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„Tatort“-Folge „Ordnung im Lot“ : Tankstellenzombies

Der Streit in seiner Familie eskaliert, Ole Lange (Wolfram Koch) ist verzweifelt: Szene aus der „Tatort“-Folge „Ordnung im Lot“ Bild: Radio Bremen/Jörg Landsberg

Der „Tatort“ kommt uns oft mit Sozialkritik. Dass er auch als Psychodrama funktioniert, zeigt die Bremer Folge „Ordnung im Lot“ - ein beklemmender Film.

          Tot liegt der kroatische Tankstellenbesitzer in seinem Verkaufsraum, die Kugel ging mitten durch die Stirn - saubere Arbeit, trotz des vielen Bluts, und der Täter war auch noch so pietätvoll, dem Toten die Augen zu schließen. Irgendwie scheint er sogar zu lächeln. Die Kommissarin tut fast so, als könnte man ihn wieder zum Leben erwecken: „ein routiniert gesetzter Schuss und dann ein Akt der Gnade“. Gnade fand Jure Tomic (Mirsad Dzombic) gerade nicht.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Aber vielleicht wollte er auch gar nicht. Die angestellten Blaumänner wollen wissen, dass der Chef die reinste Wundertüte gewesen sei: „Immer für eine Überraschung gut“, da flog auch schon mal ein Schraubenschlüssel durch die Werkstatt. Aber das muss nicht zwingend am balkanischen Temperament liegen. Witwe Elke (Irene Rindje), die auch schon mal mit einem blauen Auge gesehen wurde, aber zur Mordzeit nachweislich woanders war, weiß von finanziellen Nöten zu berichten, die vielleicht auch erklären, warum Sohn Ruben (Fabian Busch) jetzt diese Anrufe eines serbokroatisch sprechenden und ganz sicher nicht angenehmen Mannes parieren muss - schuldet der Tankstellenbesitzer einer Balkanbande etwa immer noch Geld?

          So leicht ist der Ausstieg nicht

          Diese Spuren legen Buch und Regie des Bremer „Tatorts“ (Claudia Prietzel und Peter Henning) fast etwas desinteressiert und mit der Nonchalance eines Krimigespanns, das sich sagen kann, noch Zwingenderes im Angebot zu haben: ein reichlich abgedrehtes Familiendrama nämlich, das sich im Haus auf der anderen Straßenseite abspielt, von wo aus man, wenn man das Fernglas zur Hand nimmt, beste Sicht auf das Geschehen rund um die Tankstelle hat. Was sich dort, in seltsam verrauchten Zimmern, in die kaum Tageslicht dringt, abspielt, hat es in sich: „Du blubberst ja nur noch Scheiße!“, sagt Vater Ole (Wolfram Koch) zu Mutter Sylvia (Mira Partecke), und Sohn Max (Vincent Göhre) sieht nur eine Möglichkeit: „Ich steig aus diesem Zombie-Scheiß hier aus.“

          Das aber ist leichter gesagt als getan. Denn irgendwie scheinen die Langes mit drin zu hängen. Max fuhr in der Mordnacht mit dem Moped zur Tankstelle, angeblich, um Brötchen zu kaufen, und fand dort schon seine Mutter vor - mit der Tatwaffe in der Hand. Hatte sie endlich den Beweis dafür gefunden, dass es nicht sonderlich gesund ist und sogar Leukämie verursachen kann, wenn man allzu viel und allzu lange mit Benzin in Berührung kommt? Über dieser Angst ist sie schon halb verrückt geworden, schizophren sogar, wie ein Psychologe behauptet, halb überkandidelte Philosophin, die gerne mit antiken Zitaten um sich schmeißt, halb hellsichtige Kassandra, die zwar reichlich kariert daherredet, aber dann irgendwie doch mehr ahnt und weiß als andere. Max muss sie zeitweise in ihrem Zimmer einschließen, die Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nil Stedefreund (Oliver Mommsen) sollten sie besser nicht zu Gesicht bekommen, aber das lässt sich dann doch nicht vermeiden.

          So etwas geht natürlich nur mit sehr guten Schauspielern

          So wächst sich die etwas ungereimt betitelte Folge „Ordnung im Lot“ aus zu einem meisterlichen Psychodrama, in dem die eigentliche Ermittlungsarbeit bestenfalls nebenherläuft und sich irgendwann von selbst ergibt, nachdem der Seelenmüll der Familie Lange freigelegt ist. Das dauert, und Inga Lürsen setzt mit Geduld und einer Intuition, die vielleicht doch den Frauen vorbehalten ist, auf die Seherkräfte der verstörten Sylvia Lange, während Stedefreund sich lieber an die Fakten hält.

          „Was wollen Sie bei der Verrückten?“, fragt ein Blaumann, aber da lässt sich Inga Lürsen schon nicht mehr davon abbringen, dass Verrücktenmund Wahrheit kundtut. „Soll ich die Oberfläche der Dinge beschreiben?“, fragt Sylvia Lange, als säßen alle im Philosophie-Seminar, Thema: Erkenntnistheorie. Dass sie mit ihrem Gerede die reinste Metaphysik verzapft, wirkt dabei nicht wie störendes bildungsbürgerliches Beiwerk, sondern angenehm irre - es gehört zur psychischen Dynamik einfach dazu.

          Ab und zu gibt es einen „Tatort“, bei dem das Wort vom „Kammerspiel“ am Platze ist. Vor bald zwei Jahren war es ein Berliner, bei dem eine alte Frau ins teilnehmende Visier der Kommissare geriet. Jetzt ist es dieser Bremer, der eine Außenseiterin unter Langzeitbeobachtung stellt, ohne dabei zu ermüden. So etwas geht natürlich nur mit sehr guten Schauspielern. Auch dafür ist gesorgt, so dass die Psycho-Rechnung voll aufgeht. Das bedeutet auch: Wer es am Ende war, ist dann gar nicht mehr so wichtig.

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