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„Tatort: Gegen den Kopf“ im Ersten : Attacke in der U-Bahn

  • -Aktualisiert am

Die beiden U-Bahn-Schläger Konstantin (Jannik Schümann, links) und Achim (Edin Hasanovic) im Waggon Bild: rbb/Frédéric Batier

Der neue „Tatort“ aus Berlin variiert den realen Fall Brunner, kann (und will) aber die totale Enthemmung der Gewalt nicht erklären. Im Mittelpunkt steht vielmehr die mühselige Arbeit der Polizei.

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          Ein „U-Bahn-Schläger“, lasen wir neulich auf Stupidedia, der Humor- und Satire-Enzyklopädie im Internet, sei „ein Wesen, welches sich per U-Bahn nicht in die eigenen vier Wände, sondern in den Knast befördert“. Das klingt witzig. Ist es aber nicht, weil das enthemmte Zuschlagen so häufig Schlagzeilen macht, dass man über die nächste Fahrt mit der U-Bahn und eine Nahkampfausbildung nachzudenken beginnt.

          In der Morgenzeitung sahen wir die Bilder einer Überwachungskamera, mit denen die Polizei nach Jugendlichen sucht, die in der Straßenbahn einen Obdachlosen schlugen. Die letzten Aufnahmen, die den Angriff auf einen anderen Mann am Bahnsteig dokumentierten, sind kaum drei Wochen alt.

          Im Zweifel wäre die Aufrüstung des eigenen Körpers auch keine Lösung. Es sei nicht einmal klar, ob mehr Kameras zu mehr Sicherheit führten, sagt der Regisseur und Drehbuchautor Stephan Wagner, der den Berliner „Tatort. Gegen den Kopf“ gedreht hat. Nachweislich führten sie bloß „zu mehr Dokumentation von Gewalt“. Und zu mehr Fernsehfilmen. „Gegen den Kopf“ ist nicht der erste „Tatort“, der sich auf die Suche nach den Motiven macht, die jugendliche Draufgänger in brutale Schläger und Mörder verwandelt. Im vergangenen Dezember gab es den Leipziger Fall „Todesschütze“, bei dem ein ungeborenes Kind und seine couragierte Mutter starben. Da hatten sie ein bisschen viel reingepackt.

          Party mit Parkplatzsex

          Die Geschichte, die Stephan Wagner in „Gegen den Kopf“ dicht, aber ohne nennenswerten Spannungsbogen erzählt, nährt sich aus Versatzstücken des Falls Brunner. Der begann im September 2009 mit Schülern, die von drei Jugendlichen an einem S-Bahnhof in München bedroht wurden, und endete mit landesweiter Trauer über einen zu Tode geprügelten Manager.

          Der Krimi variiert die Geschichte. Zwar spielt auch hier der Herztod des Opfers eine Rolle; ein skrupelloser Anwalt wird beim Verhör seines Mandanten von einem „traurigen Unglück“ reden. Ausgangspunkt ist freilich statt der Schüler ein bedrohter Rentner mit Gehhilfe, einer der pöbelnden Jugendlichen erweist sich als Problemkind, das auf dem Weg zum Besseren schien, der andere als Sohn eines Unternehmensberaters und stolzer Abiturient, und wo in der Wirklichkeit in den Gutachten des Täters von einem „dysfunktionalen Familiensystem“ die Rede war, deuten sich im Film ein „stabiles soziales Umfeld“ und eine Frauengeschichte an.

          Nach langen Ermittlungen, bei denen der Zuschauer lernt, dass eine Videokamera auch nur so gut ist wie ihr Blickwinkel und eine Mordkommission so gut wie der Nerd von der IT, will der Gewaltausbruch da fast mit einer Überdosis Alkohol und der Wut erklärt werden, einer Freundin nach der Party beim Parkplatzsex zuschauen zu müssen.

          Aber das erklärt nicht die totale Enthemmung der Gewalt. Das weiß auch Stephan Wagner, der im letzten Jahr viel Lob für den ZDF-Film „Der Fall Jakob von Metzler“ bekam. Als sie dem öffentlichen Druck routiniert standgehalten und herausgefunden haben, von welchem der beiden Jugendlichen die endlosen Tritte in jener Berliner Nacht kamen, müssen die Kommissare Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) den Täter daher noch einmal ins Gesicht fragen: „Weshalb musste Mark Haessler sterben?“ Die Antwort des blassen Jünglings ist das schwarze Loch dieses nüchternen, sich um ein authentisches Abbild der modernen Polizeiarbeit mühenden Films: „Ich weiß es nicht. Einfach so.“

          Der Haupttäter im Fall Dominik Brunner wurde vom Landgericht München wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen zu einer Strafe von neun Jahren und zehn Monaten verurteilt. Sein Komplize bekam sieben Jahre.

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