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„Tatort“-Folge „Puppenspieler“ : Beifahrer im eigenen Leben

Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) demonstriert gegen die geplante Weser-Vertiefung Bild: Radio Bremen/Jörg Landsberg

In der aktuellen „Tatort“-Folge bekommt die Bremer Kommissarin Inga Lürsen einen neuen Ermittler an ihre Seite gestellt, der sie nervös macht. Zusammen lösen sie einen abstrusen Fall, eingebettet in eine überladene Geschichte.

          „Mache ich Sie nervös, ich meine als Mann?“ Der das fragt, sieht aus wie ein zerzauster Pandabär, heißt Leo Ulfanoff (Antoine Monot jr.) und ist der Neue an der Seite von Inga Lürsen. Die eigenwillige Bremer Hauptkommissarin mit der linken Vergangenheit (Sabine Postel) will es nicht wahrhaben, aber es stimmt. Der jungfräuliche Ermittler, der beinahe ihr Sohn sein könnte, macht sie nervös. So sehr, dass sie bald sogar von Kaffee auf grünen Tee umsteigt. Da ist es ihr dann fast schon wieder egal, dass Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen) ihr untreu werden will.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Du machst dich also vom Acker?“, hatte sie ihre Verzweiflung auf die denkbar knappste Formel gebracht. „Ich brauche mal was Neues“, hatte Stedefreund sich gewunden. Man glaubt es kaum. Aber der ewig nette Dauerassi, der vor zwölf Jahren an der Seite von Inga Lürsen seinen Dienst antrat, ist inzwischen vierundvierzig - und steckt in einer schlimmen Depression.

          Immun gegen die kleinbürgerliche Sauertöpfigkeit

          Das entlockt dem eher nüchternen Polizisten dann zwar so empfindsame Sätze wie: „Ich habe das Gefühl, nur noch Beifahrer in meinem eigenen Leben zu sein.“ Aber helfen tun ihm die neuen Erkenntnisse so wenig wie Leos Binsenweisheiten, die dieser bei jeder Gelegenheit formuliert: „Das Glück fliegt dir nicht zu, wenn du es nicht suchst. Denn dann weiß es nicht, wohin es fliegen soll.“

          Kommissar Stedefreund (Oliver Mommsen) kümmert sich um die Freundin des Opfers (Jella Haase). Es ist sein letzter Fall, bevor er nach Afghanistan geht, um sein Fernweh zu stillen

          Leo Ulfanoff als hyperaktiver Fluglotse des eigenen Gelingens geht seiner Umwelt bald mächtig auf die Nerven, so dass sich sogar der Gerichtsmediziner Katzmann finster abwendet: „Ich mag den nicht, der ist mir viel zu freundlich.“ Inga Lürsen, von Amors Pfeilen geritzt, ist da längst schon immunisiert gegen solch kleinbürgerliche Sauertöpfigkeit. Ein Glück, dass der von Christian Jeltsch geschriebene „Tatort“, den Florian Baxmeyer mit viel Split Screen und Achtziger-Jahre-Musik inszeniert hat, diese für Bremen überraschend intimen Einsichten gewährt.

          Sie machen mit uns, was sie wollen

          Denn der Fall, an dem die Polizisten arbeiten, ist abstrus und die Geschichte völlig überladen: Es geht um die umstrittene Weservertiefung, um die Macht finsterer Wirtschaftslenker, es geht um korrupte Politiker und die Sexualmoral deutscher Richter. Dass der jugendliche Erpresser Ole (Sven Gielnik) von einem Killerkommando getötet wird, das im Auftrag einer institutionellen Macht mordend durchs Land reist, ist ziemlich grotesk. „Wir hängen nur noch an Seilen von irgendwelchen Puppenspielern, die mit uns machen, was sie wollen“, raunt Stedefreund.

          Wir Zuschauer hängen, muss man einwenden, an den Seilen irgendwelcher Drehbuchautoren, die mit uns machen, was sie wollen. Stedefreund geht schließlich nach Afghanistan, um sein Fernweh zu stillen. Vielleicht sollten wir mit ihm ein sechsmonatiges „Tatort“-Sabbatical einlegen.

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