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„Tatort“-Folge „Aus der Tiefe der Zeit“ : Meret Becker und der Handlungsklops

Im Spagat: Beim Verhör entspannt sich Liz Bernard (Meret Becker) gern mit ein wenig Yoga ... Bild: Frederic Batier

Sittenbild mit Revolverheldin: Dominik Graf hat für die ARD einen rätselhaften Münchner „Tatort“ gedreht. Eine echte Herausforderung für Schauspieler und die Zuschauer.

          3 Min.

          Da fordern „Tatort“-Zuschauer und Rezensenten seit Jahren, dass sie bitte weniger mit dem Privatleben der Ermittler behelligt werden, jetzt bekommen sie die Quittung. Hauptkommissar Thiel wurde im letzten Münsteraner Mordfall von seiner Assistentin einfach nur ausgelacht, als er sie nach einem feuchtfröhlichen Abend inklusive Filmriss fragte, ob sie beide sich nähergekommen seien.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Und im Münchner „Tatort“ von diesem Sonntag ist es sogar noch schlimmer, da traut sich Hauptkommissar Leitmayr (Udo Wachtveitl), der sich früher so gerne in schöne Verdächtige verliebte, offenbar selbst kein aufregendes Privatleben mehr zu - die verführerischen Signale seiner neuen Nachbarin lassen den alleinstehenden Ermittler schon fast beunruhigend kalt. Das ist nun wirklich frustrierend beim Zuschauen.

          Streben nach Undurchschaubarkeit

          Was hat der neue „Tatort“ aus München, der erste von Dominik Graf nach achtzehn Jahren, nun als Ersatz zu bieten? Einen dichten, komplexen Fall mit Wirtschaftskriminalitätselementen, wie wir ihn immer sehen wollten, einen Fall aber auch, der wegen seiner überambitionierten Erzähltechnik an Dringlichkeit einbüßt und abstrakt in der Figurenzeichnung bleibt.

          ... Kommissar Batic (Miroslav Nemec) arbeitet indes lieber im Sitzen
          ... Kommissar Batic (Miroslav Nemec) arbeitet indes lieber im Sitzen : Bild: Frederic Batier

          Wie schon Leander Haußmann in seinem Münchner „Polizeiruf“ vor vier Wochen legt auch Dominik Graf in den neunzig Minuten Krimi-Sonntag allen Ehrgeiz darein, eine komplexe Handlung durch abrupte Filmschnitte und Jahrzehnte überbrückende Zeitsprünge noch undurchschaubarer zu machen, als sie es ohnehin schon ist. Es ist ja schön, wenn das deutsche Sofa-Idyll am Sonntag mal aufgemischt wird, sofern dabei etwas Stimmiges herauskommt.

          Navigation mit Schwierigkeiten

          Aber muss der Bauskandal, der in diesem Fall durch recht schwer zu sortierende Verhöre aufgedröselt wird, unbedingt mit einer Irrfahrt Leitmayrs durch München parallel geschnitten werden? Zugegeben, dadurch zeigen sich eindrücklich die Auswirkungen des Bauskandals auf die Stadt - das halbe Westend ist abgesperrt -, aber den Zuschauer überfordert es, während er von den Fehlinformationen aus Leitmayrs Navigationsgerät genervt wird, auch noch ein schwer durchschaubares Firmengeflecht (Baufirma Radlmeyer, „Mühlbauer Immobilien“, Firma „Event-Circus“) zu entwirren.

          Bietet sie ihm einen Ausweg aus der verwirrenden Handlung? Hauptkommissar Batic im Gespräch mit einem kleinen Mädchen (Pauline Graf)
          Bietet sie ihm einen Ausweg aus der verwirrenden Handlung? Hauptkommissar Batic im Gespräch mit einem kleinen Mädchen (Pauline Graf) : Bild: Frederic Batier

          Schon der Vorspann zu der diesmal aus allen Registern orgelnden Musik von Sven Rossenbach und Florian von Volxem zeigt, welch ein immenser Handlungsklops da in den nächsten neunzig Minuten aufbereitet sein will. Man sieht eine junge Frau in der Nachkriegszeit, die in einem Keller etwas zu schaffen hat und anschließend als Revolverheldin in einer Zirkus-Show der fünfziger Jahre auftritt, dazwischengeschnitten Schwarzweißaufnahmen des früheren jugoslawischen Staatschefs Tito. Dann sehen wir das vertraute Cowgirl-Kostüm an einer alten Dame (Erni Mangold), die für Fotografen vor ihrer Villa am Pullacher Isar-Ufer posiert, in der Jetztzeit.

          Die Handlung ist ein Puzzlespiel

          Anschließend gerät Leitmayr auf der Suche nach einer „gescheiten Milzwurst“ zufällig auf eine Werbeveranstaltung von „Radlmeyerbau“ und „Event-Circus“ (siehe oben), während parallel Baggerarbeiten eine Leiche ans Tageslicht befördern. Nach etwa fünfzehn Minuten wissen wir, dass der Tote wahrscheinlich Florian Holzer ist, Sohn von Magda Holzer, der Zirkus-Schützin aus dem Vorspann, und besonders aufmerksame Zuschauer erinnern sich sogar daran, dass die Firma „Event-Circus“ einem Peter Holzer gehört, ihrem Sohn.

          Verführungsversuch: Liz Bernard (Meret Becker) und Peter Holzer (Martin Feifel)
          Verführungsversuch: Liz Bernard (Meret Becker) und Peter Holzer (Martin Feifel) : Bild: Frederic Batier

          Sie werden sich daher nicht wundern, dass Leitmayr in Pullach auf Liz Bernard (Meret Becker) trifft, die er schon von der Werbeveranstaltung im Münchner Westend kennt. Trotzdem liegt einem nach zehn Minuten die Handlung so schwer im Magen wie eine eilig verzehrte Milzwurst. Nach sechzehn Minuten ist die Leiche identifiziert, und in den restlichen siebzig Minuten (Drehbuch: Bernd Schwamm) geht es, kurz gesagt, darum, die ausgestreuten Handlungsschnipsel zu ordnen und wieder zusammenzusetzen.

          Symptomatisch für diese unberechenbare Erzählweise ist das Spiel von Meret Becker, die als Liz Bernard ihr ganzes Können aufbieten muss, um die zahlreichen Handlungsumschwünge, wechselnden Perücken und Liebhaber einigermaßen authentisch zusammenzuführen. Martin Feifel gefällt als schön breit agierender Unternehmer Peter Holzer, doch schon die weiteren Hauptfiguren fesseln ebenso wenig wie die Ermittler.

          Mit den zum Teil grandiosen „Polizeiruf“-Folgen, die Dominik Graf in den letzten Jahren inszeniert hat, kann dieser „Tatort“, der erste nach der legendären Folge „Frau Bu lacht“, nicht mithalten. Wie Leander Haußmann scheint Graf momentan mit dem Neunzigminüter zu fremdeln und ihn daher zu überfrachten. Sollte es die ARD wieder einmal mit einem Mehrteiler am Sonntagabend versuchen?

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