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„Tatort: Kalter Engel“ im Ersten : In Erfurt tritt eine Rasselbande an

Gestatten Kripo: Das Erfurter Trio (von links: Benjamin Kramme, Alina Levshin und Friedrich Mücke) weist sich aus. Bild: MDR

Voller Stolz kündigt der MDR „das jüngste Ermittler-Team“ aller „Tatort“-Zeiten an. Was die Drei dann abliefern, ist grundsolide Krimi-Spannung. Allerdings ist die glanzvolle Alina Levshin dabei unterfordert.

          Mal wieder ein Superlativ für den Sonntagsliebling der Deutschen: Dieses Mal handelt es sich, wie der produzierende Mitteldeutsche Rundfunk mit kaum verhohlenem Stolz annonciert, um „das jüngste Ermittler-Team“ in mittlerweile dreiundvierzig Jahren „Tatort“. Die Jungschar besteht aus einer Staatsanwältin in spe, die vorderhand ein Polizeipraktikum absolviert, sowie einem Kriminalhaupt- und einem Kriminaloberkommissar.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Praktikantin heißt Johanna Grewel und wird von der neunundzwanzigjährigen Alina Levshin gespielt. Den Oberkommissar Schaffert gibt Benjamin Kramme, Jahrgang 1982, Friedrich Mücke, ein Jahr älter, ist Hauptkommissar Henry Funck.

          Neu ist auch die Szenerie: Erfurt, Thüringens Landeshauptstadt, darf im „Tatort“ debütieren. Sie macht das ordentlich, indem sie ihre kostbarsten Sehenswürdigkeiten - den Domberg etwa und die Krämerbrücke - für spätere Folgen bedeckt hält, dafür die spektakuläre Zitadelle Petersberg gleich zu Beginn als Kulisse einer Verfolgungsjagd im Parcour-Stil präsentiert und die Kamera von Martin Schlecht ansonsten auf das mal harmonische, mal erzwungene Miteinander von alter Bausubstanz und postsozialistischer Architekturmoderne verweisen lässt.

          Sie sagen fortwährend „krass!“ und „fuck!“

          Die Erfurter Ermittler-Combo allerdings käme im wirklichen Polizeileben nicht vor. Eine Praktikantin, das geht inzwischen wohl überall. Aber zwei Jungspunde, die mit Anfang dreißig bereits die mittleren Ränge des gehobenen Kriminaldienstes erklommen haben und auch noch gemeinsam auf die Verbrecherwelt losgelassen werden: das ist derart beamtenlaufbahn- und behördenpraxisfern, dass es tatsächlich nur als Fiktion denkbar ist und sich nur damit erklären lässt, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk ganz dringend Identifikationsfiguren für die heiß begehrten jungen Zuschauer zu benötigen meint.

          Weshalb beide Kommissare, Schaffert wie Funck, denn auch keineswegs streberhaft, karrierebesessen, computerfixiert und schon gar nicht als kriminalistische Blitzhirne angelegt sind. Sie sind, im Gegenteil, sehr normale Kumpeltypen in T-Shirts und ausgewaschenen Jeans, sie sagen fortwährend „krass!“ oder „fuck!“ und können gar nicht begreifen, dass sich die Studenten der Uni Erfurt derart willfährig ihrem ach so brutalen Leistungs- und Prüfungsstress unterwerfen.

          Schaffert ist ein semiprolliger Fußballfan (der Arme: von Rot-Weiß Erfurt), der etwas distinguiertere Funck alleinerziehender Vater, der selbst nach aufreibender Täterjagd dem Töchterchen so entspannt wie empfindsam Gute-Nacht-Geschichten vorliest - und in tapferer Selbstverleugnung auch die Südseebriefe der entschwundenen Mutter.

          Kriminaldirektorin Fritzenberger, die Mutti der Kompagnie

          Damit das offenkundige Sympathieheischen beim jungen Publikum wenigstens einigermaßen realistisch fundiert erscheint, hat man dem Thüringer Nachwuchstrio die Kriminaldirektorin Fritzenberger vor die Nase gesetzt, was die Schauspielerin Kirsten Block zu einer wohlausgewogenen Rollenmischung nutzt: Mal ist sie die besorgte Mutti der Kompanie, mal eine rigide Vorgesetztenzicke, im Grunde aber die stets verständige Seniorpartnerin ihrer Schützlinge. Für den entscheidenden Realitäts- und Realismusschub aber muss der „Tatort“-Routinier Thomas Bohn sorgen.

          Kriminaldirektorin Fritzenberger (Kirsten Block) ist so etwas wie die Mutti der Erfurter Rasselbande. Hier hilft sie Oberkommissar Schaffert (Benjamin Kramme) aus dem Büroschlaf.

          Als Drehbuchautor wie als Regisseur steht er seit fast zwei Jahrzehnten für erdgebundene Handlung und plausible Fallkonstruktion. Zunächst in Diensten der Ludwigshafener Dauerkommissare Odenthal und Klopper, hat Bohn wie kein Zweiter die - inzwischen allerdings fast zur Gänze vergessene - Ära des Hamburger Duos Casstorff (Robert Atzorn) und Holicek (Thilo Prückner) geprägt und unlängst auch dem gemischten Bodensee-Doppel aus Klara Blum und Kai Perlmann auf die Sprünge geholfen. „Kalter Engel“, die Erfurt-Premiere, ist sein vierzehnter „Tatort“.

          Der Krimi spielt im Studentenmilieu und in jener Prostituiertenszene, die sich euphemistisch Escort Service nennt. Also findet man nach der Verfolgungsjagd in der Zitadelle eine ermordete junge Frau am Ufer der Gera - vieles deutet darauf hin, dass sie das dritte Opfer eines Triebtäters ist.

          Die unterforderte Alina Levshin

          Solange man nicht weiß, wie der Fall enden wird, folgt man den Verwicklungen, die sich Thomas Bohn ausdenkt und in Szene setzt, durchaus mit gespanntem Interesse - auf eine grundsolide Weise ist dieser Fall in sich logisch und konsistent, einschließlich der Volte, die den Medizinprofessor Petkus (abgründig unauffällig: Karl Kranzkowski) ins Liebes- und Einsamkeitsspiel bringt. Achtzig Minuten lang, eine sehr respektable Leistung, hält uns Bohn im Ungewissen.

          Die Lösung, die er dann bietet, nimmt sich im Nachhinein zwar etwas hanebüchen aus, von anderen „Tatorten“ aber ist man Schlimmeres gewohnt. Maßgeblich an der Lösung beteiligt ist die Praktikantin Grewel. Und diese Rolle ist das eigentliche Problem des Erfurter „Tatorts“. Denn sie unterfordert Alina Levshin ungemein. Ihrem fulminanten Debüt in Dominik Grafs Fernsehzehnteiler „Im Angesicht des Verbrechens“ (2010) folgten nicht minder frappierende Hauptrollen in David Wnendts Neonazi-Film „Kriegerin“ (2011) und, vor wenigen Wochen, im Psychodrama „Alaska Johansson“ von Achim von Borries.

          Hymnische Kritiken haben Alina Levshins glanzvolle Frühkarriere begleitet, viele Preise hat sie dafür eingeheimst. Die naive und strebsame, dafür nur in Spuren selbstironische Polizeipraktikantin dürfte dieses große Talent in zwei Sackgassen führen: in jene der Serie und in jene der dekorativen Harmlosigkeit. Entweder man schreibt die Rolle radikal um - oder man schreibt Frau Levshin rasch wieder aus dem „Tatort“ hinaus.

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