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„Tatort“-Folge „Mord auf Langeoog“ : Meeresrauschen als Bildschirmschoner

  • -Aktualisiert am

Warten auf den Wind: Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller ermittlen in ihrem zweiten NDR-„Tatort“ auf Langeoog Bild: NDR/Boris Laewen

Im ersten NDR-Tatort mit Wotan Wilke Möhring gab es wenig Luft nach oben. Beim zweiten Einsatz als Kommissar Falke verirrt er sich nun auf Langeoog und in sparsamen Dialogen.

          Die Halme in den Dünen der Nordseeinsel Langeoog legen sich in den Wind. Schnitt. Das Meer brandet, der Blick reicht weit. Schnitt. Kommissar Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) presst das Handy ans Ohr und brüllt ins Tosen: „Ich brauche Urlaub. Mit meinen Überstunden kann ich ein Auslandssemester nehmen.“ Er steht da frisch und ausgeschlafen und schreit den Satz wie ein Altgedienter. Schimanski dürfte das sagen, hat es aber niemals getan.

          Das Bild des überarbeiteten Kommissars, der seinen wohlverdienten Urlaub nicht genießen kann, weil immer wieder Tote dazwischenkommen, ist der älteste Trick, um den Kommissar an einen anderen Drehort zu schicken. Ein gekonnter Einstieg sieht anders aus. Doch genauso beginnt der zweite „Tatort“ mit Wotan Wilke Möhring - und er geht so stereotyp weiter, da hilft auch die überragende Besetzung nicht (Regie und Buch Stefan Kornatz, Buch Max Eipp).

          Mit Lederjacke und Dreitagebart

          Thorsten Falke ist bei seinem ehemaligen Kollegen und Freund Jan Katz (Sebastian Schipper) zu Gast. Katz hat sich in der ersten Folge in den Innendienst versetzen lassen. Nun ist er ausgestiegen, hat mit Polizeiarbeit nichts mehr zu tun. Falke, unverschämt, cool und liebenswürdig zugleich, mit Lederjacke und Dreitagebart, will auf Langeoog abschalten. Daraus wird nichts.

          Eigentlich wollte der Ermittler Jan Katz (Sebastian Schipper, 2. von links) eine ruhige Kugel auf Langeoog schieben. Doch daraus wird nichts, denn nun ist der Bruder von Mimi Meinders (Laura Tonke) in einen Mordfall verwickelt.

          Florian Meinders (Leonard Carow), der jüngere Bruder von Mimi (Laura Tonke), Jans Freundin, steht im Zentrum des Falls. Er musste von der Rückbank aus miterleben, wie die Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen. Die Schwester schützt und stützt ihn. Ihr Mann verachtet ihn - und manchmal auch sie. Florian erträgt sich selbst kaum, lässt Kopf und Locken hängen, kaut sich die Fingernägel blutig. Er erträgt die Familienidylle seiner Schwester mit kleinem Kind nicht, schleicht am Abend zu einer älteren Frau. Wir sehen sie streiten, Florian erwacht in einer Düne, blutig überall, er kann sich an nichts erinnern - die Frau, eine Galeristin, ist tot. Hat Florian K.-o.-Tropfen in ihren Wein gegossen, weil sie nicht mit ihm schlafen wollte, und sie erstochen? Zunächst gibt es nur einen Verdächtigen: Florian. Doch, wie es in Dorf- oder Inselkrimis so ist, irgendwann kommen einem alle verdächtig vor - der Wirt, der Kapitän, der Freund, der Drogendealer. Jeder kennt jeden. Alle können es gewesen sein: „Wenn Sie mit Tietjen mal sprechen, der weiß bestimmt mehr“, dann: „Fragen Sie Gegge (Jan Georg Schütte), aber beeilen Sie sich, die Flut kommt.“

          Was macht Nina Kunzendorf auf Langeoog?

          Bevor die Flut kommt, hat Falke Unterstützung. Seine Hamburger Kollegin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) reist an - mit neuen Gummistiefeln und bester Laune. Zum Unmut von Nina Kunzendorf. Was macht Nina Kunzendorf auf Langeoog? Sie spielt, nach ihrem schnellen Abgang als Ermittlerin im Frankfurter „Tatort“, in einer Nebenrolle die Auricher Kommissarin Christine Brandner. Ihr Auftritt wirkt wie ein Kommentar der Frankfurter Kommissarin, seriös statt prollig: schwarze Hornbrille, kurze schwarze Haare, schwarze Klamotten, schwarze Stiefel und einen Ton am Leib, als nähme sie Beruhigungsmittel. Kontrollfreak, ganz klar. Leider sind die Dialoge so sparsam und dünn, dass man sich immer wieder dabei erwischen kann, wie man die herrliche Sicht aufs Meer genießt. Die Halme in den Dünen der Nordseeinsel Langeoog legen sich wirklich wunderbar schräg in den Wind. Schnitt.

          Wenn Kommissar Falke Sätze sagt wie: „Es ist so ein Bauchgefühl“ oder „Manchmal hasse ich meinen Beruf“, wird man jedoch wach und will dazwischenrufen: Das kenne ich aus „Tatort“-Kinderzeiten. Die Stakkato-Sätze, „Derrick“-haften Dialogpausen, die aufrechte Haltung der Schauspieler wirken angestrengt und leer. Besetzung und Plot waren eigentlich für etwas Außergewöhnliches gedacht. Der nächste Möhring-„Tatort“ führt nach Wilhelmshaven. Dann sollte, wie in der ersten Folge, wenig Luft nach oben sein. Von der gab es dieses Mal zu viel.

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