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„Tatort: Hinkebein“ : Etwas weniger lustig hätte mehr Witz

  • -Aktualisiert am

Ihr Kerngeschäft sind sie selbst: Theil (Axel Prahl) und Boerne (Jan Josef Liefers) Bild: WDR/Martin Menke

Wenn der Täter zur Nebensache wird. Der neue Tatort aus Münster landet in der Geplänkel- und Pointenfalle. Dafür sehen wir Kommissar Thiel zum ersten Mal im Anzug.

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          Die russische Delegation geht Kommissar Thiel (Axel Prahl) gewaltig auf die Nerven. Erst sieht er sich genötigt, Anzug zu tragen, wobei das Preisschild des Schnäppchens weithin sichtbar aus dem Kragen hängt. Dann verfolgt ihn Polizei-Pressesprecher Hausner (Arndt Schwering-Sohnrey) mit guter Laune im Dienst der Völkerverständigung. Staatsanwältin Klemm (Mechthild Grossmann) pocht auf ihr Weisungsrecht. Wenn Thiel schon Eugen Onegin schwänzt, ist wenigstens der westfälische Abend eine Pflichtveranstaltung. Zu allem Überfluss ist Assistentin Nadeshda (Friederike Kempter) in den Kollegen aus Chabarowsk verliebt und ergo eingeschränkt zurechnungsfähig. Thiels Muffeligkeit legt sich erst, als er die gute Nachricht bekommt. Eine Leiche wurde gefunden. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive. Was dem einen ein schreckliches Verbrechen, ist dem anderen willkommene Ausrede, sich zu absentieren. Was den einen der superlustigste unter den „Tatorten“, ist den anderen der beste Grund, mal wieder zum guten Buch zu greifen.

          Wobei die Ersteren in der überwältigenden Mehrzahl sind. Sogenannte Traumquoten erreicht der „Tatort“ aus Münster fast immer. Die Grundidee, aus dem üblichen Ermittlerpaar ein zankendes Gespann aus einem dem FC St. Pauli hörigen Proleten und einem eitlem Genie mit Asperger-Syndrom zu machen, trägt in einigen der Geschichten tatsächlich. Manchmal aber haben die Autoren, hier Stefan Cantz und Jan Hinter, Mühe, es plausibel in Beziehung zu setzen. Und das muss sein, denn das Kerngeschäft des Münsteraner „Tatorts“ ist das Geplänkel zwischen dem ruppigen Thiel und dem selbstverliebten Boerne (Jan Josef Liefers). Zuzüglich eines gerüttelten Maßes an Lokalkolorit. Statt verbales Florettfechten auf Boernes und rhetorisches Keulenkontern auf Thiels Seite zu bieten, sind in „Hinkebein“ die Dialoge aber im Wesentlichen platt, die Anzüglichkeiten Boernes manieriert ohne Hintersinn und die genervten Repliken Thiels nichts als - eben genervt.

          Vietnamesische Pilsbar und Nonneninternat

          Was man gut verstehen kann, denn der Fall, untergeordnet wie immer, macht es nicht besser. Mit Katja Braun (Tanja Schleiff) hat eine ehemalige Kollegin das Zeitliche gesegnet, die als Alkoholikerin seit längerem auf dem absteigenden Ast war. Ihr Ex-Mann Jörg (Ole Puppe) arbeitet als Frischfleischlieferant und ist genauso verdächtig wie der ehemalige Zuhälter Kock (Wolfram Koch), gegen den Braun und Boerne einst Beweise zusammengetragen hatten, die zur Verurteilung wegen Mordes führten. Kock aber floh, lebte in Vietnam erst im buddhistischen Kloster und betrieb dann eine Pilsbude in Ho-Chi-Minh-Stadt. Jetzt ist er zurück. Boerne beantragt Polizeischutz, Thiel interessiert sich mehr für Marie Braun (Michelle Barthel), die Tochter des Opfers, die, mit einem Hochbegabtenstipendium versehen, im katholischen Internat lebt. Auch Michelle Barthel, für ihre Rolle im Aelrun-Goette-Drama „Keine Angst“ hochgelobt, kann in dieser Rolle nicht recht überzeugen. Das liegt am Drehbuch und an einer Inszenierung, die sich für Details wenig interessiert. Dass Marie verstört ist - geschenkt. Aber warum sie ausgerechnet hochbegabt sein soll, erschließt sich nicht.

          Sitzt: Thiel (Axel Prahl) im Anzug
          Sitzt: Thiel (Axel Prahl) im Anzug : Bild: WDR/Martin Menke

          Außer natürlich, dass es die ganze krude Sache irgendwie noch amüsanter machen soll. Die Tote entpuppt sich zudem als Boernes Verflossene. Vietnamesische Pilsbar und Nonneninternat, Buddhismus und russische Studien der westfälischen Lebensart, die üblichen Anzüglichkeiten zu „Alberichs“ (Christine Urspruch) Körpergröße, allerhand Frivolitäten im Obduktionssaal, Thiels kiffender Vater, Kocks senile Mutter, sensible Hochbegabte und Thiels Straßenbildung - in „Hinkebein“ zeigt sich, dass mehr nicht unbedingt mehr ist. Da ist der Täter am Ende auch ganz egal. Von Regisseur Manfred Stelzer, der sich beispielsweise mit „Ein Schnitzel für Drei“ (Grimme-Nominierung) als Spezialist für den gepflegteren Ruhrpott-Humor ausgewiesen hat, hätte man deutlich mehr erwarten können.

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