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Borowski ermittelt im „Tatort“ : Jeder hat seinen Angstgegner

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Borowski (Axel Milberg, links) war lange genug hinter Kai Korthals (Lars Eidinger) her. Hat er ihn nun nicht nur in der Mangel, sondern auch endlich überführt? Bild: NDR/Philip Peschlow

Borowskis gefürchtetster Frauenmörder ist wieder da: In der ersten Fortsetzung eines „Tatorts“ ist aus dem einst „stillen Gast“ ein nicht weniger gruseliger Gastgeber geworden. Er fordert zum psychologischen Duell.

          Der kollektive Albtraum aller Deutschen lässt sich klar benennen: Sämtliche in knapp tausend „Tatort“-Folgen unschädlich gemachten Schurken müssen noch einmal besiegt werden; die ganze Aufräumarbeit war umsonst. Wer von diesem Gedanken heimgesucht wird, dürfte ähnlich entgeistert hochschrecken wie der von alten Gespenstern geplagte Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) zu Beginn des neuen Kieler „Tatorts“, bevor er sichtlich erleichtert seine alte neue Liebe Frieda Jung (Maren Eggert) neben sich im Bett entdeckt. Die ihn sogar heiraten will, trotz seines Gespensterglaubens, trotz seines Berufs und vor allem: trotz seines waffenscheinpflichtigen Oberlippenbarts.

          Ähnlich erleichtert darf auch der Zuschauer sein, sobald ihm klar wird, wer in dieser ersten Fortsetzungsgeschichte der Reihe wiederkehrt: Lars Eidinger alias Kai Korthals, jener freundlich-grausame Soziopath, der sich vor drei Jahren als titelgebende Figur in „Borowski und der stille Gast“ in die Wohnungen von Frauen einschlich, fast andächtig in deren Leben Platz nahm, um sie bald darauf zu töten. Am Ende der damaligen Mörderjagd war der schwerverletzte Täter tatsächlich aus einem Krankenwagen entkommen. Was nur konsequent war, schließlich konnte er offenbar durch Wände gehen. Und doch hatte es für Unmut gesorgt. Ein unaufgeräumter „Tatort“, das ist schlimmer als Maulwürfe im Vorgarten. Eine Verbrecherfigur wie Kai Korthals aber darf gerne an den Ort der Tat wiederkehren, auch die nächsten vierzig Jahre noch.

          Einfühler gegen Lebensdieb

          Als Bravourstück erweist sich schon der Vorspann, der sich in einer bühnenartigen Sequenz durch die stilisierte Wohnung Korthals’ bewegt, während der Passagen aus Grimms Märchen „Schneewittchen“ rezitiert. Beim Bohren von Löchern in eine Kühltruhe zeigt ihn dieser schauderhafte Kurzfilm, inmitten von Blut sitzend und eine leblose Frau (Lea Draeger) schulternd, die er in eine liebevoll ausgekleidete Kühltruhe, einen Schneewittchensarg, gleiten lässt. Er hat wieder zugeschlagen, er ist wieder da. Dann wird klar, dass auch das Märchen hier hinterrücks durchstoßen wurde, denn die Reglose erwacht und landet in den Armen der diesmal eher im Hintergrund agierenden Kommissarin Sarah Brandt (Sibel Kekilli). Doch ist die Wiederbelebte weniger eine gerettete Prinzessin als eine verfluchte Künderin von antik-tragischem Format: „Er wird kommen“, stammelt die Zeugin, bevor es sie hinwegrafft. „Er kommt durch die Wand.“

          Wie der erste Auftritt Eidingers als ungebetener Besucher stammt auch der zweite aus der Feder des auf Borowski-Fälle spezialisierten Autors Sascha Arango. Doch die Regie, damals von Christian Alvart als Horrormärchen über das absolut Böse angelegt, liegt dieses Mal in den Händen einer Frau. Und Claudia Garde tat gut daran, das Grelle etwas abzudämpfen und das Drama noch stärker in das Innere der Figuren zu verlegen. Es ist ein großes Psychoduell geworden zwischen Borowski, dem versierten Einfühler in Täterseelen, und dem perfekt Normalität simulierenden „Lebensdieb“. Beide sind sie Gäste in der Psyche des anderen. Beide entdecken im Gegenüber etwas von sich, denn das Gute und das Böse sind alte Bekannte. Korthals spricht es in diesem Film, der insgesamt einen Tick zu viel Kommentierung mitliefert, aus: „Sie sind kein Stück besser als ich, Sie haben’s nur besser.“

          Man ahnt doch Böses

          Beim „Tatort. Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes“ handelt es sich also mitnichten um eine schlichte Fortsetzung. Drei Jahre sind vergangen, alle Figuren haben sich weiterentwickelt: „Auch Unmenschen ändern sich.“ Einer der Gründe dafür wird bald offensichtlich. Er wird dazu führen, dass Borowskis Braut in das Blickfeld des Frauenmörders gerät und der Kommissar mit dem Gesetz zu hadern beginnt: „Warum hab ich das Tier nicht erschossen?“ Das Buch setzt auf Andeutungen, wenn Sarah Brandt die schönen, bösen Augen des Täters beschwört; die Regie arbeitet mit Tricks aus der Thrillerkiste: dunkle Wohnungen, Geräusche hinter Türen, Soundeffekte. „Man möchte es nicht aussprechen, ahnt aber doch Böses dabei“, bringt Borowski diese Methode auf den Punkt. Da hätte es der ein wenig verquer wirkenden Eigenzitate - die vom Täter benutzte Fremdzahnbürste, der abgeleckte Kaffeelöffel des Opfers - gar nicht bedurft.

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          Es sind die im besten Sinne undurchschaubaren Ausnahmeschauspieler Eidinger und Milberg, die diesen hochspannenden, Abstruses nicht fürchtenden „Tatort“ tragen, der uns trotz der klaren, einfachen Handlung mehrfach zu überraschen versteht. Von der Figur des Gegenspielers „auf der dunklen Seite“ geht vielleicht nicht ganz dieselbe Faszination aus wie in der früheren Episode, doch das liegt vor allem daran, dass es keine zweite Chance für den ersten Eindruck gibt.

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