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„Tatort“-Folge „Feuerteufel“ im Ersten : Der Mann für die gesunde Härte

Sein Kollege hat sich gerade in den Innendienst abgemeldet. Das käme Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) nie in den Sinn. Bild: NDR

In Hamburg wird noch mehr geballert: Wotan Wilke Möhring gibt einen neuen „Tatort“-Kommissar mit Nehmerqualitäten. Petra Schmidt-Schaller gibt ihm Feuerschutz.

          Wie viele „Tatort“-Kommissare soll es eigentlich noch geben? Derzeit sind, die neulich ausgestiegene Conny Mey (Nina Kunzendorf) noch mitgerechnet, 43 im mehr oder weniger aktiven Dienst. Aber so ist das bei der ARD, hier verkehrt man die Highlander-Wahrheit in ihr Gegenteil: Es kann nicht genug geben. Das kam den Planungen des NDR offenbar entgegen, denn hier war man lange der Meinung, dass in die Fußstapfen, die Stoever/Brockmöller (Krug/Brauer) zuletzt ja eigentlich nur noch singend im Elbschlick hinterlassen haben, entweder gar keine oder mehr als vier Füße passen.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          So hat nun denn, nachdem erst unlängst die Herren Tschiller (Til Schweiger) und Gümer (Fahri Yardim) doch recht beachtliche Abdrücke auf diesem glitschigen Untergrund hinterließen, ein weiteres Hamburger Ermittler-Duo seinen Dienstantritt - das heißt, zunächst ist es ein Trio, denn Jan Katz (Sebastian Schipper) ist, als der Mord passiert, noch dabei, bevor er sich („Mimi ist schwanger“) in den Innendienst versetzen lässt. Nicht nur daran hat sein Kollege und bester Freund Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) schwer zu knapsen („Scheißverräter!“).

          Die massierende Hospitantin

          Hamburgs Silhouette prangt, scharf geschnitten, aber vielleicht etwas zu schwarz unter dem Spätabendhimmel. Während die Freunde noch mit etwas gestellt wirkendem Übermut ihre Freundschaft preisen, geht in Blankenese schon wieder ein Auto in Flammen auf. Der Kapuzenjunge, der die Bescherung mit dem Handy filmt, merkt, dass noch eine Frau drinsitzt. Die Bilder verwackeln, ein hervorgepresster Fluch und ein hektischer Notruf bringen keine Klarheit. Nur so viel: Die Frau ist tot - aber nicht verbrannt. Sie liegt, schön säuberlich aufgebahrt, rücklings auf der Straße, als hätte sie dorthin jemand sanft gebettet. Und Falke fragt: „Warum ist die da nicht allein rausgekommen?“

          Nicht nur blondes Gift, nicht nur Hanseatentochter: Kommissarin Lorenz (Petra Schmidt-Schaller)

          Zur Beantwortung dieser und weiterer Fragen wird ihm allen Ernstes eine Hospitantin an die Seite gesetzt, die sich nicht zu schade dafür ist, dem in jeder Hinsicht unaufgeregt agierenden Polizeichef Bendixen (Achim Buch) den Nacken zu massieren, aber auch - und hier verliert diese gelungene Szene sofort alle Schlüpfrigkeit - orthopädisch wertvoll den Hals einzurenken. Falke tut mit flott frauenverachtenden Sprüchen das Seine dazu, damit der Zuschauer die von anderen Fällen her vertraute Animositäten-unter-neuen-Kollegen-Ausgangslage sofort durchschaut: Er hat als Handy-Klingelton „Sympathy for the Devil“; sie sieht aus wie jemand, über den Marius Müller-Westernhagen in seinen besseren Zeiten gesungen hätte: „Sie war so eine von den Hanseatentöchtern: rapsblonde Haare und ’nen Schottenrock“.

          Kein blondes Gift

          Ohnehin muss man, wenn man Wotan Wilke Möhring in seiner drahtig-schnodderigen Art so sieht, dauernd an den jungen Westernhagen denken - an ihn und an Jürgen Vogel, diese beiden Meister des Frech-Vorlauten, die aber, wenn es darauf ankommt, Nehmerqualitäten beweisen. Es gibt schlimmere Referenzen, und eine Die-Schöne-und-das-Biest-Konstellation ist immer noch besser als die selbstzufriedenen und längst lästig gewordenen Männer-Kumpeleien, die sich der „Tatort“ im Prinzip schon seit Schimanskis Anfängen leistet.

          Überflüssig zu erwähnen, dass diese Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) zwar wirklich aussieht wie ein blondes Gift, aber mit ihrer zurückgenommen, fachlich stichhaltigen und persönlich loyalen Art nicht nur Falke für sich einzunehmen weiß. Denn so, wie anfangs wohl jeder über sie denkt, ist sie gar nicht: „Wissen Sie, da, wo ich herkomme, kann man schon froh sein, wenn man einen Schulabschluss hat.“

          Inzwischen stellt sich heraus, dass die Frau aus dem Autowrack nicht nur ein Promille, sondern auch noch jede Menge Tabletten intus hatte, Psychopharmaka, wie der sensibel, aber irgendwie auch seltsam gelöst wirkende Witwer Mintal (Bernhard Schütz) zögerlich bestätigt. Und einen Selbstmordversuch hat es auch schon einmal gegeben. Aber dass seine Frau erstickt ist, das bestätigt die Gerichtsmedizin (ohne aufdringliches Gerichtsmediziner-Aroma).

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