends erzählen. Das ist das Gelungene an „Mein Revier“: ein rätselhafter Abgang, ein Türenschlagen, einfach so.

          Die Idee hat Potential

          Weniger rätselhaft ist, weshalb die Dinge im Dortmunder Fall so selten sitzen, wie sie sitzen sollten: „Mein Revier“ wurde parallel zur kraftlosen Auftaktfolge „Alter Ego“ gedreht. Das erklärt, weshalb sich Jörg Hartmann, dem die Rolle des lebensmüden, schnell aus der Haut fahrenden Profilers Faber wie auf den Leib geschneidert ist, beim Schauspielen noch immer mehr beobachtet als vertraut, während die Jungspunde im Team, Aylin Tezel und Stefan Konarske, angestrengt auf erwachsen machen.

          Und das dürfte auch der Grund dafür sein, warum die Kriminalgeschichte um einen bekoksten Zuhälter, den das Schicksal beim Oralverkehr mit einer Bulgarin zerlegt, trotz der Seitenblicke auf den „Arbeiterstrich“ der Männer nicht spannender ist als der konventionelle erste Fall. Abermals drohen Buch und Kamera den „Tatort“ (Regie: Thomas Jauch) mit dem Vorabend-Geschäft zu verwechseln.

          Doch angenommen, die künftigen Folgen wären mutiger, selbstbewusster und konsequenter, mit Schauspielern in Reihe zwei, die nicht unaufhörlich plappern und Pressetexte wie „Sie sind nicht teamfähig, Faber!“ aufsagen müssen - dann wäre die Idee reizvoll: ein suizidgefährdeter Spiegelneurotiker, der Tatorte betritt wie eine Kammerbühne, ein Ermittler-Team, in dem es nicht fröhlicher zugeht als im „Kriminaldauerdienst“, ein Plot, der einen Rest an Geheimnis bewahrt, und dazu die Erinnerung an die „Metropole Ruhr“ mit ihren klammen Haushalten und sozialen Problemen.

          Dann könnte dieser Krimi eine Sonde sein, über die wir endlich ein Gesellschaftsbild abseits der Strukturwandel-Propaganda erhalten. Hoffen wir, dass die Mängel der ersten Episoden einfach nur auf das Zögern der ARD-Quotenjäger zurückzuführen sind: Bloß nicht zu düster, werden sie der Produktion eingeschärft haben, bloß nicht zu anstrengend, und im Zweifel läuft es gut mit etwas Sex (was im Ergebnis auf die einzige Überraschung des Films hinausläuft: Kommissarin Bönisch bestellt den Druckausgleich beim Callboy, das ist noch ungewohnter als der zielstrebige Barbesuch, mit dem die schwedische Ermittlerin Saga Norén damals in der ZDF-Reihe „Die Brücke“ imponierte).

          Will sagen: Diese Truppe kommt noch, wenn man sie lässt. Und den grünen Laserpointer bringt Peter Faber, dieses Rauhbein, das bei Bedarf auch in eine Mülltonne steigt, weil es aus Dortmund kommt und nicht Düsseldorf, bei dieser Gelegenheit hoffentlich auch wieder mit.

          Der Tatort. Mein Revier läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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