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„Tatort“-Folge „Schwindelfrei“ : Wo die wilden Möhren wachsen

Kombo in Kartoffelkäferkluft: Hier ermittelt Felix Murot (Ulrich Tukur, l.) undercover, mit seiner eigenen Band Bild: HR/Katrin Denkewitz

Wenn Tukur seinen LKA-Ermittler Murot als Clown und Uwe Bohm den Messerwerfer spielen will, was kommt dabei heraus? Ulrich Tukurs dritter Hessen-„Tatort“ ist ein großer Zirkus. Nicht schwindelfrei.

          Es war einmal ein Land, das erhob Zwangsgebühren von seinen Einwohnern, um eine riesige Unterhaltungs-Maschine zu bauen. Weil durch die Gebühren unglaublich viel Kohle zusammenkam, wurde die Maschine so groß, dass darin Tausende Menschen gebraucht wurden, um den Ofen zu befeuern. Wenn am Ende der Heizperiode noch Geld über war, entschieden die Unterhaltungs-Chefs meist, noch mehr Sendungen mit dem Titel „Brennpunkt“ zu produzieren (so nannte man in dem Land ein besonderes Show-Format, das im Freien spielte und oft mit Überschwemmungen zu tun hatte).

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn immer noch Geld übrig war, ließ man in geselliger Runde zur Adventszeit auch schon mal einen gebührenfinanzierten Weihnachtsmann die Show-Scheffler fragen, ob es noch etwas gebe, was sie schon immer mal machen wollten. Da meldete sich Ulrich Tukur und sagte: „Ich möchte eine Show machen, die in einem richtigen Zirkus spielt, mit Messerwerfer und allem Drum und Dran. Meine eigene Band, die Rhythmus Boys, soll die Zirkusmusik machen, und ich will der Clown sein. Damit möglichst viele Leute das sehen, soll es zur Tarnung in einem Fernsehkrimi versteckt sein.“

          Was für ein Zirkus: LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur), Gino (Günter Märtens), Messerwerfer Frank (Uwe Bohm), Caja (Dorka Gryllus), Zoltan (Norbert Heisterkamp), Artistin (Lijana Sperlich-Frank), Charly (Leonard Carow), Rosalie (Zazie de Paris), Zirkusdirektor Raxon (Josef Ostendorf), Addy (Kalle Mews), Buca (Jevgenij Sitochin) und Toni (Ulrich Mayer), von links

          Der Weihnachtsmann stutzte erst und sagte: „Aber, Herr Tukur, Sie haben doch erst vor zwei Jahren Ihre letzte Fernsehkrimishow als Kommissar Murot gemacht, in der Sie singen, tanzen und sogar Gespräche mit einem Gehirntumor führen durften! Jetzt sind erst mal andere dran!“ Da warf sich Herr Tukur auf den Boden, strampelte und schrie, wenn das so sei, wolle er nie wieder Klavier spielen.

          Einige Auflagen von der Gebührenzentrale

          Schon aber sprangen ihm andere zur Seite, die in der Zirkusidee ihre Chance sahen, alte Träume zu verwirklichen. „Ich mag der Messerwerfer sein!“, rief Uwe Bohm, „und möchte Pascha genannt werden, in einem Wohnwagen Schmalzbrote essen und mich von Frauen bedienen lassen.“ Fast ins Wort fiel ihm da schon Josef Ostendorf und sagte, er sei prädestiniert für die Rolle des Zirkusdirektors, und er wolle einen langen Theatermonolog über den Zirkus des Lebens aufsagen.

          Hand auflegen: Szene mit Zazie de Paris und Ulrich Tukur

          Der Gebührenweihnachtsmann beriet den Fall mit seinen Kollegen. Als er zurückkam, sagte er: „Okay, Leute, also wir machen den Streifen als ,Tatort‘, da geht alles. Als Regisseur nehmen wir Justus von Dohnányi, der hat Erfahrung mit so was. Aber es gibt einige Auflagen von der Gebührenzentrale. Wir müssen irgendwie noch das Thema Menschenhandel oder Prostitution unterbringen. Ich schlage Flüchtlinge aus dem Kosovo vor, die ohne Papiere beim Zirkus leben. Und einen Minimalplot brauchen wir schon, also eine Frau verschwindet während der Vorstellung, Kommissar Murot schleust sich als Klavierspieler in die Zirkusband ein und ermittelt undercover. Und er bekommt wieder Barbara Philipp als Kollegin, um die Frauenquote einzuhalten.“

          Im besten Fall kriegen wir eine Debatte

          „Dann möchte ich aber noch ein Techtelmechtel mit einer schönen Zirkusartistin“, sagte Herr Tukur. „Ist gut“, sagte der Weihnachtsmann, „Sie dürfen der Dorka Gryllus in einer Szene sehr lange in ihre dunklen Augen schauen, aber mehr ist nicht. Dafür müssen Sie aber noch irgend etwas Nettes über die Stadt Fulda sagen, denn Ihre Krimi-Show wird vom Hessischen Rundfunk finanziert, und wir haben Order, die touristischen Sehenswürdigkeiten des Landes angemessen zu würdigen.“

          Ulrich Tukur und Dorka Gryllus

          Da willigten alle freudig ein und begannen mit der Adventsfeier. Irgendjemand im Hintergrund rief noch: „Aber wie soll das Ganze ausgehen? Und was werden die Show-Kritiker sagen?“ Aber den nahm Ulrich Tukur tanzend bei der Hand und rief: „Mein Lieber, lassen Sie das meine Sorge sein, ich werde als Bauchredner ein Gedicht aufsagen oder was auch immer. Im besten Fall kriegen wir eine Debatte über Experimentalismus im Fernsehfilm und Überschriften wie „Gaga-,Tatort‘ aus Hessen“! Und nächstes Jahr will ich eine Heimat-Krimishow in den Kasseler Bergen drehen, und die Band könnte dann Ulrich Tukur und die Wilden Möhren heißen.“

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