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„Tatort“-Folge „Allmächtig“ : Ein Satansbraten kommt selten allein

Bleiben sich treu: Leitmayr (Udo Wachtveitl, links) und Batic (Miroslav Nemec) Bild: BR

Solide Teufelei mit Zahlenspielerei: Im neuen Münchner „Tatort“ sind die Spuren des Bösen gar nicht so schwer zu ermitteln. Es ist Batics und Leitmayrs sechsundsechzigster Fall.

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          Zwei Ermittler, zwei mal elf Jahre und nun der sechsundsechzigste Fall, das sind genau zwei mal dreiunddreißig Fälle - irgendwie müssen den „Tatort“-Machern vom Bayerischen Rundfunk die Zahlenspielereien ein wenig zu Kopf gestiegen sein, als es daran ging, sich etwas einfallen zu lassen für das Schnapszahlen-Dienstjubiläum des Traditionsduos aus München, Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec). Seit 1991 jagen die beiden gemeinsam Mördern hinterher, sind darüber grau geworden und miteinander verwachsen wie ein altes Ehepaar, bei denen einer die Sätze des anderen zu Ende spricht. Bevor aber jemand zu witzeln anfangen könnte, mit sechundsechzig Fällen sei noch lange nicht Schluss, setzt der Sender lieber auf die düstere Logik der Doppelzahl - wenn auch mit einem Augenzwinkern. Denn setzt man noch eine Sechs zu den beiden vorhandenen Ziffern, hat man schon ein Satanistensymbol vor Augen.

          Es geht um Exorzismus

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und so nimmt es nicht Wunder, dass es in „Allmächtig“ (Buch: Gerlinde Wolf, Harald Göckeritz, Edward Berger) um Exorzismus geht und Leitmayr und Batic erst einmal einen Mann suchen, der sich Albert A. Anast nennt - und sich so benimmt, wie es das Anagramm seines Nachnamens vermuten lässt, wie der Satan eben. Das Mittelinitial hat er sich nur zugelegt, um vom banalen AA zum Triple-A des Bösen aufzusteigen. Alexander Schubert darf als Anast das alter Ego des Schüchterlings spielen, den er sonst in der „heute“-Show gibt, einen Sensationsreporter, der mit diabolischem Augenaufschlag und Mikrofon im Anschlag vor laufender Kamera in die Leben von Menschen eindringt, die schon ganz unten angekommen sind: wie das der Frau, die in einer völlig vermüllten Wohnung lebt. Die Videos dieser Bloßstellungen landen im Netz, jeder Klick bringt Anasts Produktionsfirma Geld.

          Triple-A des Bösen: Alexander Schubert als diabolischer Sensationsreporter Albert A. Anast.

          Doch all das ist schon Geschichte, als der Zuschauer Anast zum ersten Mal begegnet: Da kurvt der von Hass-Mails verfolgte Mann blutüberströmt im Sportwagen durch die Berge, und es ist nicht zu viel verraten, dass er bald tot in im Gras liegen wird, mit Schnittwunden überall und eingeschlagenem Schädel. Die arme Frau aber, deren Messie-Wohnung er medial vorgeführt hat, liegt zwischen ihrem Müll, ein Messer im Leib, und die Kamera (Peter Joachim Krause) zoomt kurz auf die Maden, die schon im Fleisch der Leiche wimmeln.

          Solche Ekel-Eskapaden wirken so erratisch in diesem „Tatort“ wie die Extrem-Zeitraffer, die hin und wieder durchs Bild zucken - Batic und Leitmayr selbst würden das alles wohl als neumodischen Kram abtun. Bei ihnen zählt Konstanz. Da wird unaufgeregt vor sich hin ermittelt und überbetonter Altherren-Körpereinsatz des einen vom anderen mit: „Du mit deinem Heldenscheiß!“ abgewatscht.

          Daheim vor dem Alpenpanorama

          Lieber steigen die zwei ins Auto und folgen den nicht allzu gewundenen Spuren des Bösen. Die führen zu der eiskalten Geschäftsführerin (Claudia Hübschmann) der Produktionsfirma, der die Berechnung aus den Augen strahlt, und immer wieder zu Pfarrer Fruhmann (Ernst Stötzner), der mit seinem Zögling, dem Priesteranwärter Rufus (Albrecht Abraham Schuch) eine Besessenheit für die Austreibung dunkler Mächte teilt. Die Rollen sind treffend besetzt, das Spiel des Ensembles überzeugt, aber so richtig in die Puschen kommt dieser Exorzismus-Krimi trotzdem nicht. Vielleicht wollte Regisseur Jochen Alexander Freydank den Fans des Isar-Tatorts, denen die Folge von Dominik Graf jüngst zu experimentell war, nicht zu viel zumuten. Vielleicht geht solider Satanismus aber auch nicht.

          Und welche Rolle spielt der dubiose Pfarrer Fruhman (Ernst Stötzner) in dem ganzen Veitstanz?

          Und Solidität ist doch wohl der Markenkern von Batic und Leitmayr. Am meisten sind die Herren bei sich, wenn sie in einer ruhigen Minute vor dem Alpen-Panorama sinnieren, was das alles hier wieder kostet, diese Ermittlungen, und einer - eigentlich egal, welcher - fragt: „Kannst du dir vorstellen, jemals von hier wegzugehen?“ Natürlich nicht.

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